Buchrezension: Unterwerfung (Michel Houellebecq)

Michel Houellebecq, das enfant terrible der französischen Gegenwartsliteratur, hat 2015 einen neuen, sehr kontroversen Roman namens „Unterwerfung“ veröffentlicht. Dem*der vertrauten Leser*in dieser Buchtipps wird direkt der andere Titel auffallen: Hier wird ein Buch rezensiert, nicht direkt empfohlen. Denn „Unterwerfung“ ist schwierig und verdient eine genauere Betrachtung sowie eine gewisse Warnung.

Die Kontroversen des Michel Houllebecq

Michel Houellebecq ist einer der bekanntesten und erfolgreichsten Gegenwartsautoren der französischen Literatur. Romane wie „Elementarteilchen“ und „Ausweitung der Kampfzone“ sind weit über Frankreich hinaus bekannt und beide verfilmt worden. Houellebecq scheut dabei weder vor Kontroversen noch vor Kritik zurück. Auch sein aktuellster Roman spielt mit einem in dieser Zeit sehr schwierigen Thema, nämlich dem Islam und einer potenziellen Machtübernahme Frankreich durch Muslime. „Unterwerfung“ hat allerdings vor allem aufgrund einer tragischen Geschichte Schlagzeilen gemacht: Am Veröffentlichungstag des Romans, dem 07. Januar 2015, fand ein Anschlag auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo statt. Unter den Opfern befanden sich Freunde Houellebecqs. Der Autor war auf der aktuellen Ausgabe sogar in einer Karikatur zu sehen. Im Anschluss daran hatte Houellebecq sich eine Zeit lang zurückgezogen und daher den Roman nicht weiter beworben.

Eine Unterwerfung?

Der Titel des Romans und seine grobe Thematik sind mehr als schwierig: Im Jahr 2022 übernimmt eine muslimische Partei Frankreich. Anstatt dass der Front National unter Marine Le Pen die Wahl gewinnt, setzt sich die „Bruderschaft der Muslime“ durch. Der Protagonist François, ein abgehalfterter Mittvierziger, der als Lektor an der Universität Sorbonne arbeitet, ist der Dreh- und Angelpunkt des Romans. François ist alleinstehend und hat außer regelmäßigen Affären mit deutlich jüngeren Studentinnen keine wirklichen sozialen Kontakte. Sein Leben dreht sich um Joris-Karl Huysmans, sein literarisches Idol und Hauptthema seiner Forschung, bedeutungslosen Sex und Alkohol. Er ist sexistisch, antisozial und vor allem an nichts wirklich interessiert. Eine bevorstehende Kündigung, die Trennung von seiner längeren Affäre, der Tod seines Vaters – nichts hat wirklich Einfluss auf sein Leben. Die muslimische Übernahme bekommt er zwar mit, die Auswirkungen auf sein Leben beobachtet er aber mit absolutem Desinteresse.

Mund mit Sprechblase

(c) frauenseiten.bremen

Die Problematik

Der Roman ist, entgegen der vorangegangenen Kritik am Inhalt, wirklich gut geschrieben und lässt sich sehr gut lesen. Das täuscht aber dennoch nicht über die wahre Problematik des Buches hinweg: Eine Bekannte, die das Buch ebenfalls gelesen hatte, bezeichnete es als „gefährlich“ und dem kann ich mich nur anschließen. Vor lauter Antipathie für den Protagonisten, einen widerlichen Sexisten und absolut unsympathischen Charakter, übersieht der*die Leser*in schnell den wahren Hintergrund des Romans. Michel Houellebecq selbst betonte noch nach den Anschlägen, sein Roman sei nicht islamfeindlich. Und das ist er in der Tat. Houellebecq geht es nicht um eine Islamkritik, sondern um die Kritik am Parteiensystem der Franzosen und der Gesellschaft. Seine Vision des Jahres 2022 zeigt ein pures Desinteresse landesweit am politischen Geschehen, eine unfähige linke politische Seite und eine verkommene Intellektuellengemeinde, die den Front National so weit hat kommen lassen, dass nur eine religiös motivierte Organisation dagegen angehen kann.

Warum ist der Roman dann gefährlich? Weil diese tiefere Textebene, die Gesellschaftskritik, nicht so schnell erkennbar ist. Auf das erste Lesen hin ist der Roman eine sexistische Horrorvorstellung für Frauen unter muslimischer Herrschaft. Und eine solch provokante und einseitige Darstellung ist in Zeiten des aufkommenden Nationalismus in der Tat gefährlich.

Kim Hofschröer

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