„Die Scham muss die Seite wechseln“. Dieser Satz von Gisèle Pelicot hat weltweit Debatten ausgelöst. Er benennt ein zentrales Problem im Umgang mit sexualisierter Gewalt: Noch immer tragen vor allem Betroffene Scham und Schuld, während Täter*innen häufig unbehelligt bleiben. Diese Umkehr gilt gesellschaftlich als Normalität. Doch warum ist das so – und wie lässt sich diese Dynamik durchbrechen?
Am 17. Dezember 2025 lud die Bremische Zentralstelle für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau (ZGF) zu einer hybriden Fachveranstaltung „Die Scham muss die Seite wechseln – aber wie?“ nach Bremen ein. Über 1.300 Menschen aus allen Bundesländern nahmen teil – 250 davon vor Ort im Forum K. Auch wir von den frauenseiten waren dabei.
Antje Grotheer, Präsidentin der Bremischen Bürgerschaft, machte in ihrer Begrüßung klar: Sexualisierte Gewalt ist kein Nischenthema, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. „Nicht die Betroffenen müssen sich ändern, sondern die Verhältnisse.“ Auch Bremens Frauenbeauftragte Bettina Wilhelm fand deutliche Worte: Sexualisierte Gewalt sei für Frauen und Mädchen allgegenwärtig, und doch seien es meist die Betroffenen, die Scham empfinden. Diese werde durch Victim Blaming, Täter-Opfer-Umkehr und tief verankerte Mythen systematisch verstärkt. Aufgabe der Gesellschaft sei es daher, Stigmatisierungen abzubauen, falsche Annahmen zu korrigieren und patriarchale Rollenbilder aufzubrechen.

Die Teilnehmenden
In drei Panels diskutierten Expert*innen aus Wissenschaft, Aktivismus, Therapie, Pädagogik und Kunst über Scham als Machtinstrument, über institutionelle Verantwortung und politische Handlungsmöglichkeiten im Rahmen der Umsetzung der Istanbul-Konvention in Bremen.
Dr. Monika Hauser ist Gynäkologin und feministische Aktivistin. Sie gründete 1993 die Frauenrechtsorganisation medica mondiale e.V. gegen sexualisierte (Kriegs-)Gewalt und wurde unter anderem mit dem Right Livelihood Award, dem „alternativen Nobelpreis“ ausgezeichnet. Nora Kellner ist Politikwissenschaftlerin und Soziologin sowie Autorin von „OpferMacht. Klartext reden über sexualisierte Gewalt“. Dr. Dipl.-Psych. Jonas Kneer ist Psycho- und Sexualtherapeut und arbeitet im Präventionsprojekt „I can change“, das Menschen bei der Kontrolle dysregulierter sexueller Impulse unterstützt. Loraine Dabaly Rehm ist Pädagogin und Pan-Afrikanistin mit intersektionalem Fokus auf Bildung, Machtverhältnisse und gesellschaftliche Teilhabe. Lilian Schwerdtner arbeitet zu sexualisierter Gewalt, ist Teil des Kollektivs Actions against Rape Culture und Mitproduzentin des Podcasts „Not your Opfer“. Dr. Laura Wolters ist Sozialwissenschaftlerin am Hamburger Institut für Sozialforschung und forscht zu gemeinschaftlich begangener sexualisierter Gewalt. Laura Leupi schreibt Prosa- und Performancetexte. Lauras Debüt „Das Alphabet der sexualisierten Gewalt“ wurde unter anderem mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet; daraus las Laura während der Veranstaltung mehrere Passagen unter tobendem Beifall. Sadaf Zahedi ist afghanisch-deutsche Schriftstellerin, Aktivistin und Poetry-Slammerin. Sie engagiert sich für die Rechte von Frauen und Mädchen und ist Mitgründerin des Vereins „Bildung ohne Bücher“. Sie teilte während der Panels mehrere ihrer Texte.
Außerdem zu Gast: Volker Mörchen, Berater im Bremer Jungenbüro e.V., arbeitet therapeutisch mit Jungen sowie trans-, inter- und nichtbinären Personen nach Gewalterfahrungen. Karima Stadlinger, Sozial- und Traumapädagogin, begleitet FLINTA*-Personen nach sexualisierter Gewalt. Beide sind in der schulischen Beratung tätig. Moderiert wurde die Veranstaltung von der Antidiskriminierungsexpertin Gülcan Yoksulabakan-Üstüay und der ZGF-Referentin Silke Ladewig-Makosch, die den Fachtag initiiert, konzipiert und organisiert hatte.

