Unsere Frau der Woche: Marina and the Diamonds

Marina and the Diamonds ist eine walisische Singer-Songwriterin. Sie macht Electropop über Liebe, Frauenrollen und die menschliche Natur. Marina and the Diamonds ist ein Künstlername. Die Diamanten stehen nicht für eine Band, sondern für die Fans von Marina und sind eine Anspielung auf ihren echten Nachnamen Diamandis.

Eine Persiflage des schönen Scheins

Eine wichtige Inspirationsquelle ist für Marina and the Diamonds der Mythos Hollywood. Bereits in ihrem ersten Album sang sie in „Hollywood“ über den amerikanischen Traum. In Electra Heart ginge es um die „schäbige Seite“ der USA, sagte sie im Chart Show-Interview. Das Album wird begleitet von dem Videoprojekt The Archetypes. Electra verwandelt sich in jedem Video neu in eine von vier archetypischen Frauenfiguren der amerikanischen Kultur.

Ein Archetypus ist die Vorstadt-Hausfrau. In den 1950ern war sie in den USA das Idealbild der Frau. Man glaubte, dass Frauen für ein erfülltes Leben nichts weiter brauchten als einen Ehemann, Kinder und einen gutgeführten Haushalt. Vorgestellt wird dieser Archetypus in „Su-Barbie-A“, ein Wortspiel auf das englische Wort „Suburbia“, die Utopie der Vorstadt. Eine Frau steht regungslos vor einem Haus. Ihr Gesicht liegt im Schatten. Die Schwarzweißaufnahmen vermitteln einen fast gruseligen Eindruck. So sieht Hausfrauenglück nicht aus. Verzerrte Tonschnipsel aus alten Werbungen sind über einen düsteren Beat gelegt. Eine Frau sagt zu ihrem Mann: „Wenn du mein Kleid nicht magst, stecke ich meinen Kopf in den Backofen“.

Zeichnung: blonde Frau mit Herzchen auf der Wange

Marina and the Diamonds als Electra Heart (c) Hannah Lena Puschnig

Die Primadonna ist ein Material Girl. Sie will, dass man ihr die Welt zu Füßen legt. „Ich weiß, dass ich ein großes Ego habe“, singt sie, „ich weiß allerdings nicht, warum das so ein großes Problem ist“ und räkelt sich auf pinken Satinkissen. Sie ist das, was die innerlich zerrissene Jugendliche gerne wäre. Erfolgreich, beliebt, schön. Sie hat sich noch nicht gefunden, probiert sich aus: Diebstahl, Alkohol, Drogen. Sie stürzt sich in gefährliche Liebschaften, wie in „Radioactive“.

Was die drei gemeinsam haben, sind die blond gefärbten Haare. „Blond hat diese merkwürdige symbolische Kraft – ich denke dabei immer an diese weiblichen Ikonen wie Marilyn Monroe, Madonna, Brigitte Bardot“, sagt sie der Chart Show. „Wären sie genauso erfolgreich gewesen, wenn sie nicht blond geworden wären?“

Marina and the Diamonds singt eine akustische Version von „Lies“ als Electra Heart:

Trag dein Herz auf der Wange, nicht auf der Zunge

In „Power and Control“ ist Electra eine Ehezerstörerin. Sie ist eine femme fatale, die ihre Reize einsetzt, um genau das zu bekommen, was sie möchte: Macht und Aufmerksamkeit. Sie trägt ein kleines schwarzes Herzchen auf der Wange. „Trage dein Herz auf der Wange, aber niemals auf der Zunge“, heißt es in „How To Be A Heartbreaker“.

