Eine junge Frau, ein E-Bike, einmal quer durch Europa. Carola Mehltretter erzählt in ihrem Buch „1 Jahr, 10 Länder und die Challenge meines Lebens“ von ihrer Reise mit dem Fahrrad durch zehn verschiedene Länder. Angetrieben von ihrer Sehnsucht nach Gott und der Welt begibt sie sich auf eine Reise, auf der sie nicht nur Christ*innen begegnet, sondern auch sich selbst.

Bereits die ersten Zeilen des Buches habe ich mit großer Freude verschlungen. Ich selbst bin gläubig. Ich selbst bin Christin. Aber mehr noch als das bin ich, wie Carola Mehltretter auch, auf der Suche. Auch ich will reisen. Am liebsten allein. Im Gegensatz zu der Autorin allerdings, habe ich bisher noch nicht den Mut aufgebracht, den Schritt ins Unbekannte zu wagen. Noch ist der Respekt davor, wirklich ohne Sicherheitsnetz unterwegs zu sein, zu groß.
Auch Carola beschreibt in den ersten Kapiteln ihres Buches eindrücklich, welche Zweifel sie in Bezug auf ihr Vorhaben plagen. Die Idee ist da. Nur wie soll es konkret gehen? Schnell ist klar, dass es mit dem E-Bike durch Europa gehen soll. Eine Art Pilgertour, nur, dass dabei weniger der sportliche Aspekt im Vordergrund steht, sondern vielmehr die Begegnung. Denn die Autorin plant auf ihrer Reise, mit so vielen Christ*innen ins Gespräch zu kommen, wie irgend möglich. Bereits in ihrer Kindheit und Jugend macht die Autorin die Erfahrung, dass man als Christin überall auf der Welt schnell Anschluss findet. Der gemeinsame Glaube verbindet. Unter dem Motto „Rooted as one“ plant sie zudem, die Begegnungen filmisch festzuhalten und auf ihrem YouTube-Kanal mit der Welt zu teilen. Im Fokus stehen dabei keine theologischen Debatten, keine Auseinandersetzungen darüber, was der eine oder die andere glaubt, kein „wir glauben aber besser als ihr“, sondern es geht darum, zu zeigen, was die Christ*innen verbindet. Welche Überzeugungen sie vertreten und was der Glaube ihnen bedeutet und mehr noch, welche Kraft sich aus ihm schöpfen lässt.
Ein Aspekt, der mich bei der Lektüre besonders überzeugt hat. Ich bin katholisch. Und nicht nur das, ich arbeite sogar für die Kirche. Etwas, was ich gerne auch mal verschweige, wenn ich neue Menschen kennenlerne. Es existieren so viele Vorurteile über die katholische Kirche wie Sand am Meer. Manche haben ihre Berechtigung, andere wiederum sind völlig abstrus. Und doch bleibt es dabei, dass ich meinen Arbeitgeber dann und wann verheimliche, da ich keine Lust auf Rechtfertigungen und Diskussionen habe. Wie kannst du das verantworten? Unterstützt du nicht ein System, was Menschen klein hält? Die Kreuzzüge, die Missbrauchsfälle, … .
Natürlich bin auch ich nicht mit allem einverstanden, was in der Kirche passiert ist und leider noch immer vieler Orts passiert. Selbstverständlich wünsche auch ich mir Veränderungen und Fortschritt. Und das am liebsten schon gestern und nicht erst irgendwann. Wenn ich von meinem Beruf erzähle und davon, Teil einer Glaubensgemeinschaft zu sein, versuche ich, wie auch Carola Mehltretter, das Positive hervorzuheben. Dass die Gemeinschaft, das was uns alle verbindet, viel wichtiger ist, als das, was uns vermeintlich trennt: der Glaube an Gott. Mein Glaube ist Lebenshilfe. Mein Glaube macht mich stark. Es ist die Gewissheit, dass ich durch die Höhen und Tiefen meines Lebens nicht allein gehen muss. Dass Gott dabei an meiner Seite ist. In jeder Angst, in jedem Zweifeln, in aller Unsicherheit.
