Sophie Gilberts „Girl vs. Girl“ legt eine Analyse der westlichen Popkultur seit den 1990er-Jahren und ihrer Wirkung auf die Selbstwahrnehmung von Frauen, gesellschaftlichen Erwartungen an Weiblichkeit und die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern dar. Ausgangspunkt des Buches ist die zentrale These, dass Popkultur keineswegs eine harmlose Begleiterscheinung gesellschaftlicher Entwicklungen darstellt, sondern eine „erstaunlich prophetische und transformative Kraft“ besitzt (S. 285):
„Was wir sehen, hören, lesen, anziehen, schreiben und teilen, bestimmt zu einem großen Teil, wie wir unseren Selbstwert verinnerlichen und abbilden“ (ebd.).
Cover-Bild zu „Girl vs. Girl – Wie Popkultur Frauen gegeneinander aufbringt“
Die 90er und der Schein von Girl Power
Zu Beginn zeichnet Gilbert die Musiklandschaft der frühen 1990er-Jahre als Momente kollektiver weiblicher Wut nach. Künstlerinnen reagierten mit ihrer Musik offen auf systemische Ungerechtigkeiten. „Frauen brachten Musik über Abtreibungen, sexuelle sowie häusliche Gewalt auf den Markt“ (S. 39), sie beschrieben ausführlich ihre Herabwürdigung in einer männlich dominierten Kulturindustrie. Die 90er-Jahre waren also geprägt von Widerstand. Umso schärfer fällt Gilberts Analyse des plötzlichen Bruchs in den späten 90ern aus: „Die Frauen in der Musik der 1990er-Jahre waren wütend und grob und aufregend mächtig. Und dann, auf einen Schlag, waren sie weg – ersetzt durch Mädchen“ (S. 22). Mit der Ideologie der sogenannten Girl Power hielt zwar eine Rhetorik der Ermächtigung Einzug in den Mainstream, doch blieb diese politisch leer: „Wenn sich die Bewegung daher so anfühlte, als sei sie voller Möglichkeiten, so war es doch das Gegenteil“ (S. 30).
Freiheit und Pornografie?
In den späten 1990er- und frühen 2000er-Jahren schrieb die Pornografie eine „neue Ästhetik der Enthüllung“ (S. 58), dem Porno Chic, fest. Die Abwendung von den konservativen Enthaltsamkeitseinstellungen, der Moral Majority der 1980er-Jahre, zu der Sex Positivity der späten 90er propagierte eine empowernde Version von Sexualität und damit Freiheit, die in Wirklichkeit vollständig dem männlichen Blick und männlichen Begehren unterworfen war. Die Pornoindustrie sendete eine „widersprüchliche Message an die Frauen und Mädchen aus: dass sie ausgerechnet auf den Knien das höchste Maß an Freiheit erzielen könnten“ (S. 51). Die scheinbare Ermächtigung änderte also nichts an den Machtverhältnissen – im Gegenteil: weibliche Körper wurden zur „ultimativen Handelsware“ (S. 69), Frauen zu austauschbaren Objekten in einer Industrie, die von ihrer Verletzlichkeit profitierte. Dies hielt man sich vor allem dadurch aufrecht, dass man sich „schwächliche, blasse, minderjährige Mädchen, die noch nicht wussten, wie man verhandelte oder seine Macht nutzte oder eigene Grenzen durchsetzte“ (S. 55), suchte; eben Frauen, die unnachgiebig die Forderungen der Industrie erfüllten.
2000er: der männliche Anspruch auf den weiblichen Körper
Das zunehmende Verwischen der Grenzen zwischen Öffentlichen und Privaten ab den späten 90ern verweigerte den Frauen ihr Recht auf ein privates Sexleben. Es kam zu immer mehr Veröffentlichungen von Sex-Tapes und Nacktbildern durch die Ex-Partner, welche die Entblößung ihrer Ex-Partnerinnen damit rechtfertigten, dass diese sich ohnehin schon freizügig in der Öffentlichkeit zeigten.
