Trend zur natürlichen Geburt erzeugen

Eine Stellungnahme der Bremer Frauenbeauftragten Ulrike Hauffe.

Habt keine Angst, sagte die Hebamme zu den Schwangeren im Vorbereitungskurs, wir sind für das Gebären gemacht. Verhaltenheit bei den Frauen. Ein Kind zu bekommen, heißt den Körper machen lassen. Aber „machen lassen“, sich dem eigenen Körper und seinem innersten Wissen zu überlassen, passt schlecht in Zeiten von engster Zeittaktung und Selbstoptimierung. Sich seinem Körper zu überlassen, macht heutzutage vor allem Angst. Und viel zu oft haben Frauen keine Chance, nach einer gelungenen natürlichen Geburt zu verstehen: Ja, mein Körper ist dafür gemacht. Weil die Geburt ihres Kindes vielleicht nicht die Zeit bekam, die sie brauchte, weil die Geburt bestimmt war von eingreifenden Maßnahmen, weil am Ende vielleicht ein Kaiserschnitt stand.

Ulrike Hauffe, Portrait

Ulrike Hauffe
© ZGF

In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Kaiserschnittrate in Deutschland verdoppelt. Dass es hier dringenden Handlungsbedarf gibt, ist inzwischen im politischen Bewusstsein angekommen. Bei der 24. Konferenz der Frauen- und Gleichstellungsministerinnen und -minister (GFMK), die 2014 in Wiesbaden stattgefunden hat, verabschiedeten alle 16 Bundesländer einen Antrag, der die zu hohen Kaiserschnittraten hinterfragt und fordert, „Fehlanreize zulasten einer natürlichen Geburt“ zu verhindern.

Das Bremer Bündnis natürliche Geburt

In Bremen zum Beispiel ist es dem Gesundheitssenator und mir 2013 gelungen, gemeinsam mit Gynäkologinnen und Gynäkologen, Hebammen aus Klinik und Praxis, mit Kinderärztinnen und Kinderärzten sowie Krankenkassen das „Bremer Bündnis zur Unterstützung der natürlichen Geburt“ zu gründen, als bundesweit erstes seiner Art. Ziel war, gemeinsame Empfehlungen für die Betreuung von Schwangerschaft und Geburt zu erarbeiten, um so den primär gesunden Prozess der Schwangerschaft zu unterstützen, Hindernisse zu analysieren und möglichst zu überwinden. Die Beratung von Frauen und Paaren sollte gestärkt sein, Informationsdefizite so vermindert werden. Klinikorganisation und Versorgungsstruktur sollten unter die Lupe genommen werden, wie sie das Vorgehen von Geburtshelferinnen und Geburtshelfern sowie Hebammen beeinflussen – um hier etwas ändern zu können.

Voneinander Lernen

Logo des Arbeitskreises Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft e.V. (AKF), eine grüne Schlange in Kreisform

© AKF

Der Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft e.V. (AKF), der das Thema natürliche Geburt und Medikalisierung von Schwangerschaft schon lange bewegt und der dazu einige Materialien herausgegeben hat, regte bei allen GesundheitsministerInnen der Länder die Nachahmung des Bremer Modells an. Die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen hat einen „Runden Tisch Geburtshilfe“ eingerichtet. Auch andere Bundesländer ließen sich anregen.

Bremen war das erste Bundesland, das einen von Hebammen geleiteten Kreißsaal installierte (in Bremerhaven) – seine Wirksamkeit, also die deutliche Senkung medizinischer Eingriffe unter der Geburt, ist wissenschaftlich belegt, das Modell in etwa 20 anderen Kliniken in Deutschland eingeführt.

Weitere Entwicklungen

Auch auf Bundesebene tut sich einiges. Neben dem schon erwähnten GFMK-Beschluss, der deutlich appellative Wirkung hat, steht die natürliche Geburt im Fokus der Arbeit von gesundheitsziele.de. Ein Kooperationsverbund zur Weiterentwicklung des nationalen Gesundheitszieleprozesses. Die Plattform bringt gesundheitspolitische Akteurinnen und Akteure zusammen und entwickelt im Konsens konkrete, exemplarische Gesundheitsziele als Empfehlung an die Politik und andere. Beteiligt sind Verantwortliche aus Politik in Bund, Ländern und Kommunen, Selbstverwaltungsorganisationen, Fachverbände, Patienten- und Selbsthilfeorganisationen und Wissenschaft.

Dass Frauen, aber auch ihre Partner, ihre Mütter, die ihnen Nahestehenden intensiver als bisher über die Chancen einer natürlichen Geburt und die Risiken eines Kaiserschnitts informiert werden müssen, ist inzwischen – behaupte ich – bei allen Verantwortlichen im Gesundheitswesen angekommen. Jetzt wird es darum gehen, auf diesen Erkenntnissen fußend Maßnahmen zu entwickeln und Strukturen zu verändern.

Ulrike Hauffe – Landesfrauenbeauftragte Bremen

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