Erasmus: Der Blick über den Tellerrand

Studieren ist öde? Nicht immer! Ein paar Monate im Ausland können ordentlich Schwung in den Unialltag bringen.

Immer mehr Abiturient*innen entscheiden sich für ein Studium, somit herrscht stets ein reges Treiben an der Universität Bremen. Im letzten Jahr wurden insgesamt rund 20.000 Studierende gezählt, die sich auf verschiedene Wissenschaftsbereiche aufteilen. Darunter mischen sich auch junge Menschen, die eine andere Nationalität besitzen und die Universität Bremen nur für ein oder zwei Semester besuchen. Auch uns deutsche Studierenden packt schnell die Abenteuerlust und die Sehnsucht nach der Ferne. Einfach mal raus aus dem Trott der gewohnten Umgebung, neue Bekanntschaften machen und eine andere Kultur für längere Zeit intensiv kennenlernen. Doch welche Möglichkeiten hat man hier als Student*in mit wenig Kapital? Wer hilft mir, den Weg zum Leben in einem anderen Land zu ebnen?

Ab ins Ausland! Aber wie?

Brücke über großem Fluss

(c) Julika Wagner

Hier kommt Erasmus ins Spiel. Es handelt sich hierbei um ein Förderprogramm der Europäischen Union, das den transnationalen Austausch von Studierenden durch Universitätskooperationen unterstützt. Vor zwei Jahren hat es sich mit anderen Programmen zusammengeschlossen und heißt seither offiziell Erasmus+. Dank dieses Programms können mittlerweile 2 Millionen Studierende im Ausland studieren oder sich fortbilden, z.B. im Rahmen von 450 000 Praktikumsmöglichkeiten. Ich selbst durfte ebenfalls bereits von diesem Angebot profitieren – beziehungsweise musste es sogar. Seit vier Jahren studiere ich nun Französisch, wobei die sprachliche Praxis ziemlich zu kurz kommt. Da ist es nur sinnvoll, dass in Bremen ein Sprachstudium direkt mit einem Auslandsaufenthalt verbunden ist. Die Universität Bremen hat Partnerschaften mit Hochschulen aller 27 EU-Mitgliedsstaaten, sowie Island, Liechtenstein, Norwegen und der Türkei. Für den Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaften allein gibt es schon knapp hundert Partnerhochschulen. Für mich war natürlich klar, dass ich in ein französischsprachiges Land gehen würde. Mit der Planung muss ein Jahr vor der Abreise begonnen werden. Zunächst wählt man drei Universitäten aus, die einem persönlich interessant erscheinen. Dann heißt es warten, bis man erfährt, an welcher Hochschule man den Platz erhält. Glücklicherweise erfüllte sich mein Erstwusch, womit ich mich gezielt auf meinen Aufenthalt in Rouen (Normandie) vorbereiten konnte.

Die Vorbereitungsphase – ein wahrer Geduldsakt

große goldene Uhr in der Altstadt

Die „Gros Horloge“ – eines der Wahrzeichen von Rouen (c) Julika Wagner

In den folgenden Monaten herrscht ein ständiger Austausch von Formularen, die unterschrieben, gestempelt und bei den zuständigen Personen eigereicht werden müssen. Diese Zeit erfordert viel Geduld und ein dickes Fell, da nicht alles immer rund läuft. Was die Auswahl der Kurse betrifft, muss man von vornherein damit rechnen, dass sich alles vor Ort komplett ändert. Und wer denkt, dass die deutsche Bürokratie chaotisch und kompliziert ist, der wird in Frankreich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.
Wichtig ist natürlich auch die Frage: Wo finde ich eine günstige Unterkunft? Hier gibt es mehrere Möglichkeiten. Die wohl einfachste Variante ist ein Zimmer in einem der Studentenwohnheime. Praktisch ist, dass diese nah an der Universität gelegen sind und ein Anmeldeformular von der Partnerhochschule schon bereitgestellt wird. Allerdings sind die Zimmer in der Regel nur 9qm groß und sind mit rund 300 Euro Monatsmiete nicht wirklich günstig. Ich habe mich für ein Zimmer in einer WG entschieden, die in der zentralen Altstadt gelegen ist. Mein Wunsch war es, mit französischen Muttersprachler*innen zusammenzuleben, um mit der Sprache kontinuierlich in Kontakt zu sein. In den Wohnheimen sind stets viele Erasmusstudent*innen und somit auch viele Deutsche untergebracht, was dem sozialen Kontakt zugutekommen mag, jedoch nicht unbedingt den Französischkenntnissen. Mit der Wohnungssuche begann ich circa ein halbes Jahr vor der der Abreise. Es war nicht leicht, auf den von ehemaligen Erasmusstudent*innen empfohlenen Internetseiten ein freies WG-Zimmer für den Zeitraum zwischen September und Januar zu finden, doch letztendlich sagte mir ein französischer Student zu. Mir war zunächst etwas mulmig zumute, da ich mir weder die Wohnung persönlich anschauen, noch meinen zukünftigen Mitbewohner richtig kennenlerne konnte. Ich ließ es also auf mich zukommen und freute mich einfach, eine Unterkunft gefunden zu haben.

