„Das weibliche Kapital“: Eine Buchbesprechung

Es ist eine bittere Wahrheit: Männer und Frauen sind nicht gleich im Angesicht der Wirtschaft. Die Geschlechterdiskriminierung ist präsent und weitreichend. Je nach Region kann diese Diskriminierung vom Gender Pay Gap und der finanziellen Bestrafung von Mutterschaft bis hin zur Enteignung von Gütern, Kindern und dem eigenen Körper reichen. Wie weitreichend ist diese Diskriminierung? Woher kommt sie? Und was können wir konkret dagegen tun? Das erzählt Linda Scott in ihrem Lebenswerk „Das weibliche Kapital“.

Das Buch "Das weibliche Kapital" wird hochgehalten. Im Hintergrund ist der Bremer Marktplatz. Eine Frau geht von der Kamera weg, weitere Menschen sind im Hintergrund zu erkennen

© Sarah Hamer

Scotts Buch ist ein Muss für jede*n Betriebs- oder Wirtschaftswissenschaftler*in. Ich würde sogar so weit gehen und es zu den Überlebensbüchern zählen, die jede*r Feminist*in im Regal stehen haben sollte. Es ist wie ein Lexikon der weiblichen Wirtschaftsgeschichte, das Schattenseiten und Hoffnungen hervorhebt.

Kurzgesagt beschäftigt sich das Buch mit Frauen in der Wirtschaft, auch XX-Ökonomie von der Autorin genannt. Dabei zählt zu Wirtschaft jede Form von Arbeit, auch unbezahlte, sowie ebenfalls das Konsumverhalten von Frauen. Frauen werden betrachtet als Konsumentinnen, Arbeiterinnen und Arbeitgeberinnen in einer weltweiten Perspektive. Ob nun die Finanzwirtschaftsstudentin in den USA oder die junge Mutter in Ghana mit ihrem Garten, eine weite Spanne an Frauen und Lebensweisen wird vorgestellt.

Das Ziel des Buches ist klar: Die globale, wirtschaftliche Ermächtigung der Frauen. Nur wie ist das zu erreichen? Und wie ist die wirtschaftliche Position der Frauen momentan überhaupt, nach Jahrtausenden der Unterdrückung?

Linda Scott und ihr Lebenswerk

Linda Scott ist im Passbildformat zu sehen. Sie hat schulterlange, braune Haare mit grauen Strähnen, trägt eine runde Brille und lächelt kritisch in die Kamera

(c) Rick Bern

Linda Scott ist eine amerikanische Professorin für Entrepreneuership and Innovation. Aktuell unterrichtet sie an der Universität Oxford. Den Großteil ihrer Karriere verbrachte sie mit der Erforschung der Rolle der Frau innerhalb der Wirtschaft. Dies tat sie auch oft in der Feldforschung, indem sie beispielsweise Frauen in afrikanischen Ländern befragte und dort an Entwicklungsprojekten arbeitete. „Das weibliche Kapital“ fasst das Wissen und die Erkenntnisse zusammen, die Scott über die Jahre gesammelt hat. Übersetzt ins Deutsche wurde das Buch von Stephanie Singh. Im Original wird Scotts Werk „The Double X Economy“ genannt, passend zu ihrer Bezeichnung der XX-Ökonomie.

Wie ist es aufgebaut?

„Das weibliche Kapital“ wurde vom Carl Hanser Verlag veröffentlicht. Es ist vor allem ein Buch, das aus Fakten besteht. Kaum eine Aussage in Scotts Buch existiert dort ohne Begründung. Wer skeptisch ist oder gerne konkrete Daten zu feministischen Themen hat, ist hier genau richtig. Diagramme, Tabellen und Statistiken jeder Art finden sich verstreut in Scotts Werk. Und zwischen den Daten verbergen sich Anekdoten und Beispiele aus vielen Jahren an Forschung.

