Liebe auf brüchigem Eis

Buchcover mit Paar und Wellen

(c) Verlag Kiepenheuer & Witsch

Dorit Rabinyan: Wir sehen uns am Meer
Liat stammt aus Tel Aviv, Chilmi aus Ramallah – aber sie wären sich dort, obwohl so nahe beieinander, nicht begegnet. Sie mussten um die halbe Welt, um sich zu treffen. In New York lernen sie sich kennen und verlieben sich Hals über Kopf, fliegen sozusagen auf- und ineinander. Er ist Maler, sie Übersetzerin, beide Mitte/Ende zwanzig. Mitten im eiskalten New Yorker Winter tauchen sie in ihre Liebe ein und sind einander für Wochen genug. Eine intensive Liebesgeschichte, die aber entscheidende Fallstricke aufweist. Eine Israelin und ein Palästinenser, das ist nur möglich um den Preis, den festgefahrenen politischen Hintergrund zwischen Israel und Palästina auszuklammern. Weiterlesen

Warschau / Holland

Cover in rot und orange

(c) Wallstein Verlag

Lot Vekemans, Ein Brautkleid aus Warschau, Wallstein Verlag, 2016 (zuerst 2012)

Die Geschichte wird aus drei Perspektiven erzählt: der von Marlena, der von Andries, der von Szymon. Das sind auch die wichtigsten Personen des Romans.

Marlena ist 25, sie lebt bei ihren Eltern, denen ein kleiner Hof eine Stunde von Warschau gehört. Sie verträgt sich nicht mit ihrer Mutter. Auf der Rückfahrt vom Besuch des Papstes trifft sie zufällig in einem Restaurant Natan, einen Amerikaner, der in Polen die Geschichte seiner im Holocaust ermordeten Familie rekonstruiert. Marlena verliebt sich unsterblich in Natan und er wohl auch in sie. Drei Monate sind sie zusammen, dann muss er zurück in die USA. Weiterlesen

Das Dorf als Abgrund

Abbildung des Kampfläufers

Buchcover (c) Luchterhand

Juli Zeh: Unterleuten

Ein Dorf im Brandenburgischen im Jahr 2010. Klein, nette alte Bauernhäuser, mit einer Handvoll Bewohnern, umgeben von viel Natur – das könnte eine Idylle sein. Diesen fatalen Irrblick treibt uns Juli Zeh ziemlich schnell aus. Schon die Tatsache, dass ihr neuer Roman 640 Seiten hat, lässt das erahnen – eine Idylle wäre auf ein paar banalen Seiten abgehandelt. Stattdessen führt sie uns Schritt für Schritt in die dörfliche Hölle, die sie mit messerscharfem Blick und spitzer Feder genüsslich seziert. Weiterlesen

Eine junge Frau gegen Rassismus

Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah

Buchcover mit Streifen

(c) Fischer Verlag

Ifemelu aus Nigeria, die in den 1990er Jahren in die USA ausgewandert ist, hat nach einigen Jahren beschlossen, in ihre Heimat zurückzukehren. Um diesen Beschluss und seine Ursachen im alltäglichen Rassismus in den USA dreht sich das Buch. In vielen Rückblenden erzählt Ifemelu ihre Lebensgeschichte, ihre Jugend in Nigerias unterer Mittelschicht, ihre erste und große Liebe zu Obinze und ihren Wunsch nach einem Leben ohne Armut. Denn in Nigeria lebt ihre Familie zwar nicht am Existenzminimum, aber die Verhältnisse und damit die Chancen auf eine Zukunft verschlechtern sich immer mehr, die Korruption nimmt zu und ohne Protektion und Beziehungen kommt niemand zu etwas. Weiterlesen

Wer bin ich?

Benedict Wells, Vom Ende der Einsamkeit

Buchcover mit Liebespaar in Braun

(c) Diogenes Verlag

Jules ist der Erzähler. Seine glückliche Kindheit endet jäh, als er zehn Jahre alt ist und seine Eltern bei einem Autounfall tödlich verunglücken. Bis dahin war er ein draufgängerisches Kind, jüngstes von drei Geschwistern, der extrovertierten Liz und dem Einzelgänger Marty. Die Kinder kommen in ein Internat, nicht in eins dieser schicken, sondern in ein ganz normales, und werden sofort getrennt. Jules ist unglücklich und er ist ein Träumer. „Das hier ist alles wie eine Saat. Das Internat, die Schule, was mit meinen Eltern passiert ist. Das alles wird in mir gesät, aber ich kann nicht sehen, was es aus mir macht. Erst wenn ich ein Erwachsener bin, kommt die Ernte, und dann ist es zu spät.“ Weiterlesen

Wenn Dinge ins Erzählen kommen

Museumsbuch auf Tisch

Schön anzuschauen und zu lesen

Roland Albrecht: Museum der Unerhörten Dinge

Was hat ein Museumsbesuch in Berlin auf einem Literaturblog zu suchen? Ganz einfach: Das „Museum der unerhörten Dinge“ besteht nicht nur aus ungewöhnlichen Gegenständen, sondern aus den Geschichten, die diese Dinge erzählen und die es dort zu lesen gibt. Und die sind Literatur vom Feinsten!

