Triggerwarnung: Im Folgenden Artikel wird die Tat eines versuchten Mordes beschrieben. Leser*innen könnten das beunruhigend und retraumatisierend finden. Lest diesen Text also nur, wenn ihr euch psychisch stabil genug fühlt.
355 Frauen die 2024 laut BKA durch ihre (Ex)-Partner getötet wurden. Eine Zahl die unter die Haut geht und erneut patriarchale Gesellschaftsstrukturen aufzeigt. Laut dem Deutschen Institut für Menschenrechte sterben hunderte Frauen jährlich durch die Gewalt von Partnern, Familienmitgliedern oder Bekannten. Auch die aktuellen Zahlen des BKA zu Häuslicher Gewalt zeigen einen erneuten Anstieg in den letzten Jahren und Femizide Stoppen berichtet auf ihrem deutschlandweiten Instagram Account über 85 Femizide alleine dieses Jahr in Deutschland (stand: 1.12.2025). Die Dunkelziffer kann als viel höher vermutet werden. Femizide sind die extremste Form patriarchaler Gewalt. Im Modell Violentométro, welches auch auf unserem Blog erklärt wird, können verschiedene Arten von Gewalt, die einem Femizid häufig vorangehen, nachgelesen werden.
Nun hat sich im April 2025 ein versuchter Mord, beziehungsweise versuchter Femizid im Ortsteil Hastedt in Bremen ereignet. Seit dem 15. Oktober 2025 läuft die Gerichtsverhandlung gegen den Angeklagten im Bremer Landgericht. Der Prozess soll laut aktuellen Informationen bis einschließlich 22. Dezember 2025 gehen. Gruppen wie Stoppt Femizide Bremen und AKJ (Arbeitskreis Kritischer Jurist*innen) begleiten einzelne Verhandlungstage, um solidarische Unterstützung gegenüber der Geschädigten zu zeigen – und auch Personen aus unserer Redaktion waren an einzelnen Tagen vor Ort.
Wir sitzen in Gerichtssaal 218 als die Richter*innen den Saal betreten und wir uns von der knarzenden Bank erheben. Das buten un binnen Team hat gerade mit seinen Kameras den Raum verlassen als der mutmaßliche Täter die Mappe vor seinem Gesicht entfernt. Es ist mein zweites Mal im Landgericht zum versuchten Mordversuch. Trotzdem wirkt es weiterhin surreal, ein Mann der mutmaßlich versucht hat seine Partnerin zu töten, nur ein paar Meter von mir entfernt sitzend. Nur der Gedanke löst ein tiefes Unbehagen in mir aus.

Verlauf des Prozesses
Das letzte Mal als ich hier war wurden die Zeugenaussagen mehrerer Polizisten aufgenommen, die am Tag der Tatnacht als erste vor Ort waren. Viele ihrer Aussagen stimmen überein und schildern anhand der gezeigten Bildern den Verlauf der Tat. Das Blut auf der Fensterbank, die Suche nach dem Verdächtigen, die unter Schock stehenden Kinder, eine Frau die mit sichtbaren schweren Verletzungen auf dem Gehweg liegt, über ihr im zweiten Stock das noch immer geöffnete Fenster. Sie beschreiben eine Nacht , die wie aus einem Film wirkt. Jetzt so nah dabei zu sein, nimmt mich doch mehr mit als ich es mir hätte vorstellen können. Meine Gedanken hängen der Frau nach und ihrer Geschichte, die durch die Worte der Polizisten vorgetragen wird. Die Erzählungen der Polizisten formen langsam ein Bild in meinem Kopf, welches ich so schnell nicht vergessen sollte.
Nach den Zeugenaussagen der Polizei folgen weitere von Nachbar*innen, dem Ehepaar aus der Wohnung darunter und die der Gerichtsmedizinerin. Die Zeugen aus der Nachbarschaft erzählen von Schreien, wie sie den Fall der Geschädigten gesehen haben und die Flucht einer Person in den Keller. Ob es sich dabei um den Angeklagten handelt, bleibt jedoch ungeklärt. Ebenfalls hätten sie Blut an der am Boden liegenden Frau und der Hauswand wahrgenommen. Der erste Zeuge Herr K. hat ein Video aus der Tatnacht, der den Sturz der Geschädigten zeigen soll. Die Qualität ist jedoch sehr schlecht und das Gezeigte sei nur spärlich erkennbar.
Aussage der Geschädigten
Als ich am 18. November erneut vor dem Landgericht Bremen stehe, breitet sich wieder dieses unbehagliche Gefühl in mir aus. Denn heute wird die Hauptzeugin und damit auch die Geschädigte aussagen. Jetzt die Frau zu sehen, von der seit Wochen nur gesprochen wird, scheint mir unwirklich. Denn sie zu sehen, macht alles auf einmal so real und damit noch beängstigender und trauriger. Zu wissen, es ist kein Film, nein, das ist die Lebensgeschichte einer Frau – einer Frau, die mutmaßlich den Mordversuch ihres Partners überlebt hat. Das sie die Kraft hat hier auszusagen und das vor dem Angeklagten beeindruck mich sehr.
Die Betroffene sitzt seit der Tatnacht im Rollstuhl. Der Sturz aus dem Fenster hat irreversible Schäden hinterlassen, (nicht nur psychische). Neben ihr sitzt ihre Dolmetscherin, rechts von ihr die Staatsanwaltschaft und auf der linken Seite der Angeklagte. Sein Kopf ist auf dem Tisch abgelegt, sein Blick nach unten – er guckt sie kein einziges Mal an. Die beiden zusammen in einem Raum zu sehen – ein mulmiges Gefühl macht sich in mir breit und ich frage mich, wie sie es schafft damit umzugehen.