Scham ist ein Machtwerkzeug mit System
Ein zentrales Ergebnis der Diskussion: Sexualisierte Gewalt ist kein individuelles Schicksal, sondern ein strukturelles Problem. Sie geschieht häufig im privaten Raum, wird jedoch durch staatliche Institutionen, Gesetze, Medien und gesellschaftliche Diskurse geregelt und oft relativiert oder entpolitisiert. Diese Normalisierung ist Teil des Problems.
Neben der erlebten Gewalt wirkt eine zweite Gewalt: Scham. Sie ist nicht einfach ein individuelles Gefühl, sondern ein sozial produziertes Machtmittel. Zwar ist die Fähigkeit, Scham zu empfinden, angeboren, wofür wir uns schämen ist jedoch sozialisiert. Scham reguliert Zugehörigkeit: Wer Normen verletzt, wird beschämt, isoliert und zum Schweigen gebracht. Wie Volker Mörchen betonte, entsteht Scham dort, wo Zugehörigkeit bedroht ist. Die Folge: Rückzug, Sprachlosigkeit, fehlender Mut, um Hilfe zu bitten.
Im Kontext sexualisierter Gewalt wird Scham systematisch erzeugt – durch Behörden, Justiz, Medien, aber auch durch das soziale Umfeld. Fragen wie „Was hattest du an?“ oder „Warum hast du dich nicht gewehrt?“ verschieben Verantwortung auf Betroffene. Dr. Monika Hauser beschreibt diesen Prozess als Privatisierung von Gewalt: Betroffene sollen Verantwortung für etwas übernehmen, das ihnen angetan wurde. Scham wird ihnen auferlegt – als gesellschaftlicher Zustand.
Scham folgt Machtachsen: Scham wirkt nicht für alle gleich. Wer FLINTA* ist, rassifiziert wird, arm, queer, geflüchtet oder behindert ist, erfährt häufiger Zweifel, weniger Glaubwürdigkeit und stärkere Beschämung. Scham ist intersektional und folgt bestehenden Machtverhältnissen. Loraine Dabaly Rehm machte deutlich, dass insbesondere Perspektiven von Frauen of Color häufiger infrage gestellt, relativiert oder kontrolliert werden.
Sexualisierte Gewalt und die Scham, die sie begleitet, sind politisch. Sie beruhen auf patriarchalen Strategien, die Dr. Monika Hauser klar benannte:
- Täter-Opfer-Umkehr als zentrales Machtinstrument
- Stille Kompliz*innenschaft, wenn Erfahrungen angezweifelt oder zum Schweigen gebracht werden
- Gatekeeping, bei dem Institutionen darüber entscheiden, welche Gewalt sichtbar und anerkannt wird
Polizei, Justiz und Medien regulieren Sichtbarkeit und verlangen Beweise – oft auf Kosten der Würde und Selbstwahrnehmung der Betroffenen.
Täter, Scham und Verantwortung: Sexualisierte Gewalt ist kein Missverständnis, sondern ein Machtakt – überwiegend ausgeübt von Männern, überwiegend gegen FLINTA*, Jungen und Mädchen. Während wir von Betroffenen Scham erwarten, gilt das nicht in gleichem Maße für Täter*innen. Dr. Jonas Kneer und Dr. Laura Wolters zeigten, dass Täter-Scham sehr unterschiedlich ausgeprägt ist. Intensive Scham könne auch Verdrängung fördern, gab Jonas Kneer zu bedenken. Entscheidend sei daher, Scham nicht individualpsychologisch, sondern gesellschaftspolitisch zu betrachten.
Zu den diskutierten Maßnahmen
Was können wir als Gesellschaft tun, um die Machtverhältnisse zu verschieben und Betroffene besser zu unterstützen? Zum Ende der Veranstaltung stellte Senatorin Claudia Bernhard Maßnahmen zur Umsetzung der Istanbul-Konvention in Bremen vor – darunter die Gewaltschutzambulanz, die Beweise sichert und Betroffene auffängt, sowie der seit 2021 bestehende Betroffenenbeirat. Politischer Wandel brauche eine engagierte Zivilgesellschaft, niedrige Hürden, ausreichende Finanzierung und ressortübergreifende Zusammenarbeit.
Weitere Ideen und Maßnahmen, die die Gäst*innen der Senatorin mit auf den Weg geben möchten, betreffen unter anderem:
- Prävention: Kinder sollten bereits im Sexualkundeunterricht und darüber hinaus lernen, was Konsens bedeutet, wie offen über Sexualität gesprochen werden kann und wie man herausfindet, wo persönliche Grenzen verlaufen und diese auch kommunizieren kann. Vor allem aber müsse vermittelt werden: Sexualität ist nichts, was Männer nehmen und Frauen geben.
- Queere Perspektiven stärken: Dazu gehört auch der Ausbau von Anlaufstellen und Schutzräumen für FLINTA*-Personen.
- Ausbau von Präventionsangeboten für Erwachsene sowie von Anlaufstellen für Täter*innen; außerdem mehr öffentliche Aufklärung darüber, dass es diese Angebote gibt und wo sie zu finden sind.
- Qualifizierung von Fachpersonal, insbesondere in der Justiz: Dazu zählt die konsequente Umsetzung von Artikel 16 des aktuellen Landesaktionsplans, etwa durch eine verbindliche Fortbildungspflicht für Familienrichter*innen.
- Schutz von Müttern: Frauen, die ohne ihre Kinder in ein Frauenhaus flüchten, dürfen aufgrund vermeintlicher Verletzungen der Sorgerechtspflichten keinesfalls ihr Sorgerecht verlieren.
- Wiedereinsetzung des Fonds Sexueller Missbrauch: Neben finanziellen Leistungen bietet er Betroffenen auch staatliche Anerkennung der erfahrenen Gewalt.
Fazit
Sexualisierte Gewalt wird in patriarchalen Gesellschaften systematisch verharmlost. Institutionalisierte Scham, hohe Hürden und der Schutz von Täter*innen führen dazu, dass Gewalt selten angezeigt und noch seltener verurteilt wird. Es gibt kein Verhalten, das sexualisierte Gewalt provoziert oder verhindert. Und es gibt keine „richtige“ Reaktion auf Gewalt.
Wenn die Scham die Seite wechseln soll, braucht es keine psychologischen Appelle, sondern strukturelle Veränderungen. #MeToo und der Prozess um Gisèle Pelicot haben gezeigt: Wenn viele sprechen, gerät die Logik individueller Scham ins Wanken. Scham gehört nicht den Betroffenen. Sie gehört dorthin, wo Gewalt ermöglicht, gedeckt oder bagatellisiert wird. Lasst die Betroffenen in Ruhe!
Wer Interesse an einer Aufzeichnung der Veranstaltung oder weiteren Informationen hat, kann sich an Silke Ladewig-Makosch wenden.
Laura Altmann



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