Der blinde Fleck – Bremen und die Kunst der Kolonialzeit

Fast fünfzig Augenpaare blicken mich an. Es sind direkte Blicke selbstbewusster, moderner Frauen, die die nigerianisch-bremische Künstlerin Ngozi Schommers in Bremen, Zürich, Accra und Lagos in Kohlezeichnungen festgehalten hat und die im Zentrum ihrer großen Installation „(Un]Framed narratives“ in der Kunsthalle Bremen stehen. Vor dieser wandfüllenden Galerie wachsen aus dem Boden historische Verpackungen von Kolonialwaren Bremer Firmen heraus und türmen sich auf.

Bilder an einer grauen Wand mit people of color, im Vordergrund alte Kolonialwaren

„(Un]Framed narratives“ von Ngozi Schommers in der Ausstellung „Der blinde Fleck – Bremen und die Kunst in der Kolonialzeit“ in der Kunsthalle Bremen
(c) Kirsten Tiedemann

Auch von der Decke hängen in einigem Abstand Zigarrenschachteln und Kaffeedosen herab. All diese Kisten, Dosen und Schachteln werfen Schatten auf die Gesichter der women of color. Manche schieben sich vor ein Porträt und ziehen die Aufmerksamkeit auf sich: „Bremer Wappen“ ist auf einer Zigarrenkiste zu lesen, „Bremer Lloyd-Kaffee“ auf einer großen Blechdose. Brinkmann, Westhoff, Alva und weitere vertraute Namen sind zu entdecken. Sie wecken Erinnerungen an meine Großmutter, die in einer Zigarrenkiste mit ansprechender Gestaltung Knöpfe zur weiteren Verwendung sammelte und mit denen ich gelegentlich spielen durfte. Damals versprachen mir die Bilder auf der Kiste ein Schatzkästchen mit begehrtem kunterbuntem Spielzeug. Für die Nachfahren der Produzentinnen von Tabak, Kaffee und Kakao in den Kolonien früherer Zeiten, aus denen die Dosen stammen, sind diese Bilder Ausdruck einer Verklärung der harten, oftmals unter Zwang stehenden, schlecht bezahlten Arbeits- und Lebensverhältnisse ihrer (Ur-)Großeltern.

Der blinde Fleck des kolonialen Erbes in der Kunst

Genau an diesem unbedachten Abschnitt des kollektiven Gedächtnis‘ setzt die Schau „Der blinde Fleck – Bremen und die Kunst in der Kolonialzeit“ in der Kunsthalle Bremen an. In ihrer eineinhalbjährigen Forschungsarbeit, die durch die Kulturstiftung des Bundes gefördert wurde, erarbeitete die Ethnologin Julia Binter eine vielschichtige, differenzierte Ausstellung. Es ist die ausdrückliche Absicht, für diesen blinden Fleck des kolonialen Erbes in der Kunst zu sensibilisieren und ihn bewusst zu machen. Die Schau will den Dialog fördern und damit zu einer gemeinsamen Gestaltung der Zukunft im Kontext der Globalisierung beitragen.

Ein Bild an einer grauen Wand mit einer person of color, am rechten Rand die Hälfte eines roten Bildes

„(Un]Framed narratives“ von Ngozi Schommers in der Ausstellung „Der blinde Fleck – Bremen und die Kunst in der Kolonialzeit“ in der Kunsthalle Bremen
(c) Kirsten Tiedemann

Für dieses Ziel hat die Kuratorin die umfangreichen Bestände der Kunsthalle Bremen, ihre Herkunft und die Zusammenhänge ihrer Entstehung und auch der Entstehung des Hauses hinsichtlich des kolonialen Erbes kenntnisreich unter die Lupe genommen. Das ist erstmalig in Deutschland geschehen. Binter nutzt einen interdisziplinären Ansatz, stellte Kooperationen mit der Universität Bremen und dem Überseemuseum Bremen her und bezog die afro-deutsche Community Bremens, vertreten durch das Afrika-Netzwerk Bremen, früh in den Entstehungsprozess der Ausstellung ein. Mit der Einladung von drei zeitgenössischen, international agierenden Künstlern vollzieht Binter den Brückenschlag in die Gegenwart: Hew Locke (Großbritannien), Vivan Sundaram (Indien) und Ngozi Schommers (Nigeria & Deutschland) sind mit aktuellen Werken in Bremen vertreten. Hew Locke und Ngozi Schommers haben eigens für diese Schau großformatige Installationen geschaffen.

Die Ausstellung wartet mit einer Fülle von Gemälden, Skulpturen, Plakaten, Masken, Fotos und Installationen auf. Farbenprächtige expressionistische Gemälde von Max Pechstein, Paul Gauguin und Emil Nolde mit Motiven aus damals fernen kolonialisierten Ländern, die oftmals Projektionsfläche für Sehnsüchte und Wünsche jener Zeit waren, erwarten das Publikum. Zahlreiche japanische Farbholzschnitte aus der Edo-Zeit illustrieren das Mäzenentum damaliger Bremer Kaufleute. Die Einflüsse neuer Handelsgüter, wie Südfrüchte und Genussmittel, auf die bremische Gesellschaft verdeutlichen ein Stillleben von Paula Modersohn-Becker und das Gemälde einer unbekannten Bremer Künstlerin.

Bilder an einer grauen Wand mit people of color, im Vordergrund alte Kolonialwaren

„(Un]Framed narratives“ von Ngozi Schommers in der Ausstellung „Der blinde Fleck – Bremen und die Kunst in der Kolonialzeit“ in der Kunsthalle Bremen
(c) Kirsten Tiedemann

Für den Umgang damaliger Herrscher mit den kreativen Arbeiten der Menschen kolonialisierter Gebiete stehen verschiedene Kunstwerke namenloser Künstler aus Afrika und Asien. Die unterschiedlichen Perspektiven der als Tourismuskunst erstellten Werke und der Zielgruppe werden thematisiert. Darüber hinaus wird die Aufnahme der Werke, bzw. ihre teilweise Ablehnung, in der früheren bremischen Gesellschaft vorgestellt. Die Kuratorin bezieht auch städtische Ereignisse, wie die Diskussion um das Kolonial-Ehrenmal (den Elefanten), Benennung von Straßen und die ambitionierte Gewerbe- und Kunstausstellung von 1890 ein. Der lesenswerte, reich bebilderte Begleitband mit vertiefenden Informationen und ein abwechslungsreiches Programm runden die empfehlenswerte Schau ab.

Ein Resümée

Der Kuratorin Julia Binter gelingt eine vielschichtige und facettenreiche Darstellung von Bremen, seinem Welthandel und dem Mäzenatentum in der Kolonialzeit. Damit ist die Kunsthalle Bremen Vorreiter in der Auseinandersetzung mit den kolonialen Spuren in der Kunst in Bremen. Sie setzt mit der Schau ein positives Signal, das als Vorbild dienen kann.

Ich empfehle die Kuratorinnenführung am 24.9.2017 um 15.00 Uhr in der Kunsthalle Bremen.

Der blinde Fleck – The blind spot. Bremen und die Kunst in der Kolonialzeit. Bis 19.11.2017 in der Kunsthalle Bremen

https://www.kunsthalle-bremen.de/view/exhibitions/exb-page/der-blinde-fleck

Kirsten Tiedemann

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