Früher war alles besser?!

Heutige Lebensmodelle aus der Sicht einer anderen Generation. Eine persönliche Streitschrift von Rose Urban.

Playmobilfigur: Mutter mit Kindern

(c) frauenseiten; Amélie Schlachter

Ich darf nicht sagen: „Bei uns gab es das nicht!“ – Enkel und Nichten schreien dann nämlich laut auf. Die Möglichkeiten einer sorglosen Kindheit und Jugend bei umfassender Bildung nach ihren Wünschen und Ansprüchen sind heute besser zu erfüllen denn je. In meiner Umgebung sind Kinder immer der Mittelpunkt. Es wird alles möglich gemacht, um auf sie und ihre Art einzugehen. Daraus ergibt sich leider meiner Meinung nach, dass ihnen keine Wertschätzung anerzogen wird. Sie entwickeln ein anderes Gefühl für Werte.

Wir haben uns Fahrräder, Rollschuhe und Schlitten unter den Geschwistern teilen müssen. Fünf Euro Taschengeld – daran war im Traum nicht dran zu denken.

Für Mädels gab es in der Schulbildung höchstens mittlere Reife. „Abitur brauchst du nicht, studieren brauchst du nicht, heiraten sollst du.“  Einen Freund zu haben: unmöglich. Und um 22 Uhr hatte man zu Hause zu sein. Mein Vater wartete im Dunkeln und fragte stets: „Wo warst du?“ Also log ich und ging heimlich durch die Hintertür.

Ausbildung fertig, immer mit dem Gedanken, dem Vater ja nicht auf der Tasche zu liegen.

Heute gibt es für fast jede*n, der/die will und kann, Abitur und Studium. Es gibt verschiedene Arten von Stipendien und BAföG. Die Studierenden konnten zu meiner Zeit in den Ferien arbeiten. Es gab Studentenjobs in Fabriken und Krankenhäusern. Sie wurden gern genommen und man verdiente gut. Das Gewissen war erleichtert. Heute müssen die Studierenden über ihren Lohn Steuern zahlen, es lohnt sich kaum, lieber arbeitet man schwarz.

Ich neide der heutigen Jugend nichts. Sie sind für mich aber ohne Empathie. Alles ist selbstverständlich, über Einschnitte wird gemeckert. Sie haben eine absolute Freiheit für alles oder sie nehmen sie sich. Wir hatten damals immer im Ohr: „Das tut man nicht!. Somit wurden Moral und Anstand groß geschrieben.

Die Sexualität wurde heimlich außerhalb des Elternhauses ausprobiert und dann erst mit 18 oder 20 Jahren. Erzählt wurde nichts, es könnte Strafe geben. Die Ohrfeige mit 19 saß fest. Heute geht die Mutter mit der 14jährigen Tochter zur Frauenärztin zum Vorbeugen. Der Freund kommt und schläft im Elternhaus der Freundin, es ist alles „ganz normal“.

zwei senioren hand in hand

(c)frauenseiten ; Robers

Was haben wir gestritten und gekämpft, politisch diskutiert und demonstriert, um in Freiheit und ohne Moral leben zu können. Es hat gedauert, war aber erfolgreich. Die Jugend will individuell sein und dennoch dazu gehören. Es ist gut so.

Trotzdem wünsche ich mir für die älteren Jahrgänge, sprich Rentner*innen und Eltern, mehr Empfindungen und Respekt. Manche Rentner*innen fühlen sich noch so fit, dass sie nebenbei arbeiten möchten. Sie werden diskriminiert, weil sie jüngeren Anwärter*innen angeblich den Platz wegnehmen. Ihre Erfahrungen sind vielerorts nicht gefragt.

Wenn Oma was erzählt, ist es lustig, mehr auch nicht. Ich will nicht, dass die Jugend dankbar sein muss oder sollte – aber zuhören wäre gut. Die Jugend möchte bitte akzeptieren, dass sie nicht so leben könnte, wenn nicht Vorreiter da gewesen wären, hart gearbeitet und aufgebaut hätten.

Rose Urban

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