Gegen das Patriarchat – die Mosuo

Mosu Mädchen Weben

Mosu-Weberin in der Altstadt von Lijiang (c) Gisling/Wikicommons

Alle wissen es: In einem Patriarchat geht es den Frauen schlecht –

Von Bevormundung über Einsperrung bis hin zur Genitalverstümmelung – Frauen haben nichts zu lachen. Denn in einer patrilinearen Gesellschaft muss der einzelne Mann seine Erbfolge sichern, möglichst viele eigene Nachkommen zeugen und sich gegen andere Männer behaupten. Familie bedeutet hier: Mehr von uns und weniger von den anderen. Da ein Mann keine Gebärmutter hat, müssen eine oder mehrere Frauen für ihn gebären. Im klassischen Patriarchat müssen sie eingesperrt werden, verschleiert, ihre Jungfräulichkeit überprüft und ihre Rechte beschnitten werden, sonst könnte es sein, dass seine Nachkommen nicht von ihm sind… Aus dieser Absonderung der Frau ist die Ehe, wie wir sie kennen, entstanden.

Aber muss es Männern in einer Matriarchat schlecht gehen?

Wie sieht es denn in einer matrilinearen Gesellschaft aus? Die Antwort: Alle Frauen wissen haargenau wer ihre eigene Kinder sind. Die Notwendigkeit, Männer besonders zu piesacken, fällt also weg. Und nicht nur das: Die Notwendigkeit zu heiraten fällt weg, sowie die Notwendigkeit, ständig neue Familien zu gründen. Anzahl und Reihenfolge der Kinder richten sich nach der körperlichen Befindlichkeit von hart arbeitenden Frauen und nicht nach den sexuellen Bedürfnissen von Männern. Da die Frauen ihren Partner selber aussuchen, fallen auch noch die Rangkämpfe zwischen den Männern weg. Mit einem Klick sind Kriege und Überbevölkerung vorbei – kann es denn so einfach sein?

Mit einem Klick sind Kriege und Überbevölkerung vorbei

Das matriarchalische Volk der Mosuo, das zwischen den Provinzen Yunnan und Sichuan in China lebt, zeigt, dass es geht. Um die Unterschiede zu verstehen, muss man erstmal den Begriff der Familie klären: Praktisch der ganze Globus lebt in der patrilinearen Tradition, auch wenn die meisten Frauen im Westen sich nicht mehr auf immer von ihren Eltern und Geschwistern trennen müssen, um auf dem Gehöft ihres Schwiegervaters ein rangniedriges Dasein zu fristen. Trotzdem ziehen junge Paare fort und gründen neue Familien: Sie ziehen von der Herkunftsfamilie in die so genannte Gattenfamilie. Die Anzahl der Familien ufert dadurch aus und da ein Großteil der Weltbevölkerung weder Verhütungsmittel noch Alterfürsorge hat, entsteht ein verhängnisvolles Pyramidenspiel der menschlichen Vermehrung, das keine Rücksicht auf Umwelt, Ressourcen oder Frauengesundheit nimmt. Im Wettlauf zwischen Pflug und Storch hat heute der Storch schon gewonnen.

Das Pyramidenspiel der menschlichen Vermehrung

PyramideBei den Mosuo werden keine neuen Familien gegründet. Familie ist etwas anderes. Die Mosuo sagen, dass das Leben hart ist, und Arbeit und Zusammenhalt erfordert. Liebe ist dagegen das Sahnehäubchen, nicht der Mittelpunkt des Lebens. So bildet sich die Mosuo-Familie nicht um ein Ehepaar, sondern besteht aus der Fortschreibung einer Mütter-Geschwister-Sippe. Alle Kinder, die in die Familie hineingeboren werden – Jungen wie Mädchen –, bleiben dort und bilden die nächste Generation.

Jedes Mosuo-Mädchen bekommt als Teenagerin ihr eigenes „Blumenzimmer“, in das sie später ihren Freund einladen kann. Verabredungen werden traditionell abends beim Tanz am Dorfplatz getroffen. So bleiben die Kinder der Frauen in der eigenen Familie; die leiblichen Kinder der Männer werden dagegen in die Familien ihrer Freundinnen hineingeboren und haben dort ihre primären Beziehungen: zu Mutter, Tanten, Onkeln, Geschwistern, Cousinen und Cousins.

