Eine Lücke für mich

Eine Lücke im Lebenslauf? Geht gar nicht, sagen einige. Ist manchmal aber ganz schön wichtig. S. macht aktuell ein Jahr Pause von ihrem Studium und genießt die Freiheit.

Perfekt ist nicht immer gut

Frau geht mit erhobenen Armen durch einen garten

© frauenseiten.bremen ; Devrim Sahiner

Der Lebenslauf von S. liest sich wie eine perfekte Anreihung von Karriereschritten: Gute Schule, Begabtenprogramm, dann an die Uni. Studium mit dem Ziel, Lehrerin zu werden. Gearbeitet wird nebenbei auch noch, selbstverständlich. Privatleben, Uni, Arbeit – alles ist geordnet und genau geplant. Maximal etwas länger für das Studium brauchen, aber das auch nur, um noch im Ausland studieren zu können. Und dann wird jemand in der Familie von S. krank. Schwer und nicht behandelbar. Neben all ihren Verpflichtungen verliert S. innerhalbs kürzester Zeit einen geliebten Menschen und hat kaum Zeit zu trauern – schließlich muss das Leben und die Arbeit ja auch weitergehen, wie alle immer sagen. S. stürzt sich zur Ablenkung in ihren vollgepackten Alltag.

Flucht nach vorn

Nur tut ihr das weniger gut, als sie denkt. „Seit dieser Zeit schiebe ich alles vor mir her“, sagt sie. „Meine Trauer, meine Angst, alles musste ausweichen für Arbeit und Uni.“ Das macht S. kaputt und bald wird ihr klar, dass es so nicht weitergeht. Kurz vor ihrem Abschluss fasst sie den Entschluss: Es reicht. Vorerst zumindest. Ein Jahr will sie sich Zeit nehmen, um den Kopf frei zu kriegen. Ein Jahr lang will sie weg aus Deutschland. Lässt die Bachelorarbeit links liegen und zieht, so spontan wie es eben geht, zu ihrem Freund nach Nordafrika. Anderes Land, anderes Umfeld, andere Anforderungen an den Tag. Mal ein Jahr lang Pause machen und nicht immer verantwortungsbewusst und perfekt sein.

© Bartmann

Eine Lücke ganz für mich

Die Kommentare aus dem Bekanntenkreis sind fast immer dieselben. Ob sie sich das gut überlegt habe. Ob sie sich keine Sorgen um ihre Zukunft mache. Ob sie sich nicht einfach nur verpflichtet gefühlt habe, ihrer Beziehung wegen wegzuziehen. „Du musst auch an dich denken!“, sagen sie dann alle. Und genau das tue ich, sagt S. Genau um mich geht es nämlich in dieser Lücke, die ich mir lasse. Keine Uni, keine Arbeit, kein Stress, dafür ein Tapetenwechsel und eine neue Umgebung, um mich von all dem abzulenken, was mich bis jetzt so zurückgehalten hat. Zeit mit ihrem Freund verbringen, den sie vorher so selten sehen konnte. Das Land richtig genießen, einen anderen Alltag haben und dann – so der Plan – zum Wintersemester wieder nach Deutschland und weiterstudieren. Aber dann in einem Tempo, bei dem sie selbst nicht so auf der Strecke bleibt.

Kim Hofschröer

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