Das #Persönliche ist wieder #politisch

#Aufschrei, #MeToo, #blacklivesmatter, #JeSuisCharlie und #EheFürAlle – Menschen nutzen Hashtags für (gesellschafts-)politische Statements, Solidaritätsbekundungen oder im Rahmen NGO-getriebener Gesetzgebungs-Kampagnen. Häufig tun sie das indirekt aufgefordert durch die Vorbilder in ihren Timelines. Ein neugieriger Klick auf einen Hashtag, es öffnet sich die Liste weiterer Beiträge dazu – und schon fällt die Entscheidung zur eigenen Beteiligung. Ähnlich war es auch bei #MeToo.

2013 waren Hashtags eher etwas für Nerds, dann kam der #Aufschrei

2013 wurde mit #Aufschrei erstmals ein Hashtag für den Grimme-Online-Award nominiert. Die Grimme-Online-Award-Kommission begründete ihre Entscheidung wie folgt: „Zum ersten Mal nominieren wir (…) einen Hashtag, weil sich eine Bürgerbewegung dieses bereits etablierte Werkzeug und den Kanal Twitter zu eigen gemacht hat. Wir erlebten dadurch eine wirkungsvolle Demonstration im digitalen Raum, die es schaffte, einen enormen medienübergreifenden, immer noch andauernden Widerhall zu erzeugen.“

vier Frauen auf einer Bühne

(c) Friederike Wenner

Zehntausende Frauen hatten aus ihrem Leben berichtet und das ganze Land diskutierte plötzlich wieder über Sexismus. „Aufschrei!“ ist ein Synonym in der gesprochenen Alltagssprache geworden, um auf Unangemessenes oder platt Sexistisches zu reagieren.

Übertreibungsbehauptungen und auch andere Anschuldigungen von Dünnhäutigkeit bis Hysterie sind keine neuartigen Reaktionen auf Beiträge zu  Geschlechterungerechtigkeiten und -konflikten. Viele Gegenreden wirken wie nahezu reflexartige Versuche, Frauen oder Feminist*innen als Diskussionsteilnehmer*innen zu disqualifizieren.

Die #Technik wird zum #OrtVonEmotionen

Ob digital oder analog: wir Menschen reagieren stets ganz real emotional und körperlich auf empfangene Inhalte und ihre Absender*innen. Wir fühlen uns mit Anderen verbunden, wenn wir ihnen auf Plattformen folgen – auch wenn wir sie noch nie gesehen oder ein gesprochenes Wort mit ihnen gewechselt haben. Wir fühlen uns gehört und wahrgenommen wenn unsere Posts geliket werden. Und auch wir liken – manchmal vielleicht nur, damit ein anderer Mensch mitbekommt, dass wir den Beitrag gelesen haben. Das erklärt die Sogwirkung mancher Hashtags.

Taste einer Computertastatur, Hashtag

(c) Alina Zimmermann

Während #Aufschrei, #BeHindernisse oder #MeToo üblicherweise ausgeblendete Alltagserfahrungen zusammentragen, stehen beispielsweise #EheFürAlle, #BlackLivesMatter oder #NichtMeinGesetz für politische Statements von NGOs und Bürger*innen. Viele Hashtag-Bewegungen wollen eher gesellschaftliche Umdenkungsprozesse erreichen oder erstmals auf ein bestimmtes Thema aufmerksam machen. Die Hashtag-Bewegungen gelten als besonders erfolgreich, wenn traditionelle Medien sie erwähnen und Promis oder Politiker*innen sie verwenden. Hashtags bestimmen mittlerweile Nachrichten und Themenschwerpunkte in Redaktionen.

#Relevanz führt zu (nicht nur) politischen #Konsequenzen

So war es bei #TwitternWieRueddel. Ein CSU-Politiker hat – als Antwort auf eine an ihn gerichtete Kritik am hiesigen Pflegesystem – vorgeschlagen: „#Deal: Politik handelt konsequent und Pflegende fangen an, gut über die Pflege zu reden. Dann kommen viele wieder in die Pflege zurück und es beginnen #gutezeitenfürgutepflege.“

Statt den am Ende angebotenen Hashtag zu nutzen, reagierte die Netzgemeinde ungehalten und gab jede Menge erschütternder Einblicke in den bundesdeutschen Pflege-Alltag. Auch andere Politikverantwortliche meldeten sich dabei zu Wort und bezogen Position. Das Instrumentalisieren durch Mandatsträger*innen und aus Medien- oder Parteiredaktionen heraus funktionierte bislang also eher nicht. #gutso!

Friederike

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