Das Leben ist hart – Die Liebe ist das Sahnehäubchen

Die Mosuo sind ein sehr friedliches – und ein sehr diskretes Volk. Das, was die chinesische Verwaltung zunächst als promiskes Verhalten zu verbieten suchte und jetzt als „Besuchs-Ehe“ duldet, läuft in der Praxis sehr gesittet ab. Die Geburtenzahl (abgesehen von der chinesischen Ein-Kind-Politik) hält sich viel eher an die Ressourcen der Familie. Zum einen folgt die Geburtskurve den natürlichen Bedürfnissen von arbeitenden Frauen. Zum anderen suchen sich die Frauen gleichaltrige Partner aus: Es entsteht nie die Situation, in der sich ältere Männer eine oder mehrere jüngeren Frauen „leisten“, um möglichst viele Kinder zu zeugen und bevölkerungspolitisch die Sparbücher ihre Enkel zu plündern.

Wer hat das Sagen in einer solchen Familie? Die Matriarchin wird im Familienrat gewählt oder die Alt-Matriarchin sucht sich das kompetenteste Mädchen aus. Es ist kein Amt auf Lebenszeit. Zumeist herrscht eine rege Diskussionskultur, aber eine gewählte Matriarchin hat das letzte Wort – sie muss Haus und Hof verwalten, ist praktisch Bauer und Bäuerin in einer Person. Da die Mosuo daran gewöhnt sind, dass die Han-Chinesen sowie andere Ethnien ringsum Männergesellschaften sind, waren es traditionell die Männer, die reisten und die Ernte verkauften. Ein Mann geht meist auch als Dorf-Vertreter in die Bezirksregierung. Heute gründen viele Mosuo-Frauen Geschäfte in den neuen chinesischen Großstädten und verkaufen Webereien an Touristen.

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Sahnehäubchen

Was sagt uns das??

Nun sind die Mosuo ein bäuerliches Volk, dass sich zwischen anderen Ethnien und Nationalitäten mit der chinesischen Sozialpolitik herumschlagen muss. Wie können sie für uns wegweisend sein? Was sagt uns ihr Lebensmodell?

  • Die Geburtenrate ist an Ressourcen und Frauengesundheit gekoppelt. Frauen sind nicht Gebärmaschinen, die Überbevölkerung antreiben.
  • Es gibt kaum Kriminalität oder Gewalt. Gewalt gegen eine Frau würde beispielsweise den Ausschluss aus der Gemeinschaft nach sich ziehen.
  • Keine junge Mosuo-Mutter muss alleine Haushalt, Mann, Job und Baby jonglieren. Sie nimmt ein „Babyjahr“, dann wird ihr Kind von den älteren Verwandten – Frauen wie Männer – versorgt.
  • Den Männern geht es gut. Sie haben viel Freiraum. Sie können ihre leiblichen Kinder besuchen – traditionell gibt es einmal im Jahr Geschenke. Die Kinder, die in ihre Familien hineingeboren werden und für die sie mitverantwortlich sind, können ihnen nie weggenommen werden.
  • Ein Mosuo-Kind muss nie von zu Hause fort, weil „Mama und Papa sich nicht mehr lieb haben“. Ihre Bezugspersonen bleiben ihnen immer erhalten.
  • Die „Immobilität“ der Familienstruktur wird durch viele Absprachen und Flexibilität in der Praxis ausgeglichen. Ein Freund, der weit weg wohnt, kann für den Sommer eingeladen werden. Menschen, besonders Kinder, die sich nicht wohl fühlen, können bei einer anderen Familie wohnen.
  • Auch im hohen Alter haben Frauen und Männer Liebschaften. Die Liebe bleibt das Sahnehäubchen auf dem Leben.

Es lohnt sich anzuschauen, wie einfach manche unüberwindlich erscheinende gesellschaftliche Probleme entfallen, wenn man sie einmal aus einem neuen Blickwinkel betrachtet. Die Mosuo sind inzwischen ein globales soziologisches Forschungsprojekt geworden. 

Insbesondere verdanke ich meine Begeisterung für die Mosuo der engagierten Bremer Forscherin Iris Bubenik-Bauer.

Wo die Freien Frauen Wohnen
Trailer zum Film „Wo die Freien Frauen Wohnen“
China, im Reich der Mosuo Frauen
Ricardo Coler: Das Paradies ist Weiblich ISBN 978-3-378-01103-8

Glenys Gill

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