Das Video dreht die gängige Konvention der nackten Tänzerinnen und angezogenen männlichen Sänger um. Electra steht in einer Sammeldusche, vollkommen angezogen, während hinter ihr sportliche Herren in knappen Badehosen duschen. Die Veröffentlichung des Videos wurde verzögert, da amerikanische Musiksender es zu „homoerotisch“ fanden, um es ins Programm zu nehmen. „Uns werden leichtbekleidete Frauen vorgesetzt, die sich aneinander reiben, und niemand sagt ‚Das ist total lesbisch, das können wir nicht im Fernsehen haben’“, sagte Marina and the Diamonds der Huffington Post. „Ich denke, das ist eine vollkommene Doppelmoral und es ist lächerlich“.  Sie selbst sieht sich als Verbündete im Kampf gegen die Diskriminierung von Menschen, die LBTQ sind. „Es bricht mir das Herz“, sagte sie auf Twitter, „dass so viele Menschen verstecken müssen, wer sie sind, um zu überleben oder ‚akzeptiert‘ zu werden“.

Das Videoprojekt ist auf YouTube zu sehen. Auf einem Tumblr-Blog gibt es Bilder zu den Archetypen.

Marina and the Diamonds und feministische Themen

„Ich bin überhaupt nicht politisch, aber ich interessiere mich für die Gesellschaft“, erzählte Marina Diamandis Time. Sie bezeichnet sich als Feministin. Das sei eine Selbstverständlichkeit, sagte sie auf Twitter. In ihren Songs greift sie immer wieder feministische Themen auf. In „Sex Yeah“ von 2012 geht es darum, wie sehr unser Geschlecht unsere Rolle in der Gesellschaft diktiert. „Mein ganzes Leben habe ich versucht gegen das anzukämpfen, was mir die Geschichte gegeben hat“, singt sie. Außerdem kritisiert sie,  dass von Künstlerinnen immer verlangt wird, sich auszuziehen, wenn sie Erfolg haben wollen.

Auch in „Can’t Pin Me Down“ aus ihrem neuen Album Froot geht es um die Wahrnehmung von Frauen. „Du kannst mich nicht einordnen“, heißt es in dem Liedtext. „All die Widersprüche sprudeln aus mir heraus / Nur ein weiteres Mädchen aus dem 21. Jahrhundert.“ Schubladendenken, findet sie, bringt uns nicht voran. Auch Feministinnen dürften nicht auf Vorurteile zurückgreifen. „Möchtet ihr wirklich, dass ich eine Feminismus-Hymne schreibe? Ich bin damit glücklich, in der Küche für meinen Ehemann zu kochen“, singt sie. Auch beim Feminismus, so sagte sie dem Guardian, ginge es nicht die ganze Zeit nur um Unabhängigkeit.

Feminin, aber stark

Dass ihr Unabhängigkeit durchaus am Herzen liegt, zeigt ihr neues Album, das sie selbst schrieb und mitproduzierte. Auch an ihrem Look hat sich einiges verändert. Jetzt ist sie nicht mehr Electra Heart, sondern einfach Marina and the Diamonds. Weniger exzentrisch wird es dadurch aber nicht. Passend zum Titel des Albums tauchen immer wieder Fruchtmotive auf. Auf ihrer Neon Nature Tour, bei der sie 51 Auftritte bewältigte, trug sie knallbunte, glitzernde Outfits, inspiriert von den 1970er-Jahren. Ihr Vorbild sei ihre Mutter. Am liebsten trüge sie „alles was dir erlaubt feminin, aber stark zu sein“, sagte sie dem feministischen Teenie-Magazin Rookie.

Stark ist sie. Sie wuchs in ärmlichen Verhältnissen, als Tochter einer Waliserin und eines Griechen auf. Als Jugendliche wurde ihr bewusst, dass sie Sängerin werden wollte. Mit 18 Jahren zog sie nach London, um ihren Traum zu verwirklichen. Sie bewarb sie erfolglos bei mehreren Band-Castings. Dennoch gab sie nicht auf. Sie brachte sich das Klavierspielen bei, um Songs schreiben zu können. 2008 unterschrieb sie ihren ersten Plattenvertrag. Sie ging als Vorgruppe mit Katy Perry und Coldplay auf Tour und bewies, dass ihre Musik unterschiedliche Zielgruppen begeistern kann. Hoffentlich begeistert sie auch weiterhin mit ihrer tollen Stimme und besonderen Texten.

Hannah Lena Puschnig

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