Wer braucht schon eine*n Chef*in?

Formulare, Aktenordner und Locher

Der Stapel wandert hin und her
© Seniorenlotse ; Elfie Siegel

Ups, schon wieder zehn Minuten zu spät. Die Arbeit stapelt sich und die Motivation ist längst den Bach runter. Da hilft es auch relativ wenig, dass der*die Chef*in mit puterrotem Gesicht noch Druck macht. So ein*e *****. Keine Ahnung, wen sowas motivieren soll. Dass die neue Idee zur Geschäftssteigerung von der*dem Chef*in totaler Mist ist, sag ich wohl besser auch nicht. Ich will mich ja nicht unbeliebt machen. Lieber schnell die Arbeit rumkriegen und dann ab nach Hause. Kommt euch eine solche Situation bekannt vor? Dann habt ihr bestimmt auch schon mal den Gedanken gehabt: „Ach wie schön wäre meine Arbeit nur, wenn der*die nervige Chef*in nicht wäre!“

Eine Firma ohne Chef*in? Das mag für viele traumhaft klingen, aber auch utopisch. Andere schlagen bei dem Gedanken vielleicht die Hände über dem Kopf zusammen. Kein*e Chef*in? Wo kämen wir denn dahin? Wer kümmert sich um alles und sorgt dafür, dass die Angestellten funktionieren? Dass ein Unternehmen sehr wohl ohne Hierarchien funktionieren kann und keine reine Utopie ist, wurde in der Realität bereits mehrfach unter Beweis gestellt. Zum Beispiel von einem Unternehmen, welches Tomaten verarbeitet, über eine Firma die Apps entwickelt, bis hin zu mehreren Beratungsunternehmen. Weht da tatsächlich ein wenig Anarchie durch die Wirtschaftswelt?

Anarchie: Herrschaftsfreiheit und Zwanglosigkeit oder Chaos und Unordnung?

Viele kleine Fische stellen sich einem großen Fisch entgegen

(c)Barckhausen

Mehrere Firmen haben es also bereits vorgemacht, doch wie genau soll das nun aussehen? Tanzen nicht alle Angestellten auf den Tischen und machen, was sie wollen, wenn niemand mehr das Sagen hat? Nein! Natürlich nicht! Kein*e Chef*in heißt nicht automatisch frei von jeglichen Regeln zu sein oder das jede*r allein entscheidet. Der Schlüssel zum Gelingen heißt Demokratie. Wichtige Entscheidungen werden stets mit einer Zweidrittelmehrheit getroffen. Dazu gehört zum Beispiel auch, wer eingestellt oder entlassen wird. So wird garantiert, dass der Zuwachs wirklich ins Team passt. Zudem ist es schön zu wissen, dass dich mindestens zwei Drittel des Teams dabei haben will. Prinzipiell gilt die “Open Book Philosophie“. Das heißt, absolute Transparenz der Firma. Sogar über die Gehälter wird in den selbstorganisierten Firmen abgestimmt. Am Ende jedes Jahres stellt jede*r seine*ihre Gehaltswünsche vor und begründet diese. Daraufhin wird abgestimmt, ob diese gerechtfertigt sind. Was hier erst mal merkwürdig klingt und viel Streitpotenzial vermuten lässt, klappt in der Praxis sehr gut. Wichtig für das Gelingen ist ein guter Umgang miteinander und viel Selbstreflexion. Ungerechtigkeiten, wie die Gender Pay Gap, können so auch verhindert werden. Eine weitere Methode, welche zur Entscheidungsfindung genutzt wird, ist die sogenannte Konsultative Individualentscheidung. Das bedeutet, dass ein*e Mitarbeiter*in dazu beauftragt wird, die Problemstellung auf der Basis von Daten, Fakten und Befragungen zu analysieren und aus den Resultaten eine Entscheidung zu ziehen.

Zu viel des Guten?

(c) Antje Robers

Wie extrem das Konzept der Selbstorganisation durchgeführt wird, unterscheidet sich zwischen den Firmen. Manche wollen nicht ganz auf eine*n Chef*in verzichten. Die Lösung: Sie wählen jedes Jahr jemand Neuen aus dem Team, welche*r den Führungsposten nur für eine begrenzte, meist kurze Zeit übernimmt. Andere Firmen gehen wiederum sogar so weit, dass sie die feste Urlaubszeit abschaffen. Jeder nimmt sich so viel Urlaub, wie er*sie für sein persönliches Wohlbefinden braucht. Dieser Trend ist generell in den USA, im Besonderem in Silicon Valley, zu beobachten. Firmen, egal ob mit oder ohne Chef, stellen ihren Arbeiter*innen frei, wann und wie lange sie arbeiten wollen. Im Endeffekt zählt nicht die Arbeitszeit, sondern nur das Ergebnis. Was hier in der Praxis gut klingen mag, sieht in der Umsetzung jedoch weniger rosig aus. Aus Angst nicht genug zu leisten, trauen sich immer weniger Mitarbeiter*innen überhaupt Urlaub zu nehmen. Bei der amerikanischen Firma Evernote ging das sogar so weit, dass der Chef jedem 1000 Dollar zahlt, der mindestens fünf Tage Urlaub im Jahr macht. Klingt erst mal traumhaft. So viel Urlaub machen, wie man will und ab einer Mindestzahl von fünf Tagen gibt’s auch noch 1000 Dollar obendrauf. Doch die Tatsache ist, dass die Angestellten der Firma sehr unter Druck stehen. Viele haben seit mehreren Jahre gar keinen Urlaub mehr gemacht haben oder nur die fünf bezahlten Tage. Da ist mir meine Zeit dann doch mehr wert als Geld.

Werden Chefpositionen überflüssig?

Ist das also die Zukunft unserer Arbeitswelt? Alles wird demokratisch abgestimmt und die Arbeitszeiten sind egal, solange der Umsatz stimmt? So ganz einfach ist es nun auch nicht. Die Umstellung auf eine selbstorganisierte Firma ist zum einen gar nicht so leicht. Zum anderen ist nicht jede*r an diesem Konzept interessiert. Es mag bestimmt auch Leute geben, welche gerne alle Verantwortung abgeben und einen geregelten Arbeitsalltag sowie geregelte Urlaubszeiten möchten. Zudem kann das Konzept auch nicht in jedem Arbeitsfeld umgesetzt werden. Doch gerade junge Firmen und Unternehmen sind diesem Prinzip immer mehr zugeneigt. Und das zu Recht! In einer Firma ohne Hierarchien werden die Stärken und Interessen von Mitarbeiter*innen besser genutzt. Die Selbstregulation fördert die Eigeninitiative und Motivation. Zudem verspricht das Modell mehr Flexibilität in den Arbeitszeiten und damit eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Wir werden dieses Arbeitsmodell also bestimmt immer häufiger zu Gesicht bekommen und mit etwas Glück sogar selber erleben.

Hannah Rößer

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