Ihre Beziehung zum Täter
Die Geschädigte fängt an die Beziehung zum Angeklagten zu beschreiben. Kennengelernt haben sie sich vor sieben bis acht Jahren in Mainz. Die beiden haben Zwillinge und wohnten zusammen in der Wohnung in Hastedt. Die Frau hat einen weiteren Sohn, er ist jedoch nicht der Vater. Von Mainz sind sie zusammen nach Bremen gezogen. Ein Freund von ihm habe ihnen damals die Wohnung vermittelt, Kontakte in Bremen habe sie selbst jedoch kaum. Ihr Alltag bestehe größtenteils darin, sich um die drei Kinder zu kümmern, während er in der Gastronomie arbeite. Über seine Arbeit könne sie jedoch nicht besonders viel sagen. Sie hätten eine Beziehung geführt, in der zunächst alles „in Ordnung“ zu sein schien. Mit der Zeit hätten sich jedoch die Konflikte gehäuft: Er sei nicht konsequent genug, „inconsistent“ ( engl.) mit den Kindern, wolle alle Entscheidungen treffen, sei emotional nicht erreichbar und habe mehrfach kritisiert, sie beklage sich zu viel. Nach einiger Zeit habe er schließlich geäußert, er wolle die Kinder in sein afrikanisches Heimatland bringen. Von da an wurde laut der Zeugin alles kompliziert. Jede Entscheidung sollte von ihm getroffen werden und er habe vermehrt versucht die Kontrolle zu übernehmen. Im Januar 2025, drei Monate vor der Tat, deutete sie die Trennung an.
Die Tatnacht
Zehn Tage vor der Tatnacht ist sie mit den Kindern zu ihrer Mutter gefahren, denn sie habe sich nicht mehr sicher gefühlt. Die Folgen seien endlose Anrufe seinerseits gewesen, auch Freund*innen von ihm hätten wiederholt versucht sie wiederholt zu kontaktieren. Sie habe berichtet, er habe ihr vorgeworfen, sie sei mit einem anderen Mann unterwegs gewesen. Danach sei sie mit den Kindern wieder zurück nach Bremen gereist.
Der Tag sei zunächst ganz normal verlaufen, bis ihre Karte an der Supermarktkasse nicht akzeptiert worden sei und sie gesehen habe, dass er Geld von ihrem Konto abgehoben habe. Daraufhin hätten die beiden gestritten; sie habe ihn angeschrien und er habe Angst bekommen, die Nachbar*innen könnten die Polizei rufen. Daraufhin habe sie geantwortet, dass es vielleicht besser wäre, wenn die Polizei käme. Danach sei er aus der Wohnung verschwunden, so die Aussage der Geschädigten.
Am Abend habe die Geschädigte nach eigener Aussage mit einer Freundin aus Paris telefoniert, die Kinder ins Bett gebracht und sich anschließend ebenfalls schlafen gelegt. Sie sei durch ein heißes, schmerzhaftes Gefühl am Hals aufgewacht – zuerst rechts, dann links. Der Täter habe sie, so ihre Darstellung, an den Haaren gewaltsam hochgezogen; sie habe immer wieder um sich geschlagen und dabei um ihr Leben gekämpft. Zwischen beiden sei ein Kampf ausgebrochen, und er habe sie geschlagen, als sie angefangen habe zu schreien. Irgendwann habe er das Gleichgewicht verloren, sodass sie sich kurzzeitig habe befreien können, bevor er sie erneut an den Haaren zu sich zurückgezogen habe.
Die Zeugin berichtet wie sie zum Fenster gelaufen sei und alle Gegenstände vom Fensterbrett geworfen habe, um möglichst viel Lärm zu verursachen und die Nachbar*innen auf sich aufmerksam zu machen. Die Geschädigte habe nach eigener Aussage eine Person auf der Straße gesehen und daraufhin das Fenster geöffnet, um um Hilfe zu rufen. Der Täter sei von hinten gekommen, habe ihren Kopf auf das Fensterbrett gedrückt und sie mit einem Messer am Hals verletzt. Plötzlich, so die Zeugin, seien ihre beiden Töchter im Wohnzimmer erschienen. Durch deren Ruf „Bring meine Mutter nicht um“ sei er abgelenkt gewesen. Daraufhin habe sie ihre Beine ins Fenster gelegt; anschließend wisse sie nur noch, dass sie aus dem Fenster gestürzt sei und währenddessen den Namen des Angeklagten geschrien habe, bevor sie auf dem Boden aufgeschlagen sei. So die Geschädigte.
Immer wieder fängt sie an zu schluchzen, muss sich kurz sammeln und trotzdem macht sie weiter.
Die Zeit danach
Nach der Tat liegt die Geschädigte mehrere Tage lang im Koma, so die Gerichtsmedizinierin. In die Reha geht sie von Ende Mai bis Ende August. Wie oft sie operiert wurde weiß sie jedoch nicht. Laut buten un binnen Bericht waren es elf Stunden die sie im OP-Saal war.
Emotional gehe es ihr beinahe wieder gut, die Mobilitätseinschränkung mache ihr weiterhin zu schaffen, sagt die Geschädigte. Auch ihre drei Kinder haben eine neue Stabilität in ihrem Leben gefunden, bekommen psychologische Unterstützung und bauen langsam ein Gefühl der Sicherheit wieder auf, trotz allem was sie mit erleben mussten.
Jetzt heißt es abwarten wie die Verhandlungen weiter verlaufen werden.
Lana Corzelius
Der Text lief durch ein Sensitivity Reading und wurde von einer Bekannten der Betroffenen gegengelesen.



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