Selbstliebe im eigenen Leib, oder: Fettlieblichkeit

Die meiste Zeit meines Lebens galt ich als übergewichtig. Eigentlich schon seitdem ich mich erinnern kann. Ich war immer das dicke Kind. Nicht nur Gleichaltrige sondern auch Erwachsene machten sich über meinen Körper lustig. Gleichzeitig war mein Bruder immer etwas mager, wodurch mein Gewicht ständig zum Mittelpunkt von Diskussionen wurde. Ich erinnere mich, wie ein Freund meines Vaters immer den gleichen Witz machte wenn er zu Besuch war: „Wir können bei ihr ja was abschneiden und bei dem Bruder drankleben!“

Zur Scham erzogen

Als Kind wurde mir von allen Seiten eingetrichtert, dass Dicksein etwas ganz Schlimmes ist. Deshalb habe ich mich auch immer sehr für meinen eigenen Körper geschämt. Das war wohl so beabsichtig. Man wollte mich zum Abnehmen motivieren. Geändert hatte die Scham aber nichts: mein Body-Mass-Index war immer überdurchschnittlich. Irgendwann nach Anfang der Pubertät galt ich als adipös. Allerdings schwankte mein Gewicht auch viel – einige Male motivierte ich mich zu Diäten und machte etwas Sport. Als die Pfunde purzelten, machten alle staunend Kommentare. „Wie hast du das geschafft?“ „Du musst mir sagen was für ‘ne Diät du gemacht hast!“ Einmal glotzte mich ein Schulkamerad bewundernd an, als ich von der Sommerpause mit 10 Kilo weniger zurückkam. Seine beste Freundin war selbst adipös. Sie saß direkt neben ihm, als er mir sagte wie toll ich auf einmal aussah.

Anfangs mochte ich die Komplimente, die kamen, wenn ich mal wieder abgenommen hatte. Irgendwann fand ich sie aber nur noch lästig und das nicht, weil die Pfunde meist wiederkamen. Mir ging es irgendwann einfach auf den Geist, dass alle so von Körpergewicht fasziniert waren. Komplimente kriegte ich nie, wenn ich anderen zu fettleibig war. Und wenn ich mal schlanker war, habe ich schnell gemerkt, dass niemand an meiner Gesundheit interessiert war. Es hatte nie jemand nachgehakt, ob ich die 10 Kilo den einen Sommer mit gesunder Ernährung und regelmäßigen Sport abgeschwitzt hatte. Ich bin mir sicher, ich hätte Worte von „Respekt!“ und Applaus auch bekommen, wenn ich das Gewicht wegen einer Nierenoperation verloren hätte.

Ein feministisches Schwergewicht

Fat-Shaming ist ein Begriff, der sich die letzten Jahre auch im deutschsprachigen Raum unter Feminist*innen etabliert hat – bestimmt auch deshalb, weil jede direkte Übersetzung wie beispielsweise „Fettschämen“ einfach verkehrt klingt. Auch wenn viele Leser*innen damit vertraut sind, erklär ich noch mal im Groben, was Fat-Shaming eigentlich ist:

Unter Fat-Shaming werden Verhaltensweisen und Einstellungen gefasst, die dicken und fetten Leuten vermitteln, dass sie oder ihre Körper minderwertig sind. Dick und fett sind dabei nicht fest definiert. Dick und fett ist, wer so von anderen so behandelt wird. BMI, Körperfettanteil und so weiter sind keine notwendigen Kriterien. Andere müssen einen nur dick oder fett finden.

Abstrakte Zeichung des Rückens einer Frau; der Körper ist fliederfarben und trägt symmetrische Tätowierung kurz oberhalb des Steißbeins in hellblau. Daran schließt sich ein pinkfarbener Bereich an, der eine Hose darstellen soll. Der Hintergrund ist schwarz.