Diese Dynamiken setzt Gilbert überzeugend in Beziehung zur Filmkultur der Nullerjahre, insbesondere zu Teenager-Sexkomödien wie American Pie. In jenen Filmen, die Gilbert als Beispiele nennt, wird ein männlicher Anspruch auf den weiblichen Körper und Sex vorausgesetzt, wobei die Mädchen als Gatekeeperinnen fungieren, als das Hindernis auf dem Weg hin zur männlichen Selbstverwirklichung. Gilbert beschreibt damit deutlich, wie eine „Kultur der sexuellen Ansprüche“ (S. 77) etabliert wurde, die den Mädchen die Schuld für die Jungfräulichkeit der Jungs gibt.
„Die Filme der Nullerjahre hassten Frauen. Nicht alle und nicht alle gleich schlimm, aber die meisten“ (S. 88).
Der weibliche Körper als Ware
Ein weiterer zentraler Strang des Buches ist Gilberts Kritik am Reality-TV, das in den frühen 2000er-Jahren an Beliebtheit gewann. Gilbert zeigt, wie diese Formate Frauen dazu sozialisierten, sich selbst permanent durch den Male Gaze zu betrachten und zu bewerten. Denn „[d]ie Frauen, die im Reality-TV am berühmtesten wurden, waren jene, die sich auf dessen Standard einließen“ (S. 130f.). Reality-TV fungierte als Schaukasten einer Ideologie radikaler Selbstoptimierung: Die gezeigten Körper, bei denen die Pornografie „den Standard dessen fest[setzte], welche Art weiblichen Körper alle anstreben sollten“ (S. 142), wurden zur Quelle sozialen und ökonomischen Werts und damit zur Ware, zu einer Werbefläche für Produkte, die man anderen Frauen mit dem Versprechen, dass man damit genau wie die Frauen im Fernsehen aussehen könnte, verkaufen wollte:
„Die Körper aller – aller – konnten zu Statussymbolen umgestaltet werden, zu Sinnbildern eines offensichtlichen Kauf-dich-zu-Tode-Konsums“ (S. 137).
Dabei wurde die hergestellte Selbstverachtung, der Scham als Antrieb zur Selbstoptimierung und kapitalistischer Verwertung genutzt.
Von der Objektifizierung zur Entmenschlichung
Zu Beginn der 2000er erblickt Gilbert zudem eine weitere Entwicklung. Mit der Integration der Pornografie in die Massenkultur verlor dieselbe ihr Alleinstellungsmerkmal, wodurch sie sich einem neuen Element – der Gewalt – annahm. Durch die Einführung des Torture Porn wurde eine weitere – sadistische – Entwürdigung der Frauen geschaffen:
„Torture Porn ist keine Pornografie – er wird nicht produziert, um Erregung oder Genuss zu wecken. Er reduziert jedoch, wie so viele der Pornofilme, menschliche Wesen auf fleischliche Teile, die man vor unseren Augen misshandeln, aufspießen und sezieren kann“ (S. 173).
Die gewalttätige, misogyne Behandlung von Frauen beim Sex leitete die zunehmende Entmenschlichung von Frauen ein. „Die logische Weiterführung der Objektifizierung ist die Entmenschlichung“ (S. 221), die Gilbert im Weiteren auch der Paparazzi-Kultur des 21. Jahrhunderts vorwirft. „Prominenz in den Nullerjahren bedeute, dass man sich der Beobachtung preisgab“ (S. 201) und diese Bereitschaft, sich der Demütigung und Erniedrigung auszusetzen, nahmen viele für eine wachsende Bekanntheit in Kauf. Doch die ständigen Beobachtungen hatten eine zumeist destabilisierende Wirkung auf die Promis. „[D]ie unaufhörliche Natur der Berichterstattung über Promis schien einen entmenschlichenden Effekt zu haben“ (S. 217). Man konnte dabei zusehen, wie Promis zusammenbrachen und wurde von der Berichterstattung dazu indoktriniert, doch nur Ekel für diese empfinden zu können.
