Ein bisher vernachlässigtes Thema: Gewalt gegen ältere und alte Frauen…
Gewalt gegen Mädchen und Frauen und Berichte sowie Forschung darüber sind in der feministischen Szene allgegenwärtig. Eine Gruppe wird dabei aber bisher weitgehend außer Acht gelassen: ältere und alte Frauen. Das sollte eine Veranstaltung der Zentralstelle der Landesfrauenbeauftragten (ZGF) ändern. Der Zulauf war groß: Da die digitale Teilnahme möglich war, hatten sich insgesamt etwa 150 Personen aus unterschiedlichen Berufsfeldern vor Ort und online eingefunden.
Bewusstsein schaffen
In ihrem Grußwort wies Claudia Bernhard, Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz, auf die Istanbul-Konvention hin, deren Umsetzung sie verantwortet. Die Frauensenatorin betonte, dass Bremen bereits zahlreiche Maßnahmen des Landesaktionsplans zur Umsetzung der Istanbul-Konvention erfolgreich abgeschlossen hat. Das heutige Thema sei allerdings ein blinder Fleck. Obwohl die Gruppe älterer und alter Frauen besonders von Gewalt betroffen sei, gebe es wenig Bewusstsein dafür. Hinzu komme das Problem der Altersarmut, das die Betroffenen häufig in die Isolation treibe.
Tabuthema

Als Referentin war Dr. Claudia Mahler vom Deutschen Institut für Menschenrechte eingeladen, die auch als Expertin für die UN tätig ist. Sie beklagte die mangelnde Datenlage. Gewalt gegen ältere Frauen sei weltweit ein Tabu, es gebe wenig Information darüber und wenig Aufklärung. So würden zum Beispiel Statistiken über sexualisierte Gewalt nur bis zum Alter von 49 Jahren geführt. Ältere Frauen lebten häufig in finanzieller und sozialer Abhängigkeit und niemand fühle sich für sie zuständig. Es gebe keine Unterstützungsstrukturen: Bei Gewalt gegen Kinder sei das Jugendamt zuständig; Frauenhäuser seien auf jüngere Frauen – mit und ohne Kinder – ausgelegt. Aber für alte Frauen gebe es bisher kaum Angebote. In Frauenorganisationen fehlten häufig ältere Frauen, so dass auch dort das Bewusstsein für das Problem wenig vorhanden sei.
Warum nun ist das Thema so ein Tabu? Das liegt vor allem daran, dass es schambesetzt ist. Claudia Mahler führte aus, dass es kaum Studien gebe, weil die Gewalt häufig innerhalb der Familie vorkommt und dort oft schon lange andauert. Forschende haben daher kaum Zugang. Bei den UN gebe es keine Lobby für Ältere, für die Staaten habe das Thema offenbar keine Priorität. Dabei ist es dringend notwendig, es auf die Agenda zu setzen: So gab es im Jahr 2023 laut Monitor Gewalt gegen Frauen in Deutschland 909 Femizide, davon traf es in 208 Fällen Frauen über 60.
Wenn Bremen Gewalt gegen ältere Frauen nun zum Thema mache, übernehme es damit eine Vorreiterrolle, so Dr. Mahler.
Mögliche Maßnahmen
In der anschließenden Diskussionsrunde tauschten sich die Teilnehmenden aus und berichteten von ihren Erfahrungen aus den unterschiedlichen Institutionen wie Beratungsstellen und Pflegestützpunkten. Allgemein sei eine medizinische Entwertung von Frauen jenseits des reproduktiven Alters zu beobachten. Für ehrenamtliche Arbeit gelte, dass ältere Menschen sich oft für andere einsetzten, aber wenig für sich selbst.
Schließlich sammelten Gruppen zahlreiche wünschenswerte Maßnahmen. Diese reichten von allgemeinen Anmerkungen über Zugangswege zu und Erreichbarkeit der Betroffenen zu Forderungen nach Ausbau der Beratungsangebote, nach Fortbildung für Polizei, Ärzt*innen, Pflegekräfte, Ehrenamtliche bis hin zu größeren Maßnahmen wie geeigneter Wohnungspolitik. Auch den Medien komme eine wichtige Rolle zu: Hier heiße es nicht nur, Ältere in der Mediennutzung zu unterstützen, sondern vor allem positive Beispiele von wirksamen Maßnahmen bekannt zu machen.
Die entwickelten Ideen sollen die ZGF und die Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz nun prüfen – möglich, dass Empfehlungen dabei sind, die in der Fortschreibung des Landesaktionsplans zur Umsetzung der Istanbul-Konvention für einen besseren Schutz von Älteren Frauen vor Gewalt sorgen.
Irene Meyer-Herbst
BREMEN SAGT NEIN (c) Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz




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