Hilflosigkeit, Ungerechtigkeit, Ohnmacht, Betroffenheit, Gewalt. All dies sind Begriffe, die Menschen mit dem Wort „Opfer“ assoziieren. Doch was macht eine Person zu einem Opfer? Hat unsere Gesellschaft ein spezielles Bild von Opfern? Unter welchen Bedingungen wird einem Opfer geglaubt? Was genau definiert ein Opfer überhaupt? Und wer ist im Gegenzug ein „Anti-Opfer“? All diesen und noch vielen weiteren Fragen geht Alice Hasters in ihrem neuen Buch „Anti Opfer: Warum wir Verletzlichkeit verachten“ nach.
Ein kleiner Hinweis vorab: Alice Hasters schreibt die meisten Begriffe, in denen das Wort „Opfer“ vorkommt kursiv. Das versuche ich in meinem Artikel zu übernehmen.
Alice Hasters spricht in ihrem dritten Buch verschiedenste Facetten und Aspekte an, die mit Opfer oder Opfersein zu tun haben. Um euch einen ersten Eindruck zu geben, nehme ich mir hier eine Handvoll Themen vor, die mir besonders in Erinnerung geblieben sind.

Begriffsklärung: Opfer und Anti-Opfer
Bereits zu Beginn greift Alice Hasters die oft von der Gesellschaft getroffene Unterteilung in „wahre“ und „falsche“ Opfer auf. Ersteres ist ein von der Gesellschaft anerkanntes Opfer. „Falsche Opfer“ sind hingegen von der Gesellschaft missachtet und verhasst. Steigen wir also zunächst ein mit der Klärung der am häufigsten genutzten Begriffe.
Opfer/ Viktimismus
Vielen Menschen missfällt der Begriff „Opfer“, sie lehnen ihn als Selbst- oder Fremdbezeichnung ab. In meinem eigenen Sprachgebrauch ist mir bereits aufgefallen, dass das Wort oft umschrieben wird. Man spricht von „Betroffenen“ oder „marginalisierten Gruppen“. Warum ist das Wort „Opfer“ in Ungnade gefallen? Alice Hasters führt verschiedene Gründe dafür an. Opfersein kann eine vermeintliche Schwäche implizieren, es „markiert eine Stelle im Leben, an der sich die eigene Kraft [oder] der eigene Wille nicht durchsetzen konnte“ (Hasters 2026: 47). Distanzieren sich von Gewalt Betroffene vom Opfer, deuten sie an, dass es zwar Opfer gibt, sie aber nicht dazu zählen. Wer hingegen einräumt, Opfer zu sein, gesteht sich die eigene Unterlegenheit gegenüber einer Person oder einer Situation ein. Der Distanzierung zum Opfersein kann daher auch zugrunde liegen, dass der Moment dieser Unterlegenheit passé ist. Alice Hasters stellt sich hierbei die Frage, ob diese Negierung ein Akt von Stärke oder einer der Verdrängung ist. Zudem kann die Identifikation als Opfer den Eindruck erwecken, man ließe die Täter*innen gewinnen. Denn sie waren es, die einer Person das Opfersein zugefügt haben.
Unter Viktimismus fällt zum einen der Prozess, sich selbst zum Opfer zu erklären und zum anderen die Art und Weise, in der Opfer angesehen werden. Beim Versuch, das Wort „Opfer“ zu definieren, ist man schnell beim Gegenpol angelangt: dem Anti-Opfer.
Anti-Opfer
Alice Hasters beschreibt Anti-Opfer als eine Form von Doppelgängern: Sie vereinen Gleichheit und Gegenteil und sind auf beides aus, auf Macht und Mitleid. Sie empfinden aufgrund ihrer privilegierten Situation Benachteiligungen. So bewerten sie ihren Reichtum oder ihre Entscheidungsgewalt nicht nur als Machtposition, sondern auch als Last oder als Angriffsfläche. Anti-Opfer sehen sich als Unterdrückte, die ihre wahre Kraft aus Rücksicht auf andere zurückhalten müssen. Alice Hasters nutzt das Konzept des Anti-Opfers vor allem, um dem Opfer etwas anderes als die Täterperson gegenüberzustellen. Ziel ist die Dezentrierung der Schuldzuweisung und die Fokussierung der ungleichen Machtverhältnisse.