(c) Marie Siekmann

Fat-Shaming kann sich explizit Ausdrücken – zum Beispiel wenn man sich über Dicke und Fette lustig macht, sie beleidigt, oder auslacht. Es gibt aber auch subtilere und indirekte Auswüchse, die auf eine weitverbreitete Haltung in der Gesellschaft zurückgeht, dass Dicke und Fette nicht schön sein können, undiszipliniert sind, ihren eigenen Körper nicht lieben, (oder narzisstisch sind, wenn sie ihren Körper trotz sozialer Erwartungen lieben) und die Übervorteilung von Menschen, die dem Schönheitsideal von „schlank“ näher kommen. Das heißt auch: Komplimente an Leute fürs Abnehmen oder fürs Dünnsein, besonders ohne die Gesundheit im Blick zu haben, sind eine Form von Fat-Shaming.

Unausweichbare Bilder

Das Schönheitsideal von dünn und schlank als schädlich zu beleuchten, wird als wichtige feministische Aufgabe erkannt. Trotzdem ist dieses Ideal sehr hartnäckig. Es ist eines, in dem wir erzogen werden und welches uns an jeder Ecke nahegelegt wird. Medien und Unternehmen bestärken das Ideal und nutzen es aus. Viele Fitnessstudios haben aufgegeben so zu tun, als ob es ihnen in erster Linie um die Gesundheit ihrer Kund*innen ginge. Sie werben bewusst damit, dass man mit ihrer Hilfe das Schönheitsideal „Schlank und Fit“ erreichen kann. „Fit“ wird da auch eher als ästhetischer Aspekt behandelt. Ständig wird man dazu aufgefordert den eigenen Körper zu disziplinieren. Nie darf man sich so lieben, wie man ist. Besonders Frauen leiden darunter. Sie leiden etwa dreimal so oft an Essstörungen wie Männer.

Wer dünn sagt, meint Dicke mit

Schönheitsideal Werbeplakat Klum 2014

Quelle: frauenseiten
Fotograf: Antje Robers

Mit diesem Artikel möchte ich nicht nur alle Leser*innen dazu auffordern, zu reflektieren wie sie nicht nur über Dicke und Fette reden, sondern auch wie sie über dünne Leute reden und ganz besonders, wie sie über Leute reden, die als ehemals dick galten. Wie wir mit unserem Körper umgehen ist unsere eigene Entscheidung. Aber wer abnimmt, macht dies nicht immer aus reiner Selbstliebe, sondern reagiert auf Scham und seelischem Schmerz, die in unserer Gesellschaft Alltag sind. Ein Kompliment löst nicht nur Stolz in Leuten die abnehmen aus. Es vermittelt ihnen, dass sie als Dicke wirklich weniger gute oder schöne Menschen waren. Und diese Nachricht geht auch an alle Dicken und Fetten weiter.

Im November des vorletzten Jahres bekam ich ein Medikament verschrieben. Es war ein Gestagen – dies ist Vielen als Teil der hormonellen Verhütung bekannt. Als ich anfing es zu nehmen, veränderte sich mein Appetit radikal, eine seltene und völlig unbeabsichtigte Nebenwirkung. Ohne etwas dafür zu tun, verlor ich in vier Monaten etwa 30 Kilo. Mein Gewicht schwankt seitdem kaum. Ein Fitnessguru oder Ernährungsyogi bin ich aber bei weitem nicht. Ich bin mir nicht mal sicher wie man Salaht schreibt.

Mein Abnehmen will ich nicht als Erfolg darstellen. Ich prahle mit meinem Gewichtsverlust nicht, und nicht nur, weil ich seitdem nicht viel gesünder lebe. Denn wenn ich Komplimente für mein Gewicht kriege, denk ich immer an die beste Freundin meines Schulkameraden. Ich frag mich, wie sie sich gefühlt hatte, als ich vor ihren Augen dafür angepriesen wurde, keinen Körper wie ihren zu haben.

von Beatrice Gärtner

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  1 comment for “Selbstliebe im eigenen Leib, oder: Fettlieblichkeit

  1. Heidemarie
    10. Januar 2018 at 17:33

    Hervorragend! Das musste mal gesagt werden. Vielen Dank für diesen aufschlussreichen Artikel, den hoffentlich viele lesen, besonders aber Frauen, die sich nicht mit ihrer Figur anfreunden können.

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