Trash-TV, Psychologie und Feminismus
Wer Trash-TV kennt, weiß: Eine neue Staffel Temptation Island VIP wird aktuell ausgestrahlt. In diesem Format werden die teilnehmenden Hetero-Paare räumlich getrennt und in verschiedenen Villen durch Verführer*innen auf ihre „Treue getestet“. Bei sogenannten Lagerfeuern können dann die Partner*innen Videoausschnitte aus der anderen Villa sehen.
Vielleicht geht es euch auch so wie mir, dass es zwar unterhaltsam, aber auch schwierig ist, sich Trash-TV anzuschauen, ohne dass Worte und Taten (meist seitens der Männer) kritisch eingeordnet werden. Genau darum geht es bei den „Trashologinnen“ Dr. Dinah, Dr. Risa und Franzi (M.Sc.). Drei Psychologinnen, die in ihrem Podcast Trash-TV besprechen und psychologisch analysieren. In der neuesten Folge von ‚Temptation Island VIP F2 – der male gaze schläft nie‘ ist Alina von The Monday Talks zu Gast. Sie setzt sich auf Instagram, in ihrem Podcast und in einer Talkshow für feministische Themen ein und kennt sich mit dem Thema häuslicher Gewalt aus. Zusammen besprechen und analysieren sie, was man von Trash-TV über das Patriarchat lernen kann.

Selbst-Objektifizierung
In der ersten Szene, die Dinah und Alina besprechen, geht es um die Teilnehmerin Melissa, die einer anderen Teilnehmerin abends erzählt, sie würde nur in Dessous schlafen. Dies mache sie vor allem für ihren Partner Marvin, der dies zum einen nicht genug wertschätze, sich zum anderen aber auch beschwert hätte, als sie ein T-Shirt tragen wollte, weil sie krank gewesen sei.
„Die hat nicht mal beim Schlafen eine Pause, das Patriarchat ist immer da, selbst wenn sie schläft, sie kann sich nie erholen.“ (Dinah)
In diesem Zusammenhang erklärt Dinah die Theorie der Selbst-Objektifizierung. Ihrer Ansicht nach entsteht Selbst-Objektifizierung bei Mädchen und Frauen, wenn sie selbst objektifiziert werden – etwa durch ungefragte Kommentare über ihren Körper -, wenn sie beobachten, wie andere Frauen objektifiziert werden, oder durch die Darstellung von Frauen in den Medien. Dadurch werden sie dazu sozialisiert, sich selbst gewissermaßen durch die Augen von anderen zu sehen und auf ihre Körper zu reduzieren. Laut Dinah und Alina trifft dies genau auf Melissa zu: Sie wirkt, als sähe sie sich nur von außen, und ihre eigenen Gefühle scheinen für sie zweitrangig zu sein.
Einerseits könne Selbst-Objektifizierung eine logische Strategie im Patriarchat sein, da man dadurch beeinflussen kann, wie man wahrgenommen wird. Andererseits erzählt Dinah von Studien, die nahelegen, dass eine zu starke Fokussierung auf das eigene Aussehen viele negative Auswirkungen hat: Scham, Angst, Depressionen, sexuelle Probleme, verminderte Leistungsfähigkeit und schlechte Erinnerung, eigene wahrgenommene Kompetenz-, Denk- und Urteilsfähigkeit. Dinah und Alina appellieren also: Wir sollten unsere Körper wieder weniger von außen sehen, und mehr von innen fühlen.
„Männliche“ Emotionen
Ein weiterer Aspekt ist männliche Wut. Melissa erzählt in der Show davon, wie sie von Marvin beim Streiten angeschrien und beleidigt wird. Alina ordnet dies ganz klar als emotionale und häusliche Gewalt ein. In einer anderen Szene erzählt Marvin, dass Wut seine einzige Emotion sei. Für Dinah und Alina ist es eindeutig, dass dies am Patriarchat läge, da die Wut die akzeptierteste Emotion für Männer sei. Vanessa beschwert sich über ihren Partner Aleks, weil er bei der Arbeit so rational ist, dass es ihm schwerfällt, zuhause wieder emotional zu sein und sich ihr verschließt. Alina und Dinah sehen darin den Stereotyp, dass Männer rationaler und Frauen emotionaler seien, und widerlegen diesen:
„Wut ist auch eine Emotion und ich finde auch eher Männer sind viel öfter in ihren Gefühlen als Frauen.“ (Alina)
Der Madonna-H*re Komplex
Schließlich geht es um ein Thema, welches die Trashologinnen häufig erklären, da es im Trash-TV immer wieder auftaucht: der „Madonna-H*re Komplex“. Bei Temptation Island VIP siehe man das besonders gut an Marvin, der nicht weiß, wie er damit umgehen soll, dass seine Freundin Melissa erotischen Content auf der Plattform OnlyFans verkauft. Dinah analysiert die Situation: Marvin steht vor dem inneren Konflikt, dass er Melissa gleichzeitig auf zwei Arten sieht: als seine Freundin, als ‚Madonna‘ – also gut, moralisch, nicht sexuell und respektabel – und als Sexobjekt, als ‚H*ure‘ – also sexuell selbstbestimmt, aber dadurch nicht respektabel. Laut Dinah ist das Kernproblem folgendes: Bei diesem Komplex schließt es sich aus, mit einer Frau Sex zu haben und sie gleichzeitig zu respektieren. Eine Studie habe zudem ergeben: Je mehr Männer den Komplex verinnerlicht haben, desto unglücklicher sind sie in ihren Beziehungen. Und ihre Partnerinnen wahrscheinlich sowieso.
Wen Trash-TV, Psychologie und Feminismus interessieren, sollte auf jeden Fall in die neuste Folge der Trashologinnen reinhören.
Lisann Prüss



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