Die bedrohte Hausfrau, Frauen als Freiwild und zu viele Babys

Jedes Beispiel und jede Geschichte in Scotts Werk spricht einen anderen Aspekt, ein anderes Problem, von Frauen in der Wirtschaft an. Unter den Beispielen sind Frauen als Arbeitnehmerinnen in westlichen Ländern, deren Ausbildungschancen an amerikanischen Universitäten erschwert werden. Es geht um Hausfrauen während der zweiten Frauenbewegung und den heiklen Tausch von Sicherheit gegen Emanzipation.

„Allzu häufig werden sie [Frauen] zum Sex mit Männern gezwungen, die sich weder über Kinder noch Krankheiten Gedanken machen und lieber Spaß haben wollen, statt Kondome zu benutzen. Von Frauen zu erwarten, sich unter diesen Bedingungen für „ein Kind weniger“ zu entscheiden, ist sowohl unrealistisch als auch grausam“ (S. 191) schreibt Scott zu Mutterschaft in Südafrika.

Veschiedene Unterhosen

(c) mara

Vor allem behandelt das Buch den geschlechterspezifischen Zugang zu Ressourcen wie Bildung, Nahrung und den generellen Besitz von Objekten. Scott erzählt nah und konkret von der Realität, die sie während ihrer Forschung erlebt hat. Sie erzählt von Frauen als Konsumobjekten und Ressourcen, mit welchen gehandelt werden kann, und von Frauen als Statusobjekten. Hierbei gibt sie intensive Einblicke in ihre Forschung, wie beispielsweise bei dem Thema der Verfolgung und Diskriminierung von Mädchen aufgrund ihrer eingetretenen Menstruation. Wir berichteten ebenfalls bereits darüber.

„All dies geschieht, weil Frauen keine Freiheiten haben und Männer nicht die Hosen oben lassen können.“ (S. 190) meint Scott zum Thema Konflikte wegen Überbevölkerung im globalen Süden.

Auch das Thema der Mutterschaft und die Überbevölkerung werden intensiv behandelt, sowohl im westlichen, als auch globalen Kontext. Von der Schwierigkeit, Arbeit und Mutterschaft zu vereinen, bis hin zum Schulabbruch und der Vergewaltigungskultur, die noch immer in einigen Regionen Teil des Alltags ist.

Lösungen, konkret und übersichtlich präsentiert

„Die wirtschaftliche Stärkung von Frauen kann diese komplexe Problemlage nicht lösen, aber sie kann zur Lösung beitragen“ (S. 191)

Der größte Schatz des Buches ist womöglich das letzte Kapitel, welches die vorgestellten Probleme zusammenfasst und Lösungsvorschläge liefert. Nicht nur sind die Vorschläge realistisch, sondern auch detailliert und für die normale Person umsetzbar.

gedeckter Weihnachtstisch mit Dekoration

© Viktor Hanacek

Einen Vorgeschmack gibt beispielsweise das 80-Prozent-Weihnachten. Ein ehrgeiziger Plan, um das Problem des Gender Pay Gap zu lösen. Die gesamte Gruppe der Frauen wird hierbei aufgefordert, zu jedem Weihnachtsfest 80 Prozent weniger für die Weihnachtseinkäufe auszugeben, bis der Gender Pay Gap von Arbeitgeber*innen bereinigt wird. Dadurch wird der Konsum von Frauen zur Waffe gemacht.

„Eine weitere wichtige Lektion des zurückliegenden Jahrzehnts ist, dass die wirtschaftliche Stärkung von Frauen nicht damit endet, ihnen beim Geldverdienen zu helfen. Sie müssen auch in die Lage versetzt werden, das Geld sicher und ohne Wissen anderer aufzubewahren, damit sie über dessen Verwendung entscheiden können“ (S. 271)

Ein weiterer Teil des Buches schlägt beispielsweise Projektideen vor, wie Mikrokredite effektiv zur Hilfe von Frauen in ärmeren Ländern genutzt werden können. Ein anderer spricht die Gründung als Möglichkeit zur finanziellen Gleichstellung an, am Beispiel von Stephanie Shirley und eines Firmenmodells für selbstständige Vertriebsarbeit in Südafrika. Die Vorschläge sind auf der Basis von Wissen aus vielen Jahren entstanden, von einer Frau die sich intensiv mit dem Thema beschäftigt hat. Und das merkt man dem Buch an.