Auf auf in’s Chaos!

hohe Felsen am Strand

Steilküste von Etretat (c) Julika Wagner

Der Tag des Aufbruchs rückte immer näher und damit auch die nächste Herausforderung – das Packen. Was kommt mit? Worauf kann ich verzichten? Für ein halbes Jahr zu planen ist wirklich nicht leicht. Ich hatte Glück, dass meine Eltern mich mit dem Auto nach Rouen brachten. Am Flughafen wäre ich mit derart viel Gepäck kläglich gescheitert. Mit unserem vollgestopften Renault machten wir uns schließlich auf ins Ungewisse. Nach etwa zehn Stunden erreichten wir unser Ziel. Ich war von Anfang an angetan von der schmucken Altstadt, den verwinkelten Quartiers und der Nähe zur Seine. Meine Unterkunft lag tatsächlich sehr zentral. Mein Mitbewohner Baptiste – ein dreiundzwanzigjähriger, etwas schusseliger und bärtiger Vollfranzose – nahm mich und meine Eltern in Empfang und half uns, meinen kompletten Hausrat in den dritten Stock des alten Gebäudes zu hieven. Die Wohnung entsprach voll und ganz meinen Vorstellungen. Sie war alt, klein und etwas rummelig. Mein Zimmer war voll möbliert und hielt ausreichend Stauraum bereit. Baptiste, der doch tatsächlich ein wenig Englisch sprechen konnte (für Französinnen und Franzosen bewundernswert), zeigte uns die Stadt und half mir bei der Einrichtung meines Bankkontos bei der BNP Paribas. Er ist ein sehr sympathischer und zurückhaltender Mensch und puppte sich als wahrer Backchampion heraus. Er war stets hilfsbereit, jedoch auch oft ahnungslos und verkörperte somit das allgemeine französische Chaos. Auch an der Universität ist Struktur ein Fremdwort. Es gibt zwar eine Erasmusbeauftragte, doch bei Fragen wird man von einer angeblich dafür zuständigen Person zur nächsten geschickt. Bis der vollständige Stundenplan feststeht, vergehen circa zwei Wochen. Immer wieder kommt es zu Überschneidungen oder die Anzahl der zu ergatternden Credit Points reicht nicht aus. Die Universität Bremen schreibt vor, über 20 Credit Points an der Partnerhochschule zu sammeln. Werden diese nicht erreicht, muss der komplette Zuschuss von Erasmus (damals 258 Euro monatlich) zurückerstattet werden. Das möchte natürlich niemand und somit schwebt die Sorge um das Bestehen oder Nicht-Bestehen der Prüfungen wie eine dunkle Wolke über dem Auslandssemester.

Neu, anders, multikulti

Schnecken im französischen Restaurant

Schnecken in Buttersoße (c) Julika Wagner

Ein willkommener Ausgleich sind die Veranstaltungen, die in jeder Stadt speziell für die Erasmusstudenten organisiert werden. Ob bei Ausflügen in naheliegende Städte, Stadtrallys oder Kneipenabenden – fast jede Woche gibt es die Möglichkeit, weitere Erasmusstudent*innen oder Einheimische neu oder näher kennenzulernen. Ansonsten gibt es in Rouen leider wenig Angebote für Studierende. Während Deutschland viele Vergünstigungen und ein extra Studententicket für die öffentlichen Verkehrsmittel bereitstellt, gibt es in Rouen nur Preissenkungen für junge Leute unter 25 Jahren. Dementsprechend ist das Leben in Frankreich im Vergleich deutlich teurer. Im Supermarkt habe ich nicht schlecht gestaunt, als ich meinen ersten Einkauf bezahlte. Allerdings gibt es die Möglichkeit, am Wochenende auf dem Markt zuzuschlagen. Hier sind viele Produkte tatsächlich günstiger als im Discounter und natürlich garantiert frisch. Stereotypische Spezialitäten wie Schnecken oder Froschschenkel werden nur in traditionellen Restaurants angeboten. An die Schnecken habe ich mich tatsächlich einmal herangewagt. In Buttersoße eingelegt schmecken sie nicht schlecht, doch ich müsste sie nicht jeden Tag essen.

französischer Crèpe, Galette

(c) Julika Wagner

Sehr zu empfehlen sind die Galettes (herzhafte Crèpes aus dunklem Mehl) und natürlich der Cidre. Die Touren in die nahegelegenen Städte gehören zu den Highlights des Semesters. Paris ist nur eineinhalb Stunden mit dem Zug von Rouen entfernt und mit der Carte Jeune bezahlt man nur den halben Fahrpreis. Besonders sehenswert ist auch die Steilküste von Etretat oder der Strand von Giverny. Auch wenn die Temperaturen in Nordfrankreich nicht allzu hoch sind, so gibt es im Herbst noch sehr schöne, sonnige Tage, an denen man sich auf jeden Fall einen Ausflug vornehmen sollte.

Am Ende des Semesters wird es noch einmal stressig aufgrund der sehr dicht aufeinanderfolgenden Klausuren (natürlich nur auf Französisch) und der nötigen Formulare. Ich habe meinen Frankreichaufenthalt privat um zwei Monate verlängert, um die Gegend noch näher zu erkunden und von dem Unistress etwas Abstand zu nehmen. Für diese Zeit zog ich in eine weitere WG, in der ich mit einer jungen Französin zusammenlebte. Auch sie war sehr sympathisch und eine eher ruhige Person.

Eine tolle Erfahrung!

Insgesamt ist ein Auslandssemester eine Bereicherung für das Studium und für die eigene Persönlichkeit, da man ständig mit Neuem konfrontiert wird, dem man sich öffnen muss. Man knüpft sehr schnell neue Kontakte, insbesondere im Zusammensein mit den anderen Erasmusstudent*innen. Das Universitätssystem ist etwas gewöhnungsbedürftig und fordert viel Geduld und Selbstständigkeit. Doch an solche Erfahrungen gelangt man wohl ohne das Erasmus-Programm nicht so leicht, deshalb kann ich nur allen Studierenden raten, dieses Angebot wahrzunehmen.

Julika Wagner

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