Bewerbung auf die Stelle meines Lebens

Sehr geehrte Damen und Herren hiermit bewerbe ich mich auf die Stelle meines Lebens!

Dafür möchte ich mich gerne vorstellen. Ich bin eine junge Frau, die gerade nicht weiß, was sie will. Ich bin ungeduldig mit mir selbst, geduldig mit anderen, stelle sehr hohe Ansprüche an mich und fühle mich gleichzeitig wie ein Sandkorn, das zwischen Ihren Händen nur einen winzigen Moment Aufmerksamkeit findet, während es zwischen den anderen in den Sand fällt.

Ich zweifle ständig an mir, stelle Fragen über Fragen. Ganz selten reiche ich aus. Bin eines dieser unsicheren Wesen, die tagträumen, sich ins Musikhören flüchten.

Zwischen der Realität und mir klafft ein Loch, welches sich nicht füllen lässt.

Ich mag Mode, meine Freund*innen und gutes Essen. Meine Intensität und meine Leichtigkeit. Habe permanent Sehnsucht und Fernweh und träume von einer sozialeren Gesellschaft.

Ich bin nicht gebildeter als Sie, aber auch nicht dümmer als du.

Ich bin der Durchschnitt und will dennoch besonders sein. Besonders kreativ, besonders schön, besonders reich. Reich an inneren Werten und kann mir dennoch davon nichts leisten.

Gemaltes Bild einer Frau inmitten von einengenden Gedanken

(c) Lui Kohlmann

Ich möchte nicht Hartz IV und bin es gerade doch.

Ich tue mich schwer, mich anzupassen an eine Arbeitswelt, deren Sinn ich nicht verstehe. 40 Stunden arbeiten ist die Hölle.

Hätte gerne drei Tage die Woche frei. Würde gerne so viel Geld verdienen, dass für meine Hobbies etwas übrig bleibt. Hin und wieder schöne Schuhe kaufen und etwas für eine eventuelle Rente beiseitelegen. Nicht viel verlangt, oder?

Ich will keine Bewerbung schreiben, in der ich so tue, als könne ich alles. Und auch keine Stellenausschreibungen mehr lesen, die einem alles abverlangen. Ich will kein Produkt sein, keine Ware des Kapitalismus.

Ich bin müde von einem System, was mich so unfähig fühlen lässt. Vom Arbeitsamt, Jobcenter und ach so tollen Maßnahmen.

Ich träume von einem Arbeitsplatz, der mir die Freiheit lässt, ich selbst zu sein. Der es mir erlaubt, die Welt zu gestalten, wie sie mir gefällt.

Ich möchte den baldigen Frühling riechen, meinen Körper in der Sonne wärmen. Träume von einer langen Reise und nicht vom Geld und dicken Konten.

Möchte aussteigen, Papayas essen und die Lippen meiner*s Liebsten küssen.

Ich tanze, träume, schlafe, rieche, weine und singe Lieder übers Leben.

Ich suche keinen Job. Nur ein Leben, welches sich zu leben lohnt.

Ich bin ehrgeizig dabei, meine Freiheit zu bestreiten und bleibe doch eine Gefangene im System.

Falls Sie eine Antwort auf meine Zweifel und Fragen haben, würde ich mich sehr freuen, wenn Sie mich auf Kaffee und Kuchen einladen. Am liebsten im Garten Eden oder irgendwo, wo es besser riecht als hier. Ich bin bereit für alle verrückten Schandtaten, die es mir möglich machen, ich selbst zu bleiben.

Mit freundlichen Grüßen,

eine Tagträumerin

  10 comments for “Bewerbung auf die Stelle meines Lebens

  1. Janni
    26. März 2017 at 11:12

    Ich liebe diesen Artikel! Mein Favorit im Special!

  2. Doni
    26. März 2017 at 12:32

    Ich finde den Artikel sehr schön!

  3. Ricarda
    26. März 2017 at 13:58

    Arbeiten & gleichzeitig Leben – Ideal…

  4. Pepa
    26. März 2017 at 17:22

    Von innen nach außen – wunderbar gelungen!

  5. Kim
    26. März 2017 at 17:24

    Das fasst alle meine Hoffnungen und auch die Ängste für die Zukunft zusammen. Danke dafür!!

  6. Joschi
    26. März 2017 at 19:15

    .
    Ich bin zu
    perfekt, um Sie in meinen Garten
    Garten einzuladen!

    • Joschi
      29. März 2017 at 10:30

      Ein Schreibfehler! Schade. Dann bin ich nun doch nicht perfekt.

  7. Hannah
    26. März 2017 at 20:41

    Habs mir gleich ausgedruckt und in die Küche gehängt! Wundervoll! Hannah

  8. Jana
    28. März 2017 at 9:37

    Ich bin dir sehr dankbar, liebe Autorin, denn du sprichst mir aus der Seele! Und es kommt nicht oft vor, dass junge Menschen so offen damit umgehen und sich dazu bekennen, mit der Arbeitswelt und den Anforderungen nicht mithalten zu WOLLEN und zu KÖNNEN. Ich befinde mich gerade in einer Situation, die deiner stark ähnelt. Und da tut es immer gut, wenn man, leider viel zu selten, auf Gleichgesinnte trifft! Danke!

  9. Birgit
    14. April 2017 at 9:00

    Naja. eine Idee davon, was frau will, ist schon hilfreich, um die Brücke zur Realität zu beschreiten und etwas mit dem eigenen Leben anzufangen.
    Und wenn ich lese, dass Mode und Schuhe und Reisen die einzigen Ziele sind, die angesprochen werden, denke ich: Komm raus aus deiner Blase und fang an, zu machen.
    „40 Stunden Arbeit sind die Hölle.“ – und doch für die meisten ihre tägliche Realität, mit der sie umgehen. Und beileibe nicht immer die Hölle!
    Alles in allem: Klingt für mich wie ein Kind in der Trotzphase.

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