Antiviktimismus
„Opfer eignen sich hervorragend, um mit Härte gegen Opponent*innen vorzugehen. Politische Härte […] wird gern mit Opferschutz gerechtfertigt.“ (Hasters 2026: 51)
Wie sich aus den einzelnen Wortbestandteilen bereits ableiten lässt, sind Anitviktimist*innen Opfern gegenüber skeptisch, teilweise ablehnend eingestellt. Sie haben ein bestimmtes Bild im Kopf, wer ein „würdiges“/ „wahres“ Opfer ist und wer nicht. Damit meinen sie, sich die Hoheit herausnehmen zu können, Menschen die „Opfer-Krone“ zu verleihen, als wäre dies ein ehrbarer, sich zu verdienender Prozess. Antiviktimist*innen zufolge speist sich das Opfersein nicht aus den gemachten Erfahrungen, sondern aus dem daraus resultierenden Verhalten. Antiviktimismus stellt also ein Bild dar, in dem Stärke darin besteht, Gewalt und Ungerechtigkeiten zu ertragen, ohne sich zu beschweren. Respekt bekommen diejenigen, die sich nicht einschüchtern lassen. Die Personen, die laut sind und Veränderungen fordern, sind Antiviktimist*innen ein Dorn im Auge. Sollten sie ein „wahres“ Oper identifiziert haben, setzen sie sich meist für deren Schutz ein. Nur stehen dabei nicht wirklich die Interessen der Betroffenen im Vordergrund, sondern die Möglichkeit zur Politisierung. So werden harte, politische Konsequenzen wie Militarisierung oder Kürzung sozialer Leistungen gern mit dem Schutz von Opfern legitimiert. Ich musste hierbei direkt an Merz‘ „Töchter-Aussage“ denken.
Antiviktimist*innen sind diejenigen, die sich am häufigsten und am lautesten über Opfer auslassen. Das üben sie besonders den Menschen gegenüber aus, die strukturelle Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen äußern. Damit verwischen sie also den eigentlichen Punkt: Benachteiligungen und Ungerechtigkeiten anprangern. In ihrer Rhetorik legen Antiviktimist*innen eine ähnliche Sensibilität an den Tag, die sie bei anderen kritisieren. In Podcasts, Talkshows oder Zeitungsbeiträgen werden Themen wie diskriminierungsfreie Sprache umständlich und detailliert durchexerziert, als hinge die oft von ihnen sehr hochgehaltene Meinungsfreiheit am seidenen Faden. Ergibt sich daraus nicht ein Widerspruch? Ja, das tut es: Wie Alice Hasters feststellt, wirken die meisten Antiviktimist*innen in ihren Äußerungen und Analysen selbst opferhaft. Dieser Rhetorik folgend ist man schnell bei der Frage angelangt: Wird im Antiviktimismus eine Täter-Opfer-Umkehr praktiziert?
