Besitzen und besessen werden – „Property“ von Valerie Martin (schiefgelesen)

Manon Gaudet, Pflanzerstochter aus New Orleans, ist jung, schön und günstig verheiratet. Zumindest auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick ist die großzügig angelegte Plantage des Ehepaars Gaudet heillos überschuldet und das Verhältnis zwischen den beiden so kühl, dass Manon niemals den Namen ihres Mannes erwähnt, sondern ihn immer nur „my husband“ nennt. Dass der Sohn von Sklavin Sarah ihm wahnsinnig ähnlich sieht, ist auch nicht gerade hilfreich für das eheliche Verhältnis. So ist die Ausgangssituation, auf die Valerie Martin ihren Roman über Besitz und Abhängigkeit aufbaut.

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Das offensichtlich brutalste Besitzverhältnis in Property ist die Sklaverei. Für Manon, aus deren Perspektive der Roman erzählt wird, ist es völlig normal, von gekauften Dienstboten umgeben zu sein. Auch ihr Vater hatte selbstverständlich Sklav_innen und verstand sie nicht nur als Arbeitskräfte, sondern auch als eine Art soziales Experiment. Immer wieder dachte er sich neue Methoden aus, wie er sie motivieren und disziplinieren konnte, um dann tief enttäuscht zu sein, wenn seine Untergebenen nicht so reagierten, wie er sich wünschte. Dennoch veröffentlichte er verschiedene Schriften über seine sehr ernsthaften Versuche. Manons Mann hingegen ergötzt sich an sadistischen Spielen mit den Sklaven und lässt kaum eine Nacht verstreichen, in der er nicht Sarah in sein Schlafzimmer zitiert. Manon stört das sehr, vor allem aber, weil Sarah eigentlich ihr gehört, immerhin war sie ein Hochzeitsgeschenk ihrer Tante.

Aber wie es eben so ist – Manon gehört rein rechtlich erst mal gar nichts. So lange sie verheiratet ist, geht all ihr Eigentum in den Besitz ihres Mannes über und er gibt ihr dann vielleicht was ab. Als Manons Mutter verstirbt und sie ihr Haus samt Sklavinnen in New Orleans erbt, erscheint der Traum vom Glück ganz nah. Endlich könnte sie wieder in der Stadt leben, weit weg von ihrem grauenhaften Mann, und ein bescheidenes Einkommen hätte sie auch aus den Investitionen ihrer Mutter. Nur behalten darf sie leider nichts davon. Auf einmal scheint selbst Mord eine bedenkenswerte Möglichkeit zu sein.

„He can tell all my friends I live with a man whose bastard son is running wild in the dining room and who strikes his servants in public. That should paint an edifying picture of the choice I’ve made.“

Zu Beginn des Romans scheint Manon ein weiches Herz und auch Verständnis für Sarah zu haben. Sie ist sogar bereit, Sarah zu verkaufen, damit sie heiraten kann. Aber schnell wird klar, dass diese Sympathie eine recht oberflächliche ist. In ihrer Gesellschaftsschicht genießt Manon wenige Freiheiten und kann unter ihresgleichen praktisch keine Macht ausüben. Sobald es hart auf hart kommt, wird auch sie Sarah gegenüber grausam und unnachgiebig. Dennoch erwartet sie Hilfe und Unterstützung von ihr und ist entrüstet, wenn die Frau, mit der sie Tag und Nacht zusammen verbringt, sich nicht als ihre wahre Freundin erweist. So ist dann auch das Porträt von Manon ein zwiespältiges. Einerseits wird sie charakterisiert als Frau, die selbst unterdrückt und vieler Freiheiten beraubt wird, andererseits hinterfragt sie selbst nur bestimmte Grausamkeiten Sklav_innen gegenüber, niemals aber das System an sich. Und auch ihrem Mann gegenüber ist Manon selbst grausam. Da der Roman von ihr erzählt wird, muss man ihr einfach glauben, dass er wirklich unerträglich ist und von Anfang an unerträglich war, sie lässt aber auch wirklich keine Gelegenheit aus, ihn das spüren zu lassen.

Property ist ein interessanter Roman über Besitz und daraus resultierende Abhängigkeiten. Martin lässt zu keinem Zeitpunkt irgendeinen Zweifel daran, dass Manon deutlich besser dran ist als Sarah, auch wenn sie das in ihrer Verbitterung selbst manchmal nicht glaubt. Zugleich aber lenkt die Autorin den Fokus darauf, wie auch diese vermeintlich vermögende und gut situierte Frau de facto selbst nichts hat und allein vom Wohlwollen ihres Mannes abhängig ist. Property bleibt dankenswert weit weg von jedem nostalgischen Südstaaten-Kitsch. Zu Anfang hatte ich noch befürchtet, Manon könne sich als Erretterin der Sklavinnen entpuppen, daran aber denkt sie nicht mal im Traum. Stattdessen entwickelt sie sich zu einer Protagonistin, die im Kontext ihrer Zeit total viel Sinn ergibt, außerhalb dessen aber unerträglich ist. Der Roman ist relativ kurz, was seiner Komplexität aber keinen Abbruch tut. Bevor man also das nächste mal vier Stunden lang Vom Winde verweht guckt (ich habe das nie geschafft, zugegeben), kann man besser diesen Roman hier lesen.

Valerie Martin: Property. Vintage Contemporary 2004. 196 Seiten. Erstausgabe Random House 2003. Lieferbar ist der Roman bei Abacus. Eine deutsche Übersetzung konnte ich nicht finden, was mich wundert.

Das Zitat stammt von S. 30.

Für diesen Roman wurde Valerie Martin 2003 mit dem Orange Prize for Fiction ausgezeichnet. Dieser Roman ist Teil des Leseprojekts „Women’s Prize for Fiction“.

Mehr Texte von Marion findet ihr unter schiefgelesen.net

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