Ich lernte das „Museum der unerhörten Dinge“ vor einigen Jahren bei der Kulturellen Landpartie im Wendland kennen. In dem Dorf mit dem unvergleichlichen Namen Kröte gab es einen ganzen Raum voller kleiner und kleinster Dinge und einem dazu gehörenden Text, auf dem stand, was diese Gegenstände zu erzählen hatten. Weiterlesen

Spurensuche

Buchcover mit Foto eines lachenden Mädchens

(c) Hanser Verlag

 Patrick Modiano, Dora Bruder

„Paris. Gesucht wird ein junges Mädchen, Dora Bruder, 15 Jahre, 1,55 m. ovales Gesicht, graubraune Augen, sportlicher grauer Mantel, weinroter Pullover, dunkelblauer Rock und Hut, braune sportliche Schuhe. Hinweise erbeten an Monsieur und Madame Bruder, Boulevard Ornano, Paris.“

Diese Anzeige liest Modiano im Paris-Soir vom 31.Dezemberf 1941 und forscht fast zehn Jahre lang dem Schicksal des Mädchens hinterher, dessen Spur am 18.Spetember 1942 auf einer Liste der nach Auschwitz Deportierten endet. Er hat nicht viele Daten klären können, doch haben wir eine Idee von dem “jungen Mädchen“ gewinnen können. Ihre Eltern waren arme Juden, aus Osteuropa nach Paris gezogen. Im Mai 1940 wurde Dora in das katholische Internat „Saint-Coeur-de-Marie“ geschickt, wo Mädchen aus armen Familien untergebracht waren. Im selben Jahr mussten sich die jüdischen Familien in „Judenakten“ registrieren lassen. Ihr Vater ließ sich und seine Frau registrieren, nicht aber seine Tochter. Das Internatsregister enthält einige Angaben zu Dora und auch „Entlassungsdatum und –grund; 14. Dezember 1941. Wegen Weglaufens.“ Die Umstände ihres Weglaufens hat Modiano nicht herausgefunden, ebenso wenig die Gründe für ihr zweites Weglaufen, nachdem sie noch einmal nach Hause gekommen war. Genauso ist unklar, wie sie schließlich verhaftet und ins Lager Drancy deportiert wurde, von wo sie nach Ausschwitz verbracht wurde. Weiterlesen

Vietnam erobert den Prenzlauer Berg

Buchcover mit Bambusbrücke vor blauem Himmel

(c) C.H.Beck Verlag

Karin Kalisa: Sungs Laden

 Ein kleiner unscheinbarer Obst- und Gemüseladen am Prenzlauer Berg in Berlin wird zum Kristallisationspunkt für eine Bewegung, die den ganzen Stadtteil erfasst. Unmöglich?! Nicht bei Karin Kalisa.

Ihre Zutaten: Eine Grundschule in Berlin, die auf Anordnung von oben eine „Woche der Verständigung“ gestalten soll – ausgerechnet in der stressigen Vorweihnachtszeit; eine vietnamesische Familie, deren Mitglieder in der ehemaligen DDR als VertragsarbeiterInnen für das „Bruderland“ gearbeitet haben und geblieben sind; eine Großmutter, die eine schmerzliche Vergangenheit mit sich trägt. Weiterlesen

Kein home sweet home

bjerk_auerhausBjerg, Bov: Auerhaus

Sechs junge Leute gründen eine Land-WG und ziehen zusammen in ein altes Haus in ihrem Dorf. Klingt unspektakulär, ist aber ein Gebilde voller Abgründe. Alle haben mehr oder weniger gruselige Familienverhältnisse, wollen raus aus dem Dorfmief oder sich zumindest abgrenzen: Frieder, der versucht hat, sich umzubringen, sein Freund Höppner, der den „fiesen Freund meiner Mutter“, kurz „2F2M“ , satt hat; seine Freundin Vera, die ihn gern hat, aber nicht mit ihm schlafen will; Cäcilia aus gutem ödem Hause; Harry, der seinen Eltern nicht sagen kann, dass er schwul ist; Brandstifterin Pauline, die Frieder in der Psychiatrie kennengelernt hat. Alle wissen nur, was sie nicht wollen, aber das reicht nur knapp, um das Hier und Jetzt hinzukriegen. Sie leben also gemeinsam drauflos mit dem rührenden Charme von Jugendlichen, die ihren Sack voller Ideen und Hoffnungen zusammenkippen, die klauen, kiffen, trampen, sich grundlos am Küchentisch kaputtlachen, die allen möglichen Scheiß machen, zusammenhalten und davon träumen, dass diese Schwebe nie enden soll. Weiterlesen

Familiengeschichten

 Adriana Altaras, Titos Brille. Die Geschichte meiner strapaziösen Familie

 Adriana_Altaras_Titos_BrilleTrug Marschall Tito – ja, um den handelt es sich – überhaupt eine Brille? Jedenfalls hat der Vater sie ihm repariert und Anlass für ihr Erzählen ist der Tod ihrer Eltern. Sie ist mit der Nachlassverwaltung betraut, eine Mammutaufgabe, da die Eltern seit ungefähr 40 Jahren kein Zettelchen weggeworfen haben. Für Altaras Zeit zum Sinnieren, für Wutausbrüche, für Tränen, zum Selbstmitleid und zum Aufblühen ihrer Stauballergie. Weiterlesen