Unsere Frau der Woche: Agnes Karll

Diese Woche möchten wir euch gerne Agnes Karll vorstellen. Obwohl sie sehr viel in der deutschen Krankenpflege bewirkt hat, ist sie nur wenigen bekannt.

Sie wurde 1868 in Embsen geboren. Ihren anfänglichen Wunsch, als Lehrerin zu arbeiten, gab sie mit 19 Jahren auf und beschloss, als Krankenpflegerin tätig zu werden. Ihre Ausbildung begann sie im „Clementinehaus“ in Hannover. Später arbeitete sie bei privaten Krankenpflegen rund um Berlin. Ihre schlechten Erfahrungen ließen sie jedoch schnell ernüchtern. Krankenpfleger*innen im 19. Jahrhundert waren unzumutbaren Zuständen ausgesetzt. Daher beschloss sie, dass gegen die Missstände in der Krankenpflege etwas getan werden muss.

Zustände des Pflegepersonals im 19. Jahrhundert

Das Pflegepersonal musste teilweise bis zu 20 Stunden täglich arbeiten. Pausen gab es nur selten. Haus- und Reinigungsarbeiten fielen mit in ihren Tätigkeitsbereich. Eine ansatzweise leistungsgerechte Bezahlung war jedoch nicht in Sicht. Und dabei wurden Frauen noch schlechter bezahlt, als das männliche Pflegepersonal. Die sozialen Versicherungen waren auch mehr als unzureichend. So gab es zum Beispiel keine Alters- und Arbeitsunfähigkeit. Wenn es überhaupt Urlaub gab, war dieser natürlich unbezahlt. Die Bezahlung der Krankenpflege lag eher in ihrer Erfüllung, am “Tun am Nächsten“.

Neben den Missständen in der Vergütung der Arbeit wurden die Persönlichkeitsrechte des Pflegepersonals stark eingeschränkt, zum Beispiel durch Kontrollen des Ausgangs. Zudem bestand die Arbeitskleidung der Frauen oft aus eng geschnürten Korsetts, in denen sie den ganzen Tag ausharren und hart arbeiten mussten. Eine gesetzliche Ausbildung gab es nicht, dies wurde den einzelnen Trägern selbst überlassen. Das lässt sich vor allem darauf zurückführen, dass sich aus einer gesetzlichen Ausbildung auch geregelte Arbeitszeiten und Entlohnungen ergeben hätten.

Die Pionierarbeit von Agnes Karll

Um die Gesellschaft auf diese Problematiken hinzuweisen, verfasste Agnes Karll mehrere Stellungnahmen, Aufsätze und Schriften zur Situation der Krankenschwestern. Nach einem Aufenthalt in den USA sah sich Agnes Karll in ihrem Vorhaben zusätzlich bestärkt, da die Zustände dort um einiges besser waren.

Sie fing an Kontakte mit Frauen zu knüpfen, welche sich ebenfalls um die Selbständigkeit und Selbsthilfe für Frauen bemühten. In einer Petition an die Regierung forderte sie eine einheitliche dreijährige Ausbildung mit einer anschließenden staatlichen Prüfung sowie ein staatliches Zeugnis. Ebenfalls forderte sie noch einen besseren Lohn, bessere Arbeitszeiten und eine Versicherung. Diese Forderungen wurden jedoch erst 60 Jahre später vollständig erfüllt. Schuld daran sind vor allem Verwaltungen, Politiker und Ärzte, welche sich dem entgegensetzten.

Davon ließ sie sich jedoch nicht aufhalten und gründete 1903 die “Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands sowie der Säuglings- und Wohlfahrtspflegerinnen“ (kurz: BO).  Später wurde der BO in Agnes-Karll-Verband umbenannt. Der Verband bot Versicherungsschutz und Rechtsberatung an und vermittelte Arbeitsplätze an seine Mitglieder. Zudem wurde eine maximale Arbeitszeit von 11 Stunden pro Tag sowie Urlaub, Pausen und Versorgung im Krankheitsfall garantiert. Zum Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde der Verband jedoch wieder aufgelöst. Nach dem Ende des Krieges wurde er dann unter dem Namen “Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe“ (kurz: DBfK) neu gegründet.

Ergebnisse ihrer Arbeit

Agnes Karll hat durch ihre Leistungen den Grundbaustein des modernen Pflegeberufes gelegt und ihn aus seiner Geschichtslosigkeit geführt. Sie hat die Lage der Pfleger*innen ihrer Zeit verbessert und den Anstoß zur Professionalisierung des Pflegeberufes gegeben. Zudem hat sie dafür gesorgt, dass das Vorurteil “Krankenpflege als Lohnarbeit sei nicht mit einem karitativen Gedanken vereinbar“ entkräftet wurde. Daher gilt Agnes Karll als Reformerin der deutschen Krankenpflege.

Mittlerweile gibt es den „Agnes Karll-Preis“ und mehrere Pflegeeinrichtungen wurden nach ihr benannt.

Hannah Rößer

 

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