#FEMALEPLEASURE – Der Film

Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern – wie weit sind wir heute wirklich im 21. Jahrhundert? Mit der Französischen Revolution im Jahre 1789 wurden erste Stimmen laut, die in Politik und Gesellschaft eine Gleichstellung von Frauen und Männern forderten. Tatsächlich jedoch wurde das Wahlrecht für Frauen in Frankreich erst 1944 eingeführt. In anderen Ländern war das aktive Wahlrecht bereits früher durchgesetzt worden. In Neuseeland durften Frauen ab 1893 an die Urnen gehen, in Deutschland und Österreich seit 1918. Zwei Jahre später auch in den USA und seit 1928 dürfen schließlich britische Frauen ihre Stimme abgeben. Doch ist der Kampf für die Gleichberechtigung der Geschlechter damit bereits zu Ende oder gar gewonnen? Im internationalen Umfeld erhielt die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte erst 1948 den Grundsatz der Nichtdiskriminierung aufgrund des Geschlechts. 1980 wurde dann die Frauenkonvention – das Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau – von den Vereinten Nationen verabschiedet. Bisher wurde sie von 189 Staaten unterzeichnet.

#femalepleasure – Ein Plädoyer für das Recht auf Selbstbestimmung

Das Poster zum Film #FemalePleasure. Es zeigt eine weiße Feminist*innenfaust mit roten Fingernägeln vor dunkelblauem Hintergrund.

(c) #FemalePleasure

Damit sind erste wichtige, politische Grundfeste für die Gleichstellung der Frau gesetzt. Doch in vielen gesellschaftlichen, kulturellen und religiösen Kontexten sind wir von einer wahren Gleichberechtigung noch immer weit entfernt. #FEMALEPLEASURE zeigt eindrücklich, wie rückständig die Gesellschaft in allen Regionen der Welt weiterhin ist, wenn es um sexuelle Selbstbestimmtheit von Frauen geht. Regisseurin Barbara Miller hat mit ihrem Film ein starkes Plädoyer für das Recht auf Selbstbestimmung geschaffen, indem sie anhand von fünf Lebensgeschichten die noch immer vorherrschende Brandmarkung der weiblichen Lust durch Religionen und gesellschaftliche Restriktionen aufzeigt.

Die Dämonisierung des weiblichen Körpers

Hauptaugenmerk des Films ist die weibliche Sexualität. Dass Frauen diese über verschiedene Kontinente und Kulturen hinweg noch immer nicht frei ausleben können, ist ein erschütterndes Bild für die junge Generation von Frauen, die glaubten, in diesem Punkt schon viel weiter gekommen zu sein. Aber auch für all die Frauen, die sich in der Vergangenheit für sexuelle Selbstbestimmung eingesetzt haben. Autorin und Regisseurin Barbara Miller setzt die jahrtausendalte und noch immer brandaktuelle strukturelle Dämonisierung des weiblichen Körpers ins Zentrum des Films. Mit den Protagonistinnen hat sie fünf Frauen aus unterschiedlichen Kulturkreisen ausgewählt, die ähnliche Erfahrungen mit ihrer Sexualität und ihrer Stellung als Frau in der Gesellschaft gemacht haben.

Fünf Frauen aus fünf Kulturkreisen

Fotografie, die eine Person mit Herzluftballons in einer Hand zeigt.

(c) #FEMALEPLEASURE

Da ist zum einen Leyla Hussein aus Somalia. Eine Aktivistin die sich gegen die Beschneidung von jungen Mädchen einsetzt. Leyla ist Muslima und eine Frau, die so offen über weibliche Sexualität spricht, dass man sich ihren Aussagen nicht entziehen kann. Dann ist da die japanische Künstlerin Rokudenashiko. Auf eine spielerische, kreative Art verwandelt sie ihre Vagina in Kunst, um zu zeigen, dass der Umgang mit dem weiblichen Körper etwas völlig Selbstverständliches und Normales ist; was die japanischen Gerichte leider anders sehen. Da ist Deborah Feldman, die in einer ultraorthodoxen jüdischen Familie in New York aufwuchs. Dann ist da Doris Wagner aus Deutschland, die im Alter von 19 Jahren in ein erzkatholisches Ordenskloster eintrat. Ohne zu ahnen, dass sie bald Opfer sexualisierter Gewalt werden würde. Und schließlich ist da Vithika Yadav, eine junge indische Frau, die mit traditionellen hinduistischen Traditionen aufwuchs und von klein auf beigebracht bekam, keinem Mann in die Augen zu schauen. Diese Frauen haben am eigenen Leib sexualisierte Gewalt erlebt und wurden dafür von der Gesellschaft verdammt.