Sollte man es kaufen?

Ja. Das ist die kurze Antwort. Trotzdem trifft „Das weibliche Kapital“ nicht jeden Geschmack. Schließlich besitzt auch dieses Buch Schwächen.

Die Schwächen

„Das weibliche Kapital“ besitzt auch einige Besonderheiten, die für manche*n ein Nachteil sind. Erstens ist es, vor allem am Anfang, sehr statistiklastig. Dies ist nicht unbedingt etwas Schlechtes, jedoch kann es die ersten Seiten sehr trocken erscheinen lassen. Ich appelliere hier, einfach weiter zu blättern, falls eine*n am Anfang der Statistikberg erschlägt. Die Passagen können immer noch nachgelesen werden und es ist definitiv die Mühe wert, denn ab spätestens der Hälfte des Buches nehmen die Beispiele und Anekdoten Überhand.

Zweitens ist es von einer Amerikanerin geschrieben. Aus diesem Grund wird vor allem auf die rechtlichen und historischen Aspekte der USA eingegangen. Deutschland hat einen strahlenden Moment der Aufmerksamkeit bezüglich der alternden Bevölkerung und späten Reaktion der Politik. Ansonsten wird auf Europa kaum eingegangen, wobei jedoch die Kultur aller westlichen Länder ähnlich ist, auch was die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern betrifft.

Das Buch "Das weibliche Kapital" liegt aufgeschlagen auf einem Tisch. Eine Grafik und Textpassagen sind zu erkennen. Daneben stehen eine Tasse mit Tee, ein angebissener Schokonikolaus und eine Zimmerpflanze.

(c) Sarah Hamer

Dies führt auch schon zum dritten Kritikpunkt: Der binären Darstellung von Geschlechtern. Es wird von Männern und Frauen gesprochen. Fertig. Damit reiht sich „Das weibliche Kapital“ in eine lange Liste der Literatur ein, die Geschlecht trotz anderer, progressiver Ansichten in zwei Kategorien unterteilen.

Als vierter Punkt ist zu erwähnen, dass die Autorin eine länderzentrierte Ansicht besitzt, die vor allem bei dem Thema der Überbevölkerung deutlich wird. Dabei fällt besonders eine Passage auf Seite 184 auf, die eine hohe Geburtenrate im globalen Süden, also beispielsweise Afrika und Südamerika, als Bedrohung darstellt. Zu dieser Schlussfolgerung kommt Scott, da die Nationen in diesen Ländern meist politisch instabil sind und sie bei einer großen Bevölkerung aus diesen Ländern Kriege befürchtet. Es ist fragwürdig, ob eine nationale statt globale Weltanschauung à la wir und die angebracht ist. Doch das ist Ansichtssache.

Die Stärken

Für einen westlichen, jungen Menschen wie mich, die das Privileg hat, von den vielen Mühen vorheriger Generationen an Feminist*innen zu profitieren, lesen sich manche Passagen wie eine Dystopie, ein Albtraum, der nicht existieren darf. Und doch tut er das, für viele Mädchen und Frauen dieser Welt und auch Gesellschaften mit einer lebendigen, feministischen Geschichte spüren die Unterschiede noch heute. Man sieht es auf Gehaltszetteln, an den sexistischen Witzen und Bemerkungen, die „nur Spaß“ sind. Man sieht es an Schulen und Universitäten, in Betrieben und an den Rollenklischees. Deshalb ist „Das weibliche Kapital“ so wichtig. Es ist ein gesammeltes Memento an Ungleichheit gegenüber Frauen in der Welt. Und es beinhaltet Lösungswege, die aufzeigen, wie wir, Stück für Stück, eine freiere Welt für Frauen schaffen können. Und unsere Wirtschaft kann von einer weiblichen Perspektive und ein paar klugen Köpfen mehr nur profitieren.

Sarah Hamer

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