2010er: Die Vermarktung des Feminismus
Schließlich bespricht Gilbert den Begriff Girlboss und verbindet die Frauen, die mit dieser Bezeichnung assoziiert werden, untrennbar mit dem Aufstieg von Instagram. Die Plattform verwandelte die eigene Identität in ein vermarktbares Konsumobjekt und machte Sichtbarkeit zu einer Form von Arbeit. Gilbert arbeitet heraus, wie feministische Anliegen in diesem Kontext zunehmend auf kapitalistische Zwecke umgelenkt wurden. Influencerinnen stellen eine spezifisch weibliche Form von Macht dar, die sich über Attraktivität, Produktivität und Konsum definierte und hohe Verkaufszahlen durch die Illusion weiblicher Ermächtigung generierte.
Der Begriff Girlboss lässt strukturelle Benachteiligungen individualisiert zurück und macht Frauen für ihr Scheitern selbst verantwortlich, während patriarchale Arbeits- und Machtstrukturen unangetastet bleiben. Gilbert bezeichnet den Begriff daher als „von Natur aus heikel und aufgeladen“ (S. 271), nicht zuletzt wegen seines Beigeschmacks der Täuschung. Hinter dem Schein von Selbstbestimmung und Solidarität wurde deutlich, dass viele Girlbosse nach denselben Logiken agierten wie Männer in Machtpositionen und „kein bisschen am Aufstieg anderer Frauen interessiert“ waren (S. 272). Zugleich blieben Frauen weiterhin mit unüberwindbaren Hürden in der Arbeitswelt konfrontiert. Die Girlboss-Kultur, so Gilbert, habe Frauen darauf konditioniert, sich selbst als unzureichend motiviert oder leistungsfähig wahrzunehmen, selbst dann, wenn sie alle verfügbaren Mittel nutzten, um sich selbst zu Produkten zu machen. Indem sie systemische Widerstände ausblendete, ignorierte diese Ideologie „all die Arten, auf die das System eisern gegen uns ist“ (S. 279).
Den Weg zur Macht neu schreiben
Sophie Gilbert (c) Urszula Soltys
Im abschließenden Teil plädiert Gilbert für eine Neubewertung weiblicher Macht. Der emanzipatorische Fortschritt, so ihre zentrale Erkenntnis, verläuft nicht linear, sondern ist von Rückschritten und Widersprüchen geprägt. Doch gerade das Wissen um vergangene Formen der Herabwürdigung und Unterdrückung von Frauen ermögliche es, gegenwärtige Angriffe zu erkennen und ihnen etwas entgegenzusetzen. Die Kunst birgt für Gilbert dabei das Potenzial, neue Narrative zu schaffen.
„Ich glaube fest daran – und hoffe -, dass die Kunst uns immer wieder eine völlige Neukonfiguration von allem, woran wir jemals geglaubt haben, ermöglicht. In anderen Worten also die Art des Umlernens, mit der die Macht zur Wirklichkeit, die Veränderung zur Notwendigkeit und völlig neue Geschichten zur Möglichkeit werden“ (S. 307).
Fazit
Girl vs. Girl ist ein kluges, schonungsloses und hochaktuelles Buch, das eindrucksvoll zeigt, wie Popkultur Frauen nicht nur repräsentiert, sondern formt und gegen sich selbst ausspielt. Sophie Gilbert gelingt es, einzelne Phänomene – von Musik über Pornografie bis Social Media – zu einem kohärenten Bild kultureller Machtmechanismen zu verbinden. Das Buch ist zugleich Analyse und Warnung, Popkultur nicht zu unterschätzen.
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