Das Patriarchat – die weltweite Religion

Die bestehenden hierarchischen Strukturen werden oftmals noch immer von Männern genutzt, um Frauen auszunutzen, zu dominieren oder zu unterdrücken.

„Sie praktizieren das Patriarchat, die weltweite Religion“, wie Leyla Hussein es im Film nennt.

Fotografie von Barbara Miller. Die Frau ist im Profil abgebildet, sie lächelt in die Kamera.

Barbara Miller
(c) #FemalePleasure

Als Frau wird man dem Mann übergeben, als wäre man eine Ware, nicht ein Mensch. In der Ehe hat sich die Frau den sexuellen Bedürfnissen des Mannes anzupassen und zu fügen. Die eigene sexuelle Lust der Frau spielt dabei keine Rolle. Diese Haltung zeigt sich auch in der Werbeindustrie. Und so fängt #FEMALEPLEASURE mit großen Aufnahmen von Werbeplakaten an, in denen Frauen als unterwürfiges, sexuelles Objekt dargestellt werden, die dem Mann zur Verfügung zu stehen haben. Auch in der Pornokultur ist die Frau größtenteils als willenloses Wesen dargestellt, deren Zweck die Befriedigung des Mannes ist. Ob in der westlichen Welt oder in den Anime- und Manga-Zeichnungen aus Asien. Für Barbara Miller lässt sich das Verhalten von einigen Männern nur mit Angst erklären:

„Viele Männer scheinen so viel Angst vor der weiblichen selbstbestimmten Sexualität zu haben, dass sie sie dämonisieren. Es scheint, dass nur Männer mit einem gesunden Selbstbewusstsein und einer partnerschaftlichen Vorstellung von Beziehung Frauen als ein gleichwertiges sexuelles Gegenüber akzeptieren können.“

Der Kampf geht weiter

In unserem Special „Wir haben Lust“ haben wir, die frauenseiten, vor einiger Zeit eben diese weibliche Lust zum Thema gemacht. Dabei wurden Sexspielzeuge von A-Z vorgestellt, der weibliche Orgasmus genauer unter die Lupe genommen und mit alten Mythen wie dem vom Jungfernhäutchen aufgeräumt. Mit viel Neugier haben wir unsere sexuelle Freiheit ausgelebt und ausprobiert. Umso erschreckender war es, kein halbes Jahr später die Geschichten von Deborah Feldman, Leyla Hussein, Rokudenashiko, Vithika Yadav und Doris Wagner auf der Kinoleinwand zu sehen. Ihre Geschichten haben mich aufgewühlt, an vielen Stellen im Film konnte ich die Tränen nicht zurückhalten. Die Geschichten dieser Frauen machen betroffen. Ihnen ist Schlimmes widerfahren und dennoch – oder gerade deshalb – geben sie nicht auf, für ihr Rechte zu kämpfen. Und dafür, dass Frauen überall auf der Welt gehört werden.

Verschieden farbig erhobene Fäuste

(c) Josephine Struckmeier

Es war schockierend zu sehen, wie schlimm die Situation von Frauen in allen Kulturen und Ländern der Welt noch immer ist. Und wie schwer es Frauen auch heute noch haben, wenn sie sich für ihre Rechte stark machen. Layla wirkt in einer Interviewszene im Film verzweifelt, aufgelöst. Es ist für sie völlig unbegreiflich, dass sie noch immer gegen die Verstümmelung von Mädchen, gegen Gewalt an und für die sexuelle Gleichberechtigung von Frauen kämpfen muss. Etwas, das im 21. Jahrhundert als selbstverständlich gelten sollte.

Maren Göttke

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