Von der Basis in die Politik

Portrait Dr. Esther Schröder

Dr. Esther Schröder (c) Stefan Schmidbauer

Dr. Esther Schröder ist eine von zwei Sprecherinnen des Bremer Arbeitskreises (AK) „Berufliche Perspektiven für Frauen und Mädchen“. Im Interview für die frauenseiten.bremen erzählt sie von ihrer Tätigkeit und ihrem Engagement für Frauen.

Frau Schröder ist Diplom-Volkswirtin und hat sich seit ihrem Studium an der Berliner Humboldtuniversität kontinuierlich mit Themen rund um den Arbeitsmarkt befasst. Sie promovierte über Leiharbeit und war 10 Jahre lang SPD-Landtagsabgeordnete in Brandenburg. Seit November 2010 arbeitet sie in der Arbeitnehmerkammer als Referentin für Gleichstellungs- und Geschlechterpolitik. Derzeit beschäftigt sie sich unter anderem mit der Lage von Alleinerziehenden und mit der Fachkräfte-Entwicklung.

Den Forderungen von Frauen Gehör verschaffen

Wie sieht sie ihre Rolle in dem Vernetzungsgremium? Bekannt ist ja, sagt Schröder, wie Männernetzwerke funktionieren. Frauen haben aus verschiedenen Gründen wenig Zugang zu den informellen Kreisen, in denen wichtige Entscheidungen angebahnt und getroffen werden. Umso wichtiger findet sie, dass Frauen sich austauschen und vernetzen. Aber sie müssen auch dafür sorgen, dass ihre Forderungen in der Politik wahrgenommen werden und zu Ergebnissen führen.

Die Zusammensetzung des Leitungsgremiums des AK ist in ihren Augen sehr sinnvoll, da unterschiedliche Bereiche vertreten sind: Doris Salziger kommt aus der Beratung von Frauen, sie selbst als Kammervertreterin steht für Wissenschaft und Politikberatung, und dazu kommt die Koordinierung durch Bärbel Reimann aus der ZGF. „Es besteht aber keine Hierarchie im Arbeitskreis – alle Mitglieder sind gleichberechtigt und bringen ihre jeweiligen Erfahrungen ein.“ Spannend findet Esther Schröder den inhaltlichen Austausch, von dem sie viel profitiert. Sie erfährt beispielsweise direkt aus der Praxis, welche Erfahrungen die Beratungsstellen beim Wiedereinstieg von Frauen in den Beruf machen. Oft geht es auch darum, wie Projekte und Einrichtungen mit den wiederkehrenden Sparrunden und den damit entstehenden Finanzierungsunsicherheiten umgehen. Diesen Austausch an der Basis nimmt sie mit in ihre Arbeit in der Arbeitnehmerkammer, wertet sie aus und bündelt sie.

Dr. Esther Schröder (c) Jana Schlenther

Dr. Esther Schröder beim Vortrag (c) Jana Schlenther

Hier kann sie die Informationen wissenschaftlich untermauern und in der Politikberatung einsetzen. „Wir sind im ständigen Kontakt mit den verschiedenen senatorischen Behörden, mit Gewerkschaften und Parlamentarier_innen, zum Beispiel als ständiger Gast im Gleichstellungsausschuss der Bürgerschaft – sie alle benötigen differenzierte Ergebnisse.“ Sie hält Fachvorträge und schreibt mit an den regelmäßigen Lageberichten der Arbeitnehmerkammer. Die Hintergrundinformationen „Kammer kompakt“ geben zu wichtigen Themen fundierte Argumentationshilfen. Beispielsweise zum Thema Alleinerziehende in Bremen, oder zum Fachkräftemangel. „Weg vom Schlagwort!“, so Esther Schröder, „dies muss differenziert, also branchenspezifisch genau unter die Lupe genommen werden.“ Mangel- oder „Engpassgruppen“ seien zwar überwiegend männerdominiert, aber es fehlen insbesondere im Gesundheitswesen und in der Krankenpflege Fachkräfte, nicht zuletzt weil diese harten und belastenden Tätigkeiten zu schlecht bezahlt werden. Verbessert sich hier nicht die Lage für Frauen bei steigender Nachfrage? Nur dann, erläutert Schröder, wenn kein Ausweg über neue Assistenzberufe oder Billigsektoren gesucht werde.

