Die Klimakrise hat ein Geschlecht

Keine Geschlechtergerechtigkeit ohne Klimagerechtigkeit! Wie das Wissen über die ist der Zusammenhang zwischen Umweltproblemen und Geschlechterungerechtigkeit schon ungefähr 50 Jahre alt und hat sich derweil keiner allzu großen Beachtung gefreut.

Das ist aufgrund des kapitalistischen Wirtschaftssystems auch kein Wunder: Natürliche Ressourcen und die Arbeitskraft von Frauen* gelten im Kapitalismus als all-you-can-eat-Buffet, an dem sich bedient werden kann. Diese Steigerungs- und Ausbeutungslogik ist eng mit hegemonialer Männlichkeit – also der Dominanz von Männern über andere (nicht männliche) Menschen – verwoben. Sie geht nicht nur mit dem Streben nach der Beherrschung anderer Menschen einher, sondern lässt ebenso die Natur als etwas erscheinen, was es zu dominieren gilt.

Es ist also kein Zufall, was die Studie der Weltnaturschutzunion IUCN (International Union for Conservation of Nature and Natural Resources) zur „Geschlechtsspezifischen Gewalt- und Umweltzusammenhängen“ herausgestellt hat. Die fortwährende Zerstörung unserer Lebensgrundlagen hat weltweit vermehrte Gewalt gegen Frauen* und Mädchen* zur Folge. In welcher Form und auf welcher Grundlage sie die Gewalt trifft ist abhängig von der jeweiligen Region. Klar ist aber, dass die Gewalt immer im Rahmen von patriarchalen Gesellschaftsstrukturen stattfindet und die sich verschärfende Auswirkungen der Klimakrise den Druck auf Frauen* weltweit erhöhen.

Straße in der Wüste

(c) barckhausen

Die Folgen der Klimakrise und patriarchale Strukturen ergeben eine toxische Kombination. Die Studie der IUCN zeigt auf, dass unter anderem in Malawi, Äthiopien und im Südsudan viele Familien in Zeiten von extremen Wetterlagen, wie Dürre oder Überschwemmungen, aus finanzieller Not heraus ihre Töchter minderjährig in die Ehe verkaufen. Grundlage dafür sind diskriminierende Geschlechternormen, die Mädchen* als finanzielle Bürde für die Familie etikettieren, der es sich in finanzieller Not zu entledigen gilt. Die frühe Ehe bedeutet für die Mädchen* nicht nur eine Verletzung ihrer Rechte, sondern lässt sie auch im isolierten privaten Raum verschwinden. Sie haben dann oftmals nicht mehr die Möglichkeit, die Schule zu besuchen und sind mit höherer Wahrscheinlichkeit von sexualisierter sowie häuslicher Gewalt betroffen.

Längere Wege zum Wasser bedeuten eine große Gefahr

Ebenso in der Studie zu lesen ist, dass vor allem Frauen* und Mädchen* im Globalen Süden für die Wasserversorgung zuständig sind. Im Zusammenhang mit der Klimakrise ergeben sich daraus mehrere Probleme: Durch zunehmende Dürre oder verschmutzte Quellen, müssen die Frauen* und Mädchen* längere Strecken bis zur nächsten Wasserquelle laufen. Dieser Mehraufwand bedeutet für die Frauen* und Mädchen*, dass ihnen wertvolle Zeit verloren geht. Je mehr Zeit sie mit Haus- und Reproduktionsarbeit beschäftigt sind, desto weniger bleibt ihnen, um die Schule zu besuchen oder andere Bildungsangebote wahrzunehmen. Darüber hinaus gehen die längeren Wege mit einer erhöhten Gefahr einher, Opfer von sexualisierter Gewalt zu werden. In der genannten Studie schildert ein 18-jähriges Mädchen von den Solomon Inseln, wie sie eines Tages auf dem Rückweg vom Wasserholen von einer Gruppe junger Männer vergewaltigt wird. Diese schreckliche Erfahrung behält sie aus Scham für sich, die Täter bleiben unbestraft.

Wasserhahn

(c)frauenseiten ; Richter

In dem Bericht der IUCN wird außerdem aufgezeigt, wie Gewalt gegen Umweltaktivist*innen als Mittel der Unterdrückung und Einschüchterung genutzt wird – Tendenz steigend. Während es vor allem männliche Umweltaktivisten sind, die von ihren Gegnern ermordet werden, sind weibliche Umweltaktivistinnen vermehrt von geschlechtsbezogener Gewalt betroffen. So wird versucht, sie unter „Kontrolle“ oder zum Schweigen zu bringen. Außerdem ist diese Form der Gewalt ein mögliches Mittel, um Umweltaktivistinnen in ihrer Glaubwürdigkeit zu mindern oder aber auch ihren Status innerhalb von Gemeinschaften zu „beschmutzen“. Allein in Mexico und Zentralamerika sind zwischen 2015 und 2016 insgesamt 609 Fälle von Gewalt gegen Umweltaktivistinnen dokumentiert worden.

