Frau der Woche: Anna Stepanowna Politkowskaja

Anna Stepanowna Politkowskaja war eine russische Freiheitskämpferin. Sie wurde als lebensbejahend, unkorrumpierbar und wahrheitsbesessen beschrieben. Die Journalistin berichtete furchtlos über die Verbrechen, welche im Tschetschenienkrieg auf beiden Seiten verübt wurden. Dabei versuchte sie stets, eine neutrale Position einzunehmen. Dies führte dazu, dass sie sich auf beiden Seiten Feinde machte. Anna Stepanowna Politkowskaja trat mit Engagement für die Pressefreiheit in ihrem Land ein. Obwohl kritische Artikel über die Politik von Wladimir Putin verboten waren, schreckte sie nicht davor zurück über die Korruption, Unterdrückung und gewaltherrschaftliche Politik in ihrem Land zu schreiben. Damit war sie eine unter wenigen Journalist*innen, die es wagten, gegen die Zensur der Meinungsfreiheit anzuschreiben. Im westlichen Ausland erhält sie für ihre Berichterstattung viele Auszeichnungen. In ihrer Heimat bezahlt sie ihren Einsatz jedoch mit dem Leben.

Mit ihren Artikeln gab Anna Stepanowna Politkowskaja Menschen eine Stimme, welche selbst keine mehr hatten.

Anna Politkovskaja in einem roten Rollkragenpulli

By Blaues Sofa [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons

Für ihre Enthüllungsgeschichten, Reportagen und Bücher über den Krieg verließ sie sich nicht auf Informationen aus zweiter Hand, sondern reiste selbst ins Kriegsgebiet in Tschetschenien. Sechs Jahre lang fuhr sie fast jeden Monat in das besetzte Gebiet. Dort knüpfte sie Kontakte zu Untergrundkämpfer*innen. Ihre Kolleg*innen sagten, dass sie mit jedem Mal ein wenig trauriger zurückkam. In ihren Artikeln schrieb sie vor allem über die Brutalität der Soldaten und die Schandtaten der russischen Armee und des Geheimdienstes. Sie schrieb darüber, wie junge russische Soldaten von den Offizieren zu Tode gequält und wie tschetschenische Häftlinge misshandelt wurden. Wie mit Entführungen Geld verdient wurde, über verschwundene Kriegsgefangene und die Vergewaltigung von Frauen, über Polizeigewalt und Willkür und die Verbrechen der tschetschenischen Warlords. Mit ihren Artikeln gab sie den Menschen eine Stimme, welche selbst keine mehr hatten.

Dadurch, dass ihre Bücher in Russland nicht verlegt wurden, war sie dort nur in einem kleinen Kreis von Bürgerrechtsbewegungen bekannt. Im Westen schaffte sie es jedoch, mit Hilfe ihrer Bücher aufmerksam auf die alltägliche Gewalt und den Terror im Tschetschenienkrieg zu machen. Dafür erhielt sie zahlreiche international renommierte Preise.

Die Gefahren ihres Einsatzes

In Russland wurde Anna Stepanowna Politkowskaja als “Feindin des russischen Volkes“ betrachtet und erhielt mehrere Morddrohungen. Daher floh sie für eine Weile nach Österreich. Bei ihrer Rückkehr im Jahre 2002 wurde sie vom russischen Militär verhaftet und vier Tage lang ausgehorcht, beschimpft und bedroht. Im Jahr 2004 besetzten tschetschenischen Terroristen eine Grundschule in Beslan und nahmen hunderte Kinder als Geisel. Im Flugzeug dorthin wurde Anna Stepanowna Politkowskaja Gift in ihren Tee gemischt, was sie nur knapp überlebte. Ihr eigenen Verhalten beschrieb sie später als fahrlässig, da sie sich bereits angewöhnt hatte, ihr eigenes Essen überall hin mitzunehmen – aus Angst davor, jemand könnte sie vergiften. Wer das Gift in ihren Tee mischte, wurde nie geklärt, sie selbst verdächtigte den russischen Geheimdienst.

Sie hoffte durch ihre Anerkennung und internationale Bekanntheit Schutz zu finden. Zu einer Freundin sagte sie einst: „Ich glaube nicht, dass mir etwas passieren wird. Ich bin zu berühmt und falls ich doch getötet werde, weiß jeder warum.“

Am 7. Oktober 2006 wird sie im Eingang ihres Hauses erschossen aufgefunden.

Grab von Anna Politovskaya im Schnee mit Blumen einem Holzkreuz und einem Foto von ihr.

By Андрей Ю. Вуколов (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons

2014 müssen drei Brüder aus Tschetschenien, ihr Onkel und früherer Moskauer Polizeioffizier für ihre Ermordung vor Gericht. Zwei der Täter bekamen eine lebenslange Haft im Straflager. Die anderen drei bekamen zwölf, vierzehn und zwanzig Jahre Haft. Wer den Mord jedoch in Auftrag gegeben hat, ist bis heute ungelöst. Ihre Familie, sowie die Zeitung „Nowaja Gaseta“ (einer der letzten unabhängigen Tageszeitungen Russlands), bei der sie zuletzt gearbeitet hat, suchen weiter nach den Hintermännern ihrer Ermordung. Auffällig bleibt der Tag ihrer Ermordung, der Geburtstag von Wladimir Putin. Zudem wurden nach seinem Amtsantritt im Jahre 2000 dreizehn weitere Journalist*innen ermordet. Fünf von ihnen waren bei der Zeitung Nowaja Gaseta angestellt.

Anna Stepanowna Politkowskajas Ermordung löste weltweit Wut und Entsetzten aus. Die Tat wird als Eingriff in die Pressefreiheit gewertet.

Hannah Rößer

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