Feminismus auf Ungarisch

Unsere Gastautorin nimmt uns heute mit Nach Ungarn und schreibt über zwei feministische Aktivistinnen.

Über das feministische Engagement zweier Frauen

Ungarn ist seit 2004 in der EU und zählt nicht zu den hellsten Sternen am europäischen Himmel. Der Blick auf die politische Lage in Ungarn gleicht einem Besuch in den Träumen der AfD: Antifeminismus, Rassismus, Antiziganismus, eingebettet in eine nationalkonservative und rechtspopulistische Regierung.

Cover des feministischen und antikapitalistischen, regimekritischen Magazins NEM! aus Ungarn

(c) NEM! INők Egymásért Mozgalom

Der weibliche Anteil an Abgeordneten im ungarischen Parlament liegt gerade mal bei 12,6 Prozent und belegt somit den traurigen letzten Platz im europäischen Vergleich. Beim Gender Equality Index 2019 hinkt Ungarn als vorletztes europäisches Land ins Ziel. Damit das auch so bleibt, ist die ungarische Fidesz-Regierung im vollen Einsatz. Um einen Eindruck zu bekommen, wie feministische zivilgesellschaftliche Arbeit in diesem politischen Rahmen stattfinden kann und welche Themen im Fokus stehen, spreche ich mit zwei feministischen Aktivistinnen in Budapest.

Ich treffe Ágnes, sie ist 26 Jahre alt und seit einem Jahr in der feministischen Organisation NEM! – Nők Egymásért Mozgalom in Budapest aktiv. Der Name hat mehrere Bedeutungen und Ágnes Begeisterung für dieses Wortspiel ist nicht zu übersehen. „Nem“ bedeutet auf Ungarisch „Nein“, aber ebenso steht es für die Bezeichnung von „Geschlecht“. „Nők Egymásért Mozgalom“ heißt übersetzt so viel wie, „Frauen füreinander Bewegung“. In der Gruppe sind aktuell ungefähr 16 cis-Frauen aktiv, fast alle von ihnen Akademikerinnen aus der Mittelschicht. NEM versteht sich als antikapitalistische Gruppe und möchte vor allem junge Menschen, Jugendliche und Studienanfänger*innen, mit ihrer Arbeit ansprechen. Es ist ein Spagat für die relativ homogene Gruppe, heterogene Frauen anzusprechen und nicht als high class feminism von oben herab zu wirken. So versuchen sie, mit ihren Projekten verschiedene Zielgruppen anzusprechen.

Da ist zum einen ihr eigenes Magazin, welches absolut self-made ist und sich an Jugendliche richtet. Es ist kein Magazin über Feminismus, sondern integriert feministis

che Aspekte in Themen, die für Jugendliche besonders spannend sind. Ágnes erklärt mir, dass diese Vorgehensweise wichtig sei, um ihre politische Bildungsarbeit nicht mit dem Label „feministisch“ zu versehen. Denn in Ungarn ist der Begriff, befeuert durch Kampagnen der Regierung, negativ und mit Vorurteilen besetzt, kritisiert Ágnes. Eine weitere Aktivität der Gruppe ist ein Lesekreis, der einmal im Monat stattfindet.

Hier werden Artikel und Texte zu feministischen Themen gemeinsam gelesen und diskutiert. Das Besondere: Alle Texte sind auf Ungarisch und leicht verständlich geschrieben, um so ein möglichst niedrigschwelliges Angebot zu formulieren. Ágnes erzählt mir, dass es ist gar nicht immer so einfach ist, etwas Passendes zu finden, da feministische Literatur oftmals nicht ins Ungarische übersetzt wird. Der Lesekreis wird sehr gut angenommen und erreicht unterschiedlichste Menschen, von denen sich einige zuvor noch nie mit feministischen Themen auseinandergesetzt haben. Ágnes möchte mit diesem Lesekreis ein solidarisches Miteinander aufbauen – „solidarity building from the bottom“ sozusagen.

Cover und Inhaltsangabe des feministischen und antikapitalistischen, regimekritischen Magazins NEM! aus Ungarn

(c) NEM! – Nők Egymásért Mozgalom

Systemwechsel! Endlich Zivilgesellschaft gestalten

Ich treffe eine weitere Aktivistin in Budapest. Antonia ist Anfang 70 und kann auf eine jahrzehntelange Erfahrung feministischer Kämpfe zurückblicken. Vor allem nach dem Regimewechsel ab 1989 war Antonia sehr aktiv in der feministischen Szene in Ungarn. Sie erzählt von einer Zeit der hoffnungsvollen Aufbruchsstimmung, in der es endlich erlaubt war, sich zivilgesellschaftlich zu engagieren. Die Aktivist*innen verstanden sich als Kreateur*innen einer neuen Zivilgesellschaft und sahen eine große Chance, den Systemwechsel mitzugestalten und demokratische Werte gesellschaftlich erfahrbar zu machen. Frauen fingen an, sich zu treffen, über feministische Ideen zu sprechen und mehr Gleichberechtigung in Ungarn zu fordern. Das erste große Thema war das Recht auf selbstbestimmte Reproduktion, da dies mit dem Systemwechsel in Gefahr geraten war, erzählt Antonia. Gleichzeitig brach der Kapitalismus in das Land ein und brachte Privatisierung, Arbeitslosigkeit sowie ökonomische Unsicherheit. Antonia berichtet, dass das zivilgesellschaftliche Engagement in den ersten zehn Jahren nach dem Systemwechsel noch leichter von der Hand ging. Doch mit der Zeit wurde es für (feministische) Aktivist*innen immer schwieriger, sich zu engagieren. Heute werden Nichtregierungsorganisationen systematisch von der Regierung stigmatisiert. Davon abgesehen, dass sie so gut wie keine staatliche finanzielle Förderung erhalten, werden Aktivist*innen durch Verleumdungskampagnen massiv eingeschüchtert und in ihrer Arbeit vom Staat behindert.

