Am 9. November habe ich an einer Führung mit Karin Puck durch die Ausstellung “So wie wir sind” in der Weserburg teilgenommen. Sie wurde vom Bremer Frauenmuseum (BFM) organisiert und der Rundgang hat einige der zeitgenössischen Künstlerinnen, darunter Miriam Cahn, Sibylle Springer, Ngozi Schommers, Laure Prouvost, Marianna Simnett vorgestellt. Es war interessant, einige neue Werke zu entdecken und einen Überblick darüber zu bekommen, wie sie entstanden sind, in welcher Zeit, und ihnen neue Bedeutungen zu geben.
Das Thema war “Zeitgenössische Kunst von Frauen in der Weserburg”. Ich kannte einige der Künstlerinnen schon durch andere Werke, die ich in anderen Museen gesehen habe. In vielen Werken habe ich Referenzen zur Körperlichkeit gefunden, die teilweise mit der Natur und dem Klimawandel in Verbindung stehen, wie zum Beispiel Cooling system 1 (for global warming), 2017, von Laure Prouvost. Aber auch zu Verschwendung, Status und Konsumismus, wie zum Beispiel das Werk BFF, 2015, von Šejla Kameric, ein riesiger Teddybär aus Secondhand-Pelzen und Plastikflaschen. Es geht um Werke, die manchmal einer Erklärung bedürfen, um den Gedanken hinter ihrer Konzeption zu verstehen.

Nach der Führung habe ich mich näher mit dem Thema der Sichtbarkeit der Kunst von Künstlerinnen in Institutionen befasst und Karin Puck und Anka Bolduan, stellvertretende Vorsitzende des BFM, diese Fragen gestellt:
Da 50% der Kunstwerke in der Weserburg von Künstlerinnen sind, warum ist das besonders und welche Perspektive könnte das eröffnen?
Kunst von Frauen bedeutet nicht, dass es feministische Kunst ist. Welche der Kunstwerke, die wir in Weserburg gesehen haben, sind feministische?
Zum Interview mit Karin Puck
«Ich [Karin Puck] habe den Teilnehmerinnen während der Führung einige der ausgestellten Künstlerinnen und ihre Arbeitsweisen vorgestellt. (Ich gehe davon aus, dass die meisten zuvor eher unbekannt waren.) Besonders wichtig war mir, die Bandbreite der künstlerischen Ansätze sichtbar zu machen. Denn Künstlerinnen arbeiten in sehr unterschiedlichen Bereichen und mit vielfältigen Medien wie Skulptur, Fotografie, Video oder Zeichnung. Sie arbeiten abstrakt, politisch oder konzeptuell – ebenso wie ihre männlichen Kollegen. Entscheidend ist für alle Künstlerinnen vor allem, mit ihrer Arbeit sichtbar zu werden und im Kunstbetrieb Relevanz zu erlangen. Umso bedeutender ist es, dass Künstlerinnen in der Weserburg als zeitgenössisches Museum „die Hälfte des Himmels“ erhalten haben – und dass auch das Publikum die Gelegenheit bekommt, diese Künstlerinnen kennenzulernen und sich mit ihren Werken auseinanderzusetzen.
Ich [Karin Puck] möchte ergänzen, dass die meisten Künstlerinnen und Künstler, die in der Weserburg präsentiert werden und deren Werke häufig Leihgaben aus großen privaten Sammlungen sind, sehr erfolgreich sind. Viele von ihnen sind auf Kunstmessen sowie in bedeutenden internationalen Ausstellungen und Museen vertreten.
Ein Beispiel ist die Filmemacherin und Multimediakünstlerin Laure Prouvost. Sie erhielt 2013 den renommierten Turner Prize und vertrat 2019 Frankreich auf der Biennale in Venedig. In ihrem Werk erscheint der weibliche Körper häufig auf humorvolle Weise – etwa wenn in einem ihrer Filme ihre Großmutter nackt durch den Himmel fliegt. Auch Marianna Simnett, die 2022 an der Biennale teilnahm, beschäftigt sich in ihren Arbeiten mit Transformationen des weiblichen Körpers.
Es ist auf jeden Fall spannend, zu den Künstlerinnen zu recherchieren und sie genauer kennenzulernen. Ob sie Feministinnen sind, ist mir nicht bekannt, und ich finde das auch nicht wirklich relevant. Ich bin da mit Etikettierungen vorsichtig.»
Anka Bolduan: Die Möglichkeit zur Selbstständigkeit von Frauen in der Kunst
«Für das Bremer Frauenmuseum war es immer ein wichtiges Ziel, dass die Position von Frauen und ihre (künstlerischen) Leistungen öffentlich und in gleichem Maße wie von Künstlern an öffentlich finanzierten und legitimierten Orten wie z.B. Museen wahrnehmbar sind. Aus diesem Grund hat sich der Verein 1991 sogar gegründet. Nach und nach nehmen wir in einigen Bremer Museen wahr, dass dies in den Hängungen, Ausstellungen und Sammlungen umgesetzt wird, z.B. in der Kunsthalle Bremen mit der Ausstellung von Sybille Springer zurzeit, in den aktuellen Planungen der neuen Dauerausstellung im Focke-Museum, in der Erforschung der Sammlung der Städtischen Galerie nach Objekten bzw. Bildern von Bremer Künstlerinnen u.a.
Mit dieser öffentlichen Schau werden Künstlerinnen überhaupt wahrgenommen und wertgeschätzt, können potentiell Ihre Arbeiten auch verkaufen und sich damit langfristig selbständig über Wasser halten. Dies war in der Vergangenheit nur wenigen Frauen möglich. Hier ist also die Betrachtung der eigenen Selbständigkeit von Frauen als selbständige Künstlerinnen und unabhängig von ihren Männern wichtig.
Nicht jede Künstlerin versteht sich als feministische Künstlerin, die sich mit ihrem eigenen Geschlecht bzw. mit Geschlechterrollen oder sozialer Ungleichheit auseinandersetzt. Feministische Kunst beschäftigt sich mit weiblicher Identität und dem kollektiven Erfahrungen von Frauen und will sozial und politisch etwas verändern. Dazu hat auch die Frauenbewegung international und national einiges beigetragen. In der Weserburg werden seit mehreren Jahren Kunstausstellungen von Künstlerinnen mit feministischen Positionen gezeigt wie Birgit Jürgenssen, Cindy Sherman, Andrea Bowers, Rosemarie Trockel u.a.»
Vanessa Marchegiani



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