Briefe aus Lesmona

Das Musikfestival „Sommer in Lesmona“ besinnt sich auf seine Ursprünge, nämlich die Briefe der 18-jährigen Marga, die vor über hundert Jahren im heutigen Knoops Park ihre erste Liebe erlebte. Die Geschichte eines Sommers bezaubert auch an verregneten Tagen.

Die Festivalbesucher hoffen jedoch auf Sonne. Vom 12. bis 14. August findet das Musikfestival statt – wie immer unter freiem Himmel. Die Musikliebhabenden lauschen bei einem gemütlichen Picknick den Konzerten und Lesungen. Im Vordergrund stehen dieses Jahr die bremischen Wurzeln der Konzerttage. Der Roman „Sommer in Lesmona“ erzählt davon, wie die jugendliche Marga auf dem Anwesen ihres Onkels in Bremen-Nord Percy kennenlernte, ihren charmanten Cousin zweiten Grades, der aus England zu Besuch kommt. Auf Reit- und Ruderausflügen kommen sich die beiden näher. Fortan nennt er sie nur Daisy, nach einem Schlager. Das folgende Gefühlschaos dokumentiert sie in Briefen an ihre Cousine Bertha.

Die Geschichte zweier Freundinnen

Zwischen 1893 und 1896 schrieben sich die beiden fast täglich. Um 1900 wurde noch mehrfach am Tag die Post ausgeteilt. Aus heutiger Sicht ist es einfach, die Bedeutung des Briefes für die private Kommunikation zu vergessen. Soziale Medien und das Mobiltelefon ermöglichen es, sich immer und überall mit seinen Mitmenschen auszutauschen. Aber auch damals war das Mittelungsbedürfnis hoch. Marga steht extra früh auf, um ihre Briefe schreiben zu können, denn, so schreibt sie an Bertha: „Du musst doch alles miterleben!“ Ihrer „lieben, einzigen Bertha“ kann sie alles anvertrauen. Die Briefe haben deshalb oft Tagebuchcharakter. Marga schreibt von heimlichen Treffen mit Verehrern und ihrer Liebe zu Percy, die sie lange vor ihrer Familie verbirgt. „Ich habe Percy erzählt, daß ich Dir alles schreibe. Zuerst war er entsetzt.“

Hinter dem Pseudonym Marga Berck verbirgt sich Magdalene Pauli, geboren Melcher, die 1875 in Bremen geboren wurde. Die Briefe, die 1951 unter dem Titel „Sommer in Lesmona“ veröffentlicht wurden, sind alle authentisch – und lesen sich doch wie ein Roman. Magdalene, im Buch Marga, war die Tochter von Bremer Kaufleuten. Marga und Bertha wuchsen wie Schwestern auf. Die Familien lebten in zwei Häusern, Tür an Tür, auf der Contrescarpe. Das Briefeschreiben begannen sie auf Reisen, um auch dort miteinander verbunden zu sein. Als Teil der Bremer Oberschicht geht die Familie Berck viel auf Reisen. Marga schreibt aus Florenz, Kreuth, Wiesbaden und München. Die Sommerfrische verbringt sie jedoch in Lesmona – also im heutigen Bremen-Nord. Das Buch zeigt ganz beiläufig Lokalkolorit. Marga erwähnt, wo man Blusen kauft und auch, wo man Tanzen geht.

Eine junge Frau erzählt

Die Briefe geben jedoch nicht nur Einblicke in die Geschichte der Stadt, sondern auch in die Lebensrealität einer jungen Frau zur Jahrhundertwende. Auch Marga bekommt das strikte gesellschaftliche Korsett zu spüren. Treffen mit jungen Männern sind nur unter Aufsicht gestattet. Skurrile Annäherungsversuche sind die Folge.

„Warum wischen Sie mir eigentlich immer mit dem Eselsohr das Gesicht ab?“ Da antwortete er: „Verstehen Sie das denn nicht? Können Sie das denn wirklich nicht verstehen?“ „Nein“, sagte ich, „das kann ich nicht verstehen.“ Er darauf: „Aber Marga, ich kann Sie doch nicht streicheln, also tue ich es mit dem Ohr dieses guten Tieres.“

Als Tochter aus gutem Hause wird von Marga eine gute Partie erwartet. Margas Favorit Percy kommt jedoch nicht in Frage. Auch Marga sieht ein: Mit seinen 20 Jahren ist er noch zu jung, um eine Familie zu ernähren. Eine fünfjährige Verlobungsperiode kann sich die noch so junge Marga nicht vorstellen.

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Auf die schmerzhafte Einsicht folgt der Liebeskummer, als Percy wieder nach England geht. Dabei geht es Marga nicht anders, als anderen Jugendlichen heute. Es fällt nicht schwer, sich in ihre Welt hineinzudenken: Zwist mit den Eltern, die erste Liebe, all das sind Dinge, die auch nach über 100 Jahren nicht an Aktualität verloren haben. Dazu schreibt Marga mit Witz und Charme. Ihre Sprache ist leicht zugänglich, umgangssprachlich und dennoch wortgewandt. Von Berthas Antworten sind nur noch wenige erhalten. Das ist sehr schade, denn Marga beteuert: „Ich könnte ohne sie nicht leben. Du verstehst alles, und so verstehst du auch meinen jetzigen Zustand.“

Mehr von Marga gibt es auch dieses Jahr beim „Sommer in Lesmona“. Bei der Lesung am Samstag werden verwandte Texte gelesen. Am späten Abend wird wie jedes Jahr die Verfilmung der Briefe von 1985 mit Katja Riemann in der Hauptrolle gezeigt. Tickets und weitere Informationen finden sich auf der Webseite der Bremer Kammerphilharmonie.

Hannah Lena Puschnig

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