Triggerwarnung: dieser Text thematisiert Schilderungen von gewalttätigen Handlungen gegen Frauen und Mädchen.

(c) Lisann Prüss
Am 29. September verlieh Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte den 19. Bremer Solidaritätspreis an die äthiopische Frauenrechtlerin, Musikerin und Sozialarbeiterin Meseret Hadush Weldemariam. Die Preisverleihung fand im Bremer Rathaus statt. Das Preisgeld von 10.000 EUR wird Meseret Hadush für die Arbeit ihrer Organisation Hiwyet Charity Association verwenden. Hiwyet bedeutet auf Deutsch „Heilung“ und beschreibt Meseret Hadushs Anliegen: Frauen und Mädchen, die von Kriegsverbrechen in der nord-äthiopischen Region Tigray betroffen sind, darin zu unterstützen, sich von den Folgen und Konsequenzen der an ihnen verübten Gräueltaten und Verbrechen zu erholen und für eine möglichst vollständige Re-Integration in die äthiopische Gesellschaft zu sorgen. Neben dem Preisgeld umfasst die Ehrung durch den Bremer Solidaritätspreis eine Statue des Bremer Künstlers Bernd Altenstein und eine Vernetzungsreise, die die Preisträgerin nach Berlin und Brüssel führt.
Der Bremer Solidaritätspreis wird alle zwei Jahre verliehen und war in diesem Jahr explizit für das Engagement gegen sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen in Konfliktsituationen und kriegerischen Auseinandersetzungen vorgesehen. Damit liegt der Fokus des Preises zum dritten Mal auf Gender-Based-Violence (GBV) und Sexual and Gender-Based Violence in Armed Conflict (SGBV) / Conflict-related Sexual Violence (CRSV) und knüpft damit an die Preisträgerinnen aus 2009, Immaculée Birhaheka (DR Kongo), und 2021, Rukmini Vaderapura Puttaswamy (Indien), an. Meseret Hadush setzt sich in ihrer Arbeit neben Themen rund um die Beendigung von GBV auch für das Empowerment von GBV-Überlebenden, für Gendergerechtigkeit und für den Zugang von Gewaltopfern zum lokalen Justiz-System ein.
Die Preisverleihung

Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte betonte in seiner Einführungsrede, wie verabscheuenswert die Gräueltaten gegen Frauen und Mädchen in Kriegs- und Krisenzeiten sind, sowie dass der psychischen und physischen Wiederaufarbeitung der damit einhergehenden Verletzungen und Traumata eine hohe Bedeutung beigemessen werden muss. Er bezog sich auf den Wert der Solidarität und auf die Schaffung einer ordentlichen und gerechten Welt durch gemeinsames solidarisches Handeln, das durch die Bremer Stadtmusikanten symbolisiert wird und somit charakteristisch für Bremen als Ort der Preisverleihung ist. Monika Hauser, die Vorstandsvorsitzende und Gründerin der Frauenrechtsorganisation medica mondiale e. V. gab Einblick in die Dynamik von Gewaltausbrüchen gegen Frauen und Mädchen in Konflikt- und Krisensituationen. Sie ging darauf ein, dass Gewalt gegen Frauen und Mädchen in Konflikt- und Krisenzeiten systematisch angewendet wird, um „gegnerische“ Gemeinschaften zu schwächen, zu zerstören und zu vernichten. Sie zog eine Parallele zu der bis heute nur ungenügend aufgearbeiteten Gewalt gegen Frauen und Mädchen im Zweiten Weltkrieg in Deutschland, was weitere Gewaltausbrüche in der heutigen Zeit begünstigen kann. Hieran zeigt sich, wie wichtig die Initiative von Meseret Hadush auch für andere Länder, in denen sich kriegs- und konfliktbasierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen ereignet und/oder ereignet hat, ist. Eine weitere Gewaltverstrickung stellt die Stigmatisierung der Opfer dar. Damit wird die Integration in die Gesellschaft nach dem Abklingen der Gewalt zusätzlich erschwert. Es erfolgt eine Täter-Opfer-Umkehr, die die Situation verklärt, juristische Aufarbeitung behindert und die psychische Belastung der Opfer erhöht. Auch wies sie darauf hin, dass die Umsetzung der UN-Resolution 1325 nur ungenügend erfolgt und Frauen weiterhin von Friedensverhandlungen ausgeschlossen werden. Meseret Hadush widmet den Preis den Überlebenden von sexualisierter Gewalt in Tigray, denen sie damit eine Stimme geben will. Sie hilft in ihrer Arbeit gewaltbetroffenen Frauen und Mädchen, möchte aber gleichzeitig durch Vernetzung mit verschiedenen Ethnien und gesellschaftlichen Akteuren in Äthiopien zur nationalen Versöhnung beitragen.
Der Tigray-Konflikt
Der Krieg in Tigray, der im November 2020 begann und durch einen Friedensprozess nach zwei Jahren jetzt als beendet angesehen werden kann, gilt als eine der brutalsten und tödlichsten kriegerischen Auseinandersetzungen weltweit. Dabei ging es um die Vorherrschaft zwischen der Zentralregierung Äthiopiens in Addis Abeba und den Tigray Defense Forces (TPLF) in Tigray, das im Norden des Landes liegt. Über 100.000 Menschen wurden durch die Kriegshandlungen getötet. Zudem löste der Konflikt eine humanitäre Katastrophe aus. Im Austausch mit der Preisträgerin stellte sich heraus, dass die wenigsten hier in Deutschland über diesen Krieg überhaupt informiert gewesen waren und er das Tagesgeschehen hierzulande wenig oder kaum beeinträchtigt hatte. Meseret Hadush kümmert sich mit ihrer Organisation Hiwyet um Opfer sexualisierter Kriegsgewalt in diesem Konflikt. Dies betrifft vorwiegend Frauen und Mädchen und zieht sich durch alle Altersschichten. So kann es sein, dass Frauen und Mädchen Mehrfachvergewaltigungen ausgesetzt worden sind oder Mütter bezeugen mussten, wie ihre Kinder vor ihren Augen misshandelt und/oder getötet wurden. In anderen Fällen wurden Frauen und Mädchen mit Säure überschüttet und danach angezündet. Daraus resultieren gravierende Narben und Verletzungen, von den psychisch-mentalen Schäden ganz zu schweigen.
Wer helfen will und die Arbeit von Meseret Hadush unterstützen möchte, kann dies über „Hiwyet Charity Association“ tun.
Anna Raith



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