Die grausame Praxis der Lotusfüße

Was schön und nach Ästhetik klingt, war leider eine grausame Praxis in China: Das Binden von Füßen, so genannte Lotusfüße, war für fast tausend Jahre eine Tradition. Jungen Mädchen wurden die Füße gebrochen und gebunden, um klein und zierlich zu sein und einem veralteten Schönheitsideal zu entsprechen.

Der Ursprung der Lotusfüße

Eine Gruppe Frauen mit Lotusfüßen

Eine Gruppe Frauen mit Lotusfüßen
(via Wikimedia commons)

Schönheitsideale kommen und gehen im Laufe der Zeit und sind oft angepasst an die jeweiligen sozialen Verhältnisse. War es zur Zeit des Malers Rubens noch das Ultimum der Schönheit, wenn eine Frau übergewichtig war, wird heute Übergewicht als faul und unästhetisch abgetan und ungerne gesehen. Diese Trends sind jedoch kurzlebig verglichen mit dem Ideal der kleinen Füße. Fast tausend Jahre lang wurden Frauen die Füße gebunden im Namen der Schönheit. Je kleiner die Füße, desto schöner die Frau. Es wird davon ausgegangen, dass die Lotusfüße zur Zeit des Herrschers Li Yu, der im 10. Jahrhundert lebte, ihren Ursprung haben. Seine Geliebte habe mit gebundenen Füßen auf einer mit einem Lotus bemalten Bühne getanzt. Dieser Tanz war so anmutig, dass die kleinen Füße schnell Mode wurden und als neues Ideal für Frauen galten. Gebundene, kleine Füße, nicht länger als 10cm, galten als perfekt und sicherten Mädchen einen guten Ehemann. Nur wirklich arme Bauernfamilien verzichteten auf die Lotusfüße bei ihren Töchtern: Kleine Füße und Schmerzen beim Laufen hätten diese von der Arbeit auf dem Hof abgehalten. Erst in 1949, unter Mao Zedong, wurde die Praxis offiziell verboten und nahm langsam ab.

Die Familie als Motivator

Drei Paar Füße, davon zwei kleine Lotusfüße

Lotusfüße im Vergleich mit normalen Füßen (via Wikimedia Commons)

Es waren oft eigene Familienmitglieder, die die Mädchen so quälten für ein vermeintlich schöneres Aussehen. Mutter, Großmutter, Tante oder eine andere Frau in der näheren Familie führt das Ritual wiederholt durch. Mit vier oder fünf Jahren wurden Mädchen das erste Mal die Füße gebunden. Nachdem die Füße in einer Mischung aus Wasser und Kräutern aufgeweicht wurden, wurden die Zehen unter die Fußsohle gebunden. Oft mussten dabei die Zehengelenke gebrochen werden. Immer wieder wurden neue Bandagen gezogen und die Mädchen durften diese nicht lockern, damit die Füße immer kleiner wurden. Die Folgen waren, neben den gewünschten kleinen Füßen, extreme Schmerzen und komplette Fehlbildungen der Füße. Noch Jahre später, selbst im hohen Alter, konnten und können die Frauen oft nicht ohne Bandagen schmerzfrei laufen. Und selbst dann waren nur kleine, kurze Schritte möglich. Der Schaden ist dauerhaft und irreparabel.

Der Reiz der Lotusfüße

Mag eine verkrüppelte Ehefrau in der ersten Sekunde nicht sehr ansprechend wirken, gab es einige Gründe, warum diese Art von Fuß von Männern gewünscht war. Die Schmerzen, die die Frauen beim Laufen verspürten, ließen sie relativ hilflos zurück. Sie waren so oft an ihren Ehemann gebunden in ihrer Abhängigkeit, da sie nicht lange laufen konnten. Diese Hilflosigkeit sollte ebenfalls eine Art Beschützerinstikt im potenziellen Ehemann wecken, der sich der unselbstständigen Frau annehmen konnte. Die Frau als unterwürfig, hilflos – ein uraltes Klischee, das sich leider zu oft hält.

Heutzutage sind es fast nur noch alte Frauen, deren Füße noch gebunden sind. Mit dem Verbot der Praxis kam aber damals noch ein weiteres Problem auf die Frauen zu: Gebundene Füße wurden als rückständig gesehen. Was einst ihr Hauptargument für Schönheit war, wurde den Frauen dann zum Strick gedreht. Sie wurden dafür angefeindet und gemieden – und zwar für etwas, was weder ihre Entscheidung noch ihre Schuld war.

Kim Hofschröer

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