Bewegungsunfähigkeit, nicht nur im Katastrophenfall

Über die in der Studie genannten Beispiele hinaus, gibt es etwaige Gründe, warum vor allem Frauen* in Ländern des Globalen Südens ungleich von den Auswirkungen der Klimakrise betroffen sind. Im Falle einer Naturkatastrophe können genderspezifische Zuschreibungen zur Lebensgefahr werden. Kleidung, die keine weiträumigen Bewegungen erlaubt, oder Verbote für Frauen*, schwimmen zu lernen, behindern eine schnelle Flucht und führen bei Überschwemmungen zum Ertrinken. Ebenso bringt die den Frauen* zugeschriebene Verantwortlichkeit für Care-Arbeit erhebliche Probleme im Krisenfall mit sich. Sie sind in Notsituationen häufig zu Hause, werden spät oder gar nicht gewarnt und haben bei einer Flucht Hilfsbedürftige im Schlepptau. Darüber hinaus werden Frauen* oftmals nicht in die Prozesse lokaler Katastrophenschutzpläne einbezogen. All dies kann in Gefahrensituationen, wie beispielsweise einer Naturkatastrophe, für Frauen* über Leben oder Tod entscheiden und führt dazu, dass sie häufiger bei Naturkatastrophen sterben.

Doch die Diskussion um den Zusammenhang zwischen Geschlechtergerechtigkeit und der Klimakrise darf nicht auf die Länder des Globalen Südens beschränkt werden. Denn auch in Ländern des Globalen Nordens sind Frauen* vermehrt in unbezahlten Sozialdienstleistungen und Reproduktionsarbeit tätig und somit von den Folgen ökologischer Katastrophen, beispielsweise durch nachsorgende Tätigkeiten, besonders betroffen. Und auch hier sind Frauen* nicht gleichberechtigt in Entscheidungsprozesse eingebunden. Neben dem Geschlecht, sind ebenso die Ethnizität und die soziale Herkunft einer Person Grundlage dafür, wie viel Mitbestimmungsrecht sie hat. Eine (geschlechter-)gerechte Entscheidungs- und Handlungsebene ist weder im Globalen Norden noch im Globalen Süden gegeben.

Zeichnung Herz im Mittelpunkt, Fabrik, Bürostuhl, Baum, Wolke und Computer um das Herz herum

Klimafaktoren Frauen (c) Renate Strümpel

Ein langer zivilgesellschaftlicher Kampf

Schon vor ungefähr 30 Jahren haben 1.500 feministische Aktivistinnen, Nichtregierungsorganisationen, Initiativen und Frauendelegationen von indigenen Völkern, Wissenschaftlerinnen und UN-Politikerinnen die Women’s Agenda 21, die einen Konsens zur globalen Umwelt, Entwicklung und Nachhaltigkeit repräsentierte, verabschiedet. Diese Agenda hat auf der Klimakonferenz der Vereinten Nationen in Rio de Janeiro 1992 allerdings nur zum Teil Eingang in die Abschluss-Deklaration gefunden. Immerhin 20 Jahre später, steht das Thema „Klima und Gender“ fest auf dem Plan der UN-Klimakonferenzen. In den 17 Sustainable Development Goals wird ebenso auf Geschlechtergerechtigkeit als ein Ziel verwiesen. Langsam geschieht also etwas. Mit Blick auf die Vergangenheit wird aber deutlich: Es wurde in Bezug auf die Klimakrise, ebenso wie auf Geschlechtergerechtigkeit eine Menge Zeit verschlafen, sodass die Lage heutzutage verschärft ist und immer komplexer werdende Lösungsansätze fordert.

Was wir endlich daraus lernen sollten

Eine weitere Lektion aus der Vergangenheit sollte sein: Im Diskurs um Nachhaltigkeit können rein technologische Lösungen keine Antwort auf die genannten Herausforderungen darstellen. Denn diese vergessen die Frage nach globaler sozialer Gerechtigkeit zu stellen. Die Kritik an Herrschafts- und Machtverhältnissen wird in Diskussionen um eine grüne technologische Lösung innerhalb des Kapitalismus im Keim erstickt. In der Frage, wie wir der Klimakrise begegnen können, muss es dem Kapitalismus und seinen asozialen Auswüchsen an die Substanz gehen, denn ungleiche Herrschafts- und Machtverhältnisse stehen einer nachhaltigen Entwicklung im Wege. Und so lautet eine der Parolen zum internationalen Frauen*streik-Tag: „Keine Geschlechtergerechtigkeit ohne Klimagerechtigkeit! System Change, not climate change!“

Isabel Reda

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