Die Abstände bei den Bruttomonatsverdiensten zwischen den Geschlechtern sind besonders groß in klassischen Beschäftigungsfeldern von Frauen: im Gesundheits- und Sozialwesen, in den Finanz- und Versicherungsdienstleistungen, im Handel, im Gastgewerbe. Die Kammer ermittelte, dass selbst bei gleicher Arbeitszeit und gleichwertiger Beschäftigung durchgängig und vor allem in höheren Leistungsgruppen eine Lücke klafft.

Wandel in den Köpfen notwendig

Kaum Frauen in Topjobs, Lohnungleich von über 20 Prozent – warum dauern Veränderungen in der Wirtschaft dermaßen lang? „Tradierte Rollenmuster sind zäh, die Gesellschaft muss von innen wach werden“, ist Esther Schröders Plädoyer. „Gleichstellung ist Verfassungsauftrag und Grundrecht! Das müssen Frauen offensiver in Anspruch nehmen.“ So sollten sie sich gut überlegen, wie lange sie wegen Kindern aus dem Beruf aussteigen. Auch hochqualifizierte Frauen tappen in diese Falle und stoßen dann auf hohe Barrieren. In der DDR, wo Schröder aufgewachsen ist, war die Berufstätigkeit von Frauen selbstverständlich und entsprechend auch die flächendeckende Versorgung mit Krippen- und Kitaplätzen. Etwas, das in Westdeutschland erst mühsam erkämpft werden muss. Sie kritisiert auch die Politik mit ihrer Quote von 30 Prozent Führungsfrauen in börsennotierten Unternehmen als zu defensiv: „Warum nicht Halbe-Halbe?“

Frauen in einem Meeting

(c) Jana Schlenther

Am unteren Ende der beruflichen Hierarchie ist die Lage von Frauen in Bremen schlecht. Bundesweit ist Bremen Schlusslicht beim Frauenanteil sozialversicherungspflichtiger Beschäftigungsverhältnisse. Zwei Drittel der arbeitslosen alleinerziehenden Frauen in Bremen verfügen nicht über eine abgeschlossene Berufsausbildung, so viele wie in keinem anderen Bundesland. Bremen muss seine Weiterbildungsangebote konsequenter entwickeln. Auch die Qualität von Arbeitsvermittlung muss problematisiert werden, sagt Esther Schröder.

„Gute Arbeit“!

Was muss in Bremen konkret passieren? Schröder ist überzeugt: „Wir brauchen ´Gute Arbeit´. Aus Minijobs muss versicherungspflichtige Beschäftigung werden, unfreiwillige Teilzeit muss bekämpft, die Lage von Alleinerziehenden verbessert und Frauenarmut vermindert werden. Alle müssen von ihrer Arbeit leben können.“ An diesen dicken Brettern wird der Arbeitskreis „Berufliche Perspektiven“ mit langem Atem weiterbohren.

Das Interview führte Christel Schütte

  1 comment for “Von der Basis in die Politik

  1. 13. April 2015 at 9:28

    Wäre es nicht gut, wenn der AK pro Zeitabschnitt (ein Jahr oder länger) ein spezifisches Handlungsfeld definieren und darauf strategisch alle Kräfte bündeln würde? Ich habe oft das Gefühl, dass wir an keiner Stelle wirklich voran kommen, weil wir uns an zu vielen Stellen gleichzeitig mühen. Um jedoch eine echte Veränderung hervorzurufen, bedarf es großer Energie und Einigkeit und konzertierter Aktionen. Das fehlt mir ein bisschen …..

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