Die Kämpferin: Auguste Kirchhoff

Straßenzug in Bremen schwarz-weiss

Schwachhauser Heerstraße 1899, von Unbekannt [Public domain], Wikimedia Common

Bei der Beschäftigung mit Biografien von Frauen stößt frau manchmal auf Lebensläufe, die beeindruckend sind und Bewunderung oder Hochachtung hervorrufen. Für mich ist dies der Fall bei Auguste Kirchhoff und Tami Oelfken – Frauen die sich Konventionen widersetzten und mutig ihren Standpunkt – auch mit persönlichen Konsequenzen – vertraten.

Auguste Christine Louise Kirchhoff, geb. Zimmermann *23.6. 1867 in Asbach, + 12.7. 1940 in Bremen. Sie lebte als Frau eines Rechtsanwalts und späteren Senators in einem wohlhabenden bürgerlichen Milieu mit ihren fünf Kindern, nahm Gesangsunterricht und erteilte selbst Musikunterricht, gab Konzerte und führte ein gastliches Haus – und entschied sich dennoch, sich nicht mit diesem Leben zu begnügen.

Gegen die Doppelmoral

Frau mit Kind an der Hand

Peter Scherer, via Wikimedia Commons

Sie begann sich aktiv für politische und soziale Fragen zu interessieren und wurde Mitglied des Bremer Vereins für Frauenstimmrecht, der sich für das allgemeine, freie und geheime Wahlrecht einsetzte. Unmittelbar nach Geburt des fünften Kindes 1905 gründete sie mit einem Kreis von Frauen den Verein Mütter-und Säuglingsheim, der ledigen Müttern nach der Geburt Schutz und Hilfe bot. Für heutige Verhältnisse nichts Besonderes, aber damals erntete der Verein Protest, als er 1906 ein Heim in der Kirchbachstraße eröffnen wollte – ledige Mütter waren der bürgerlichen Nachbarschaft eine Zumutung.“Warum soll denn ein Fehltritt bei der Frau mit dem Ruin eines ganzen Lebens gestraft werden, während dem Mann bei gleichen Vergehen die ganze Welt mit ihren höchsten Ehrenämtern offensteht?“ konterte sie die Kritik.

1909 gründete sie mit Minna Bahnson und Rita Bardendheuer die Bremer Ortsgruppe des Bundes für Mutterschutz und Sexualreform. Dieser setzte sich für eine neue Ethik und eine neue Sexualmoral ein. Ihr ging es jedoch nicht nur um die individuelle Lösung sozialer Probleme, sondern sie und ihre Mitstreiterinnen forderten erstmals eine gesetzliche Mutterschaftsversicherung, Ruhezeiten und andere Schutzrechte für schwangere Arbeiterinnen.

Ein zentrales Anliegen: Frieden!

Schwarz/weiß-Bild einer Menschenmenge

By National Photo Company, via Wikimedia Commons

Als im Ersten Weltkrieg Frauen verschiedener Länder einen Friedens-Kongress durchführten, von dessen Teilnahme der Allgemeine deutsche Frauenverein abriet, widersetzte sie sich. Sie fuhr nach Den Haag, um mit den „Feindinnen“ zu beraten, wie man den Krieg beenden könne. Als sie nach Bremen zurückkehrte und über den Kongress in der Zeitung berichtete, organisierten einige Frauen einen Protestbrief. Dieser wurde von mehr als 100 Frauen unterschrieben. In ihm warfen sie ihr eine mangelnde vaterländische Gesinnung vor. Selbst ihre Tochter verstand ihre Haltung nicht. Die Folge war ein Veröffentlichungsverbot. Sie konnte auch nicht mehr öffentlich auftreten.

1919 jedoch wurde sie sofort wieder aktiv und gründete mit ihrer Freundin Rita Bardenheuer die Bremer Ortsgruppe der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF), dessen Jahreskongress 1922 sie in Bremen organisierte. Sie arbeitete in der deutsch-dänischen und der deutsch-polnischen Kommission mit, die versuchten, Besserungen für die Minderheiten zu erreichen. Besonders am Herzen lag ihr auch der Kampf gegen den Antisemitismus, der in den 20er Jahren immer stärker wurde. 1924 schrieb sie: „Wir müssen die Gefahren des Faschismus und des Hakenkreuzlertums für unsere Jugend und unser ganze Volk erkennen und uns gegen diese Kreise richten, die an die Macht der Waffe, an die Macht der Gewalt glauben“. Diese couragierte Frau, deren Motto war „Mensch sein heisst Kämpfer sein“, musste noch sieben Jahre den Faschismus ertragen. Sie starb 1940 nach langer schwerer Krankheit.

Lesenswerter Nachlass

Neben ihrer politischen Tätigkeit, ihrem Gesangsunterricht, den sie erteilte und den häuslichen Gesellschaften hatte sie noch Zeit gefunden für die Verfassung von Reden und Artikeln. Und diese sind noch heute sehr lesenswert! In zwei Büchern sind ihre Artikel versammelt nachzulesen:
„Mensch sein heißt Kämpfer sein“, Schriften für Mutterschutz, Frauenrechte, Frieden und Freiheit 1914 – 1933, Bremen o. J.
Ein Weib wie wir, Auguste Kirchhoff (1847-1940) Biografie und Auswahl von Schriften, Bremen 1989 herausgegeben von Hannelore Cyrus und Verena Steinecke.

Beide Bücher sind leider nur antiquarisch erhältlich.

Edith Laudowicz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.