Über die Zweckmäßigkeit von Triggerwarnungen
„Alles, was Menschen tun, muss besprechbar sein. Denn nur was besprechbar ist, kann bewältigt werden.“ (Hasters 2026: 87)
Die Idee hinter der Nutzung von Triggerwarnungen liegt darin, Personen auf gewaltvolle Beschreibungen hinzuweisen. Das Lesen oder Hören von gewissen Themen kann Erinnerungen an die eigenen von Gewalt geprägten Erfahrungen wecken und dadurch Körper und Psyche in Stress versetzen. Dennoch wird der Einsatz von Triggerwarnungen kontrovers diskutiert. Befürworter*innen sehen darin eine Schutzfunktion für vulnerable Gruppen und eine Möglichkeit, auf sensible Art und Weise mit diskriminierenden oder gewaltvollen Inhalten umzugehen. Kritiker*innen sehen darin die psychische Resilienz bedroht und tragen die Sorge in sich, eingebürgerte Umgangsformen zu verlieren, à la „früher hatten wir keine Triggerwarnungen und uns hat es auch nicht geschadet“. Alice Hasters betont in der Debatte einen Aspekt, der oft hintenüber fällt: den der Forschung. Mittlerweile ist es üblich, Hilfsangebote anzuführen, wenn in den Medien über Suizide gesprochen wird. Das ist auf Studien zurückzuführen, die gezeigt haben, dass die Anzahl von Suiziden steigt, wenn über diese berichtet wird. Im Allgemeinen gestaltet es sich schwierig, Studien zum Thema Triggerwarnungen durchzuführen, da man den Proband*innen aus ethischen Gründen nicht ohne Vorwarnung gewaltsame Inhalte präsentieren kann.
Der Wissenschaftlerin Victoria Bridgland zufolge können Inhaltswarnungen auch ins Gegenteil umschlagen und sogenanntes Self-Triggering begünstigen, wenn traumatisierte Menschen gezielt Inhalte konsumieren, die ihnen die gemachten Erfahrungen in Erinnerung rufen. Zudem ist nicht jede herausfordernde Thematik ein Trigger und Geräusche oder Gerüche können ebenso re-traumatisieren wie Bilder oder Texte. Der Punkt, der viele Leute an Triggerwarnungen stört, ist der der „Politisierung von Psychologie“ (Hasters 2026: 82). Es besteht ein Unterschied, ob vor diskriminierender Sprache gewarnt wird oder vor Suizid und Mord. Inhaltswarnungen vor Diskriminierungen zu setzen, festigt die Auffassung, dass Ausgrenzung nicht nur Benachteiligung auf materieller Ebene bedeutet, sondern tiefer ansetzen kann. Dass Diskriminierungen psychische Erkrankungen auslösen können, erhält zunehmend Anerkennung. Die Professorin und Public-Health-Forscherin Arline Geronimus hat die sogenannte Weathering-Hypothese aufgestellt. Sie erläutert, wie permanente Diskriminierung unter anderem das Immunsystem schwächt und die Lebenserwartung verringert. Der Grad, ab wann Diskriminierung zum Trauma werden kann, ist also schmal.
Alice Hasters‘ Fazit: Hauptaugenmerkt sollte darauf liegen, dass Sachverhalte diskutierbar bleiben. Denn nur was ausgesprochen werden kann, kann auch bewältigt werden. So zu tun, als wäre das, was Opfer erlebt haben, für alle anderen unzumutbar, ist daher wenig zielführend.
Klare Leseempfehlung!
Zugegeben kam bei mir, als ich von der Thematik des Buches erfahren habe, die Frage auf, wie man damit 280 Seiten füllen kann. Als ich mit dem Lesen anfing, wurde mir sehr schnell klar, wie umfangreich und umfassend die Debatte rund um Opfer und Opfersein ist und zu wie vielen Aspekten Verknüpfungen bestehen. Alice Hasters verdeutlicht die zahlreichen gesellschaftlichen, historischen, politischen und persönlichen Dimensionen, in die das Thema greift und dass jede*r Bezugspunkte und Ansichten dazu hat. Mit Schilderungen ihrer eigenen Erlebnisse und aktuellen Ereignissen untermalt sie ihre, in meinen Augen, sehr treffenden Standpunkte. Daher gibt es von mir eine eindeutige Leseempfehlung. Und die gilt nicht nur für „Anti Opfer“, sondern auch für ihre beiden anderen Bücher „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ und „Identitätskrise“. Egal, ob ihr schon Vorwissen habt oder thematisch ins kalte Wasser springt: Taucht ein und freut euch, Alice Hasters‘ Gedanken folgen zu dürfen.
Jana Keller



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