„Plötzlich durchfuhr mich ein Gedanke wie ein Blitzschlag: „Ich bin jetzt hier!“ und mir wurde mal wieder bewusst, dass Gott in diesem Moment neben mir am Strand, genau hier, irgendwo im Nirgendwo in Schweden stand. Mich durchflutete eine Welle der Dankbarkeit. Es war wieder einer dieser Momente, in denen Gott mich an die einfachsten Versprechen aus der Bibel erinnerte.“
Carola Mehltretter macht auf ihrer Reise immer wieder die Erfahrung des „Ich bin jetzt hier“. Sie ist zutiefst davon überzeugt, dass durch ihren Glauben an Gott und auch durch die Kraft des Gebets sich vieles für sie fügt. Dass es eben kein Zufall ist, dass es auf ihrer Reise immer wieder Menschen gibt, die sie bei ihrem Vorhaben unterstützen. Ohne die Hilfe anderer wäre das Unterfangen nicht möglich gewesen. Insbesondere durch die Unterstützung derjenigen, die Teil des Christ*innen Netzwerks sind, dass sich die Autorin vorab und auch während der Reise aufbaut. Die sie immer wieder bei sich übernachten lassen, sie zum Essen einladen, sie auch mental begleiten und bestärken. Diejenigen, die ihr Fahrrad zum nächsten Fahrradshop transportieren, um einen Platten zu flicken. Oder die, die ihr den nächsten Kontakt zum Unterkommen vermitteln, sie mit in die Gemeinden und Gottesdienste nehmen. Und natürlich auch all die Menschen, die ihr immer wieder die Gepäcktaschen des Fahrrads abnehmen, um es in die Bahn, über sandige und matschige Wege oder in ein Auto zu tragen. Kurz um, all die Menschen, die ihr wortwörtlich dabei helfen, die Last dieser Reise zu tragen.
Neben all den positiven Erlebnissen und Begegnungen, die die Autorin in ihrem Buch beschreibt, werden auch die Momente benannt, in denen Carola Mehltretter kurz davor ist, die Reise abzubrechen. So erzählt sie von dem Gefühl des Versagens, dass sie an so manchen Tagen zu übermannen drohte. Sie erzählt von der Sorge, nicht stark genug, nicht gut genug zu sein, zu naiv oder zu unbedarft. Von den Momenten, in denen sie sich verlassen, einsam und überfordert fühlte. Und sie schildert so manche Situation, die insbesondere für eine junge und alleinreisende Frau als durchaus heikel zu bezeichnen waren. Gerade dieser Teil ihres Buches war für mich der Überzeugendste. Trotz ihres stark verwurzelten Glaubens, trotz ihrer tiefen Überzeugung, dass allein das Gebet so manches richten könne, scheut sie nicht davor zurück, sich verletzlich zu zeigen. Sich einzugestehen, dass auch sie bei dieser Tour durch Europa an ihre Grenzen kommt. Das macht sie nahbar. Das macht sie menschlich. Und lässt mich noch mehr meinen imaginären Hut vor ihr und ihrer Leistung ziehen.
Das Buch von Carola Mehltretter ist ein Paradebeispiel dafür, was frau alles schaffen kann, wie sehr frau über sich hinauswachsen kann, solange frau an sich selbst glaubt. Alles, was sie schreibt, ist von der tiefen Überzeugung geprägt, dass da einer ist, der uns als Menschen gewollt hat. Der für uns einstehen, uns Mut machen und uns Hürden überwinden lassen möchte, solange wir ihm das nötige Vertrauen dafür entgegenbringen. Carola Mehltretters Buch handelt schlussendlich von der überwältigenden Erfahrung des „Ich bin da“. Und du nicht allein.
„Deine Abenteuergeschichte schreibst du vielleicht zu Hause in Deutschland. Aber das sind nur einzelne Kapitel in den Büchern unseres Lebens. Nur ein Teil der großen Geschichte. Wirklich spannend wird sie erst, wenn wir Gott den Stift in die Hand geben.“
Fabienne T.



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