Charmehaar oder kann das weg?

Landebahn, Glatze oder doch lieber Mittelscheitel? Die Geschmäcker der Schamgestaltung sind so unterschiedlich wie vielfältig. Fragt man Google nach dem Begriff Schamhaar findet man erstaunlich viele Ratgeber und tatsächlich auch „Frisurentrends“. Die Intimfrisur, eigentlich etwas sehr individuelles und privates, scheint in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt zu sein und beugt sich tatsächlich einem Modediktat. Aber wozu braucht es Schamhaar überhaupt und ist die Aufmerksamkeit auf eine Körperstelle, die sowieso nur ausgewählte Insider begutachten dürfen, viel zu stark?

Wildwuchs oder frisiert?

sechs unterschiedlich gezeichnete Vulven mit individuller Schamhaargestaltung

(c) Carl B.

In den 1990er Jahren wurden nicht nur die Augenbrauen dünner, auch das Schamhaar verschwand. Der bis heute anhaltende Trend zur vaginalen Nacktheit löst damit die Naturverbundenheit der Hippiezeit mit vollen Büschen und ungezügelten Kräusellocken ab. Verbreitet wurde das genitale Schönheitsideal mitunter durch die über das Internet leichter zugängliche Pornographie, aber auch die zunehmende Akzeptanz der öffentlichen und medialen Zurschaustellung bestimmter Körperbereiche von Frauen trug dazu bei. Diese „neue Sichtbarkeit“ weiblicher Geschlechtsteile führt zu neuen Schönheitsnormen und verbindlicher Intimästhetik für breite Bevölkerungsschichten. Die Rasiermittel-Industrie trägt ihren Teil, natürlich ganz uneigennützig, dazu bei.

„Kindermösen“ vs. Naturlocken

Einer Studie zufolge, entfernen sich über 97 Prozent der jungen Frauen, regelmäßig mindestens eine Körperregion. Auffällig war dabei die hohe Anzahl der Frauen, die Intimrasuren durchführen.

Während die Mütter nur den Kopf schütteln über den Rasierwahn ihrer Töchter, ärgern sich die Blankträgerinnen doch eher über Rasierpickel und gereizte Haut. Da ist dann von absichtlicher Verkindlichung die Rede, weil das Schamhaar doch als ein eindeutiges Zeichen den Austritt aus der Kindheit markiert.

„Die entblößenden Kindermösen erwachsener Frauen sind unreflektierte Kopien globalisierter und anatomisierter, enterotisierter und entweiblichter (Waren-)Körperhandlungen.“ Regula Stämpfli in der EMMA.

Verfechterinnen des Kahlschlags bringen wiederrum Aspekte der Hygiene und vor allem der Ästhetik hervor. Natürlich wird auch das Positive an Oralsex in Verbindung mit einem fusselfreien Mund betont. Aber wie bei allen Trends gibt es auch immer eine Gegenbewegung. Tendenzen zurück zu mehr Natürlichkeit und gegen Modediktate und gesellschaftlichen Druck werden sichtbar.

Doch wozu ist die Lockenpracht überhaupt da?

Vulvazeichnug mit grüner Schambehaarung

(c) Carl B.

Hat das Schamhaar noch seine Berechtigung oder können wir ganz ohne schlechtes Gewissen den Rasierer zücken? Definitiv zählt der Wildwuchs zu den sekundären Geschlechtsmerkmalen und zeigt ab der Pubertät indirekt die Zeugungsfähigkeit der Trägerin an. Wahrscheinlich trug das Schamhaar evolutionsbiologisch dazu bei Ausdünstungen von Pheromonen zu verstärken, um somit Paarungsbereitschaft zu signalisieren. Allerdings ist nicht bekannt, ob und inwieweit Schambehaarung heute noch eine besondere Rolle bei der menschlichen Partnerwahl spielt. In begrenztem Umfang soll es auch als Schutz vor Fremdkörpern und Krankheitserregern, übermäßiger Hitze und Kälte fungieren.

Charmehaar oder Glatze – Und was trägst du so untenrum?

Wie Frau es untenrum nun gerne hätte, bleibt doch bitte ihr selbst überlassen. Ob es nun sinnvoll ist, die Genitalien einem Modetrend zu unterziehen, bleibt dahingestellt. Über Geschmack lässt sich nun mal schwer streiten. Allerdings hat niemand das Recht sich über deine glattrasierten Genitalien, den gefärbten Pfeil oder die gestutzte Lockenpracht zu beschweren. Genauso ist Schamhaar sich des Schämens nicht wert, es ist nicht ekelig, sondern natürlich und für viele charmant – Charmehaar eben.

Katja Kowalzik

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