Die kriechende Armee des Schreckens

Eine Schencke auf einer Waldstraße

Foto: Alexandra

Eine K(r)ampfabsage. Witzig. Wir Menschen können kriechen, krabbeln, laufen, rennen, fahren und sogar fliegen. Trotzdem schaffen es ausgerechnet Nacktschnecken, uns mit tierischer Gelassenheit den letzten Nerv zu rauben.

Ich bin heute gelaufen, und zwar in unseren Gemeinschaftsgarten, eine kleine Parzelle in einer Kleingartenanlage. Ich als Großstadtbewohnerin komme in diesen Garten, weil ich Erholung suche, Natur spüren, in der Erde buddeln will, statt über Asphalt zu hetzen, und ich will wieder einen Bezug zu meinem Futter bekommen. Begreifen, was es bedeutet, etwas Köstliches einzupflanzen, zu pflegen, aufwachsen zu sehen und zu ernten.

Nur ist das mit der Ernte so eine Sache.

Denn ich bin nicht die Einzige, die sich über Petersilie, Rauke und Kopfsalat freut. Es ist der Schreck jedes Gärtners, gehasst wegen ihrer unglaublichen Gier! Die auf den Pachtvertrag pfeift und der das Hausrecht schnuppe ist, sich einfach wie zu Hause fühlt und sich selber bedient, wenn es ihr gerade passt. Und es bleibt nicht bei einer, es wimmelt von ihnen!

Diese extrem wendigen Schleimscheißer erdreisten sich, meine mühevolle Handaufzucht in atemberaubender Geschwindigkeit von 0,0035 km/h wie die Mähdrescher ratzekahl wegzufressen!

„Das bedeutet Krieg, die wollen es nicht anders!“, hatte ich gedacht.

Blöd nur, dass die Nacktschnecke nicht schneller, sondern cleverer sind als ich und Krieg niemals erholsam, geschweige denn idyllisch ist.

„Es ist genug für alle da, für alle ist immer reichlich gedeckt“, steht auf einer Tafel am Bielefelder Tisch, einer Einrichtung, die überschüssige Lebensmittel an Bedürftige weitergibt. Eine von tausenden in Deutschland, und trotzdem landen Lebensmittel tonnenweise im Müll. Rein physisch muss ich nicht hungern.

Also, was steckt wirklich hinter meinem Hass auf diese kleinen Biester?

Gemüsebeet

© Seniorenlotse ; Elfie Siegel

Ich bin darauf getrimmt, defizitär zu denken. Ich habe permanent das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Und das stimmt, aber es ist nicht das Smartphone oder die neueste Mode, die ich mir finanziell nicht leisten kann. Sondern Frieden, Freude, und Glück. Ich suche die Natur auf, will quasi „back to nature“ super, pflanze etwas, klasse, aber das ist MEINS!

Mutter Natur, wegen der ich überhaupt existieren kann, sagt danke. Danke, dass ich mich auch um andere Existenzen kümmere, etwas zurückgebe. Seien sie mir als urbaner Kleideraffe auch noch so fremd: auch Nacktschnecken sind Lebewesen, ebenso Geschöpfe der Natur wie ich. Und damit meine Schwestern.

Als Neue im Garten und mir wurde gesagt, dieser Tiere kann man nur Herr werden, wenn man sie zerschneidet, zerquetscht oder mit Chemiekeule qualvoll austrocknen lässt. Weil Chemiekeulen in unserem Garten zum Glück verpönt sind, habe ich letzte Woche meine Schwestern zertreten. Und es tut mir leid!

Nacktschnecken gibt es schon verdammt lange, und wir ärgern uns und bekämpfen sie seit Jahren! Haben wir sie ausrotten können? Waren es Frust, Stress, Wut, Mord und Kapital wert?

Ich komme in den Garten, um mich zu erholen, nicht um in die Schlacht zu ziehen!

Krieg bedeutet einen enormen Energieaufwand, und, wenn es eh nichts bringt, wie wäre es dann mit einem Friedensangebot: von 10 Salatköpfen würde ich gerne 7 selber essen. 3 sind für die Nacktschnecken. Kooperation statt Kampf, wahre Liebe zur Natur. Im Internet gibt es viele Informationen und Erfolgsstorys.
Für mich wird gesorgt, ich brauche mir um mein Futter keine Sorgen zu machen. Nur um meinen Seelenfrieden. Und: witzig. Es kann so einfach sein.

Alexandra

  4 comments for “Die kriechende Armee des Schreckens

  1. susa
    5. Juni 2015 at 13:07

    Ein schöner und nachdenklich stimmender Text. Ja, eigentlich könnte alles ganz einfach sein, erfordert nur, sich mal von der selbstbezogenen Sicht zu distanzieren. Gerne würde ich erfahren, wie das friedliche Zusammenleben mit den Nacktschnecken und anderen Mitbewohnern im Garten klappt. Viel Spaß wünsche ich auf jeden Fall.
    Lieben Gruß,
    susa

  2. 9. Juni 2015 at 11:25

    Wir haben dieses Jahr auch schon hier und wieder mal die ein oder andere Nackschnecke gehabt. Meine Denkweise war zunächst wie deine, aber nach deinem Text überlege ich mir mal eine Alternative wie ich die kleinen Kriecher vom Salat weghalte – natürlich schonend!

    Grüße
    Petra

  3. Brenda
    4. Februar 2016 at 11:10

    Moin allerseits, bei manchen Leuten klappt das: Pappkarton rund um die leckeren Pflanzen legen. Schnecken kleben sich gerne nachts unter den Pappkarton – warum auch immer. Morgens kann man die Schnecken dann bequem an der Pappe klebend ein paar Kilometer weiter in die nächste Brachfläche transportieren. Schnecken- und Gartenfreundlich!

  4. Redaktion frauenseiten
    4. Februar 2016 at 16:13

    Vielen Dank Brenda, das ist ein Tipp, den viele sicherlich gerne ausprobieren werden.

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