Bücher für den Wandel

Fotografie der Közkincs Könyvtár Bücherei der Feministin Antonia in Ungarn

(c) Isabel Reda

Antonia sitzt an einem großen Tisch in ihrer Altbauwohnung im Zentrum von Budapest. Hinter ihr ragen riesige Bücheregale, die die gesamte Wand bedecken, in die Höhe. Wir befinden uns in Antonias Privatwohnung, die gleichzeitig eine Community-Bücherei ist. Sie trägt den Namen Közkincs Könyvtár, was übersetzt so viel wie „Gemeindeschatz“ bzw. „gemeinschaftlicher Schatz“ bedeutet. Die Bücherei hat Antonia vor etwa vier Jahren gegründet, da ihr die Zustände in ihrem Heimatland immer größere Sorgen bereitet haben. Nach einem 15 Jahre langen Aufenthalt in den USA hatte sie das Gefühl, wieder zurückehren zu müssen, um die LGBTQI*-Bewegungen in Budapest zu unterstützen. Antonia sammelte während ihrer Zeit in den USA unzählige Bücher, die sie unter anderem bei Wohnungsauflösungen günstig ergatterte. Herkunft, class und gender – das sind vor allem die Themen, in die man sich in einem der gemütlichen Sessel in der Community-Bücherei vertiefen kann. Jeden Sonntag kommen Freiwillige, um die vielen Bücher zu katalogisieren und zu ordnen. Regelmäßig verwandelt sich die Bücherei in ein Kino, in dem in geselliger Runde Filme mit feministischer Ausrichtung gezeigt werden. Außerdem stellt Antonia den Raum für diverse Veranstaltungen von externen Gruppen, meist gegen eine kleine Spende für die Bücherei, bereit. Für Antonia stehen Solidarität, Teilen und die Arbeit an dem, was eine*n bewegt, an erster Stelle. Sie möchte die Community-Bücherei möglichst vielen zivilgesellschaftlichen Gruppen als Ressource zugänglich machen. So findet beispielsweise das kleine Büro einer feministischen Organisation in Antonias Wohnung Platz. Denn das Geld, selbst der größeren zivilgesellschaftlichen Organisationen, reicht meist nicht einmal für die Miete von Räumlichkeiten.

Fotografie der Közkincs Könyvtár Bücherei der Feministin Antonia in Ungarn

(c) Isabel Reda

Im Moment ist allerdings auch die Bücherei noch nicht selbsttragend und damit laut Antonia (noch) nicht nachhaltig. Sie macht sich Gedanken, wie die Bücherei über sie hinaus bestehen bleiben kann. Da vom ungarischen Staat kein Geld zu erwarten ist, bzw. es auch aus Gründen der Unabhängigkeit von und dem Schutz vor der Regierung nicht gewünscht ist, wäre finanzielle Unterstützung aus dem Ausland sehr hilfreich. Möglich wäre beispielsweise die Gründung einer Art Schwestern-Bücherei, beispielsweise in Deutschland, die sich solidarisch mit dem Projekt in Budapest zeigt.

Feminism in Eastern Europe is sometimes different

Antonia und Ágnes sprechen beide die ungarische Familienpolitik als zentralen Kritik ihres feministischen Engagements an. Die derzeitige ungarische Regierung reduziert die Frau auf die Rolle der Gebärenden, um so dem demographischen Wandel entgegenzuwirken. Darüber hinaus stellt sich die Regierung quer, häusliche Gewalt gegen Frauen als gesellschaftliche Problematik anzuerkennen und zu behandeln. Bis dato hat Ungarn die Istanbul Konvention zwar unterschrieben, aber immer noch nicht ratifiziert. Dies zu tun, wird dringend von feministischen Organisationen gefordert, da eine Ratifizierung rechtlich bindende Normen gegen Gewalt gegen Frauen implementieren würde. Ebenso kritisieren beide Aktivistinnen die Liberalisierung von Prostitution im Ausland, da es vor allem Frauen aus osteuropäischen Ländern sind, die sich beispielsweise in Deutschland aus ökonomischer Not oder unter Zwang prostituieren. In dieser Thematik spiegeln sich die ökonomischen Ungleichheiten innerhalb der EU im feministischen Aktivismus wider.

Die Gespräche mit beiden Aktivistinnen, sowie der Blick auf die politische Lage in Ungarn, zeigen einmal mehr: Feminismus braucht Solidarität, die über Ländergrenzen hinweg wirkt und die unterschiedlichen Realitäten sowie Bedingungen feministischer Kämpfe anerkennt.

Isabel Reda

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