Für eine bedingungslose Selbstüberschätzung

Ich starte ein neues Projekt im Büro. Es ist ein neues Arbeitsfeld und ich werde neue Dinge lernen. Trotzdem entwischt mir diese eine Gefühlsregung: in einem Meeting mache ich meinen Unmut öffentlich, noch nicht perfekt zu sein. Ehrlicherweise denke ich wohl zu laut und spreche an, dass es ja ganz neu für mich ist. Schnell kommt vom Vorgesetzten im Gespräch die Frage „Schaffst du das?“. Was dann passiert, ist symptomatisch. Ein zwiespältiges Gefühl, dass den Blick auf die zukünftige Arbeit verändert.

Abraumberg Kali

(c) Renate Strümpel

Szenenwechsel. Anderer Kontext, andere Zeit. Eine neue temporäre Aufgabe wird mir zugeteilt. Ich übernehme eigenverantwortlich die Außenkommunikation einer Konferenz. Besondere Arbeitszeiten, Aufgabe nicht neu, Kontext schon. Ich bin Teilzeitkraft und Mutter, stets irgendwie darauf bedacht, die Dinge trotzdem zu tun und gut organisiert so interessante Aufgaben zu übernehmen. In diesem Fall habe ich die Expertise, nur der Kontext ist neu. Ich äußere keine Zweifel, und doch kommt von der Projektleitung: „Kriegst du das hin?“. Naja. Ja. Aber ab dem Moment, in dem die Frage im Raum steht, verändert sich etwas in mir. Ich stelle mir selbst die Frage und verunsichere mich. Ich stehe mir kurz vor Projektstart innerlich selbst im Weg, prüfe hyperkritisch meine Fähigkeiten und fange an Zweifel zu haben. Ich habe jetzt vor den Erwartungen mehr Respekt als vorher. Gehe mit seltsamem Gefühl in die neue Aufgabe, die ich mir jetzt nur noch als Challenge schönreden kann. Krampfhaft versuche ich, die Bedenken in Motivation umzuwandeln. Jetzt muss ich nicht nur eine Aufgabe erledigen, sondern mir und den anderen etwas beweisen. Schon wandelt sich eine spannende Aufgabe in ein doppelbödiges Spiel. Und dieser doppelte Boden, machen und beweisen, dass ich es kann, fordert vom ganzen Tun noch mehr Kraft. Schließlich sind es jetzt mindestens zwei Aufgaben in einer.

Achterbahn Freimarkt Bremen

(c) Renate Strümpel

Innerer Kampf adieu: hallo Selbstüberschätzung

Ob alles gut geht? Ich weiß es nicht. Jetzt kann ich nur schwer daran glauben. Irgendwie bin ich nervös. So geht das Kopfkino. Die Aufgabe meistere ich dann mit Bravour. Aber ich fühle mich unter Beobachtung. Bin mir selbst die stärkste Kritikerin. Ich weiß nicht so recht, ob ich wirklich alles zu 100 Prozent richtig mache. Das tatsächliche Machen fühlt sich nicht so beschwingt an. Warum das alles? In Gesprächen mit anderen Frauen merke ich immer wieder, dass sie mit der selben Problematik zu tun haben.
Sie ist unnötig! Ja, ich würde so weit gehen und sagen, sie sabotiert uns. Ich frage also meine männlichen Bekannten: wurde euch denn schon häufiger diese Frage gestellt? Nein. Sie stellen sich die Frage auch nicht selbst. Es ist traurig, denn diese Manöver, die Frauen dazu bringen, dass sie sich verunsichert in große Aufgaben begeben, verstellen viele Chancen. Wieso sind wir verunsichert, wieso nur? Weil wir auf diese Frage konditioniert sind? Nun ist das Phänomen nicht unbekannt. Das Impostor Syndrom, auch Hochstapler-Syndrom genannt, gibt teilweise die Erklärung. Bei den Kolleginnen von Edition F finden sich einige hilfreiche Anweisungen gegen jene Selbstzweifel. Gleichzeitig ist es das größere System, die strukturellen Bedingungen, die Frauen zurückhalten. Jessica Bennett, hat sich in ihrem Buch „Feminist Fight Club“ mit dem Thema beschäftigt und lässt uns die feinen Mechanismen in der Arbeitswelt besser verstehen.

Was machen wir also jetzt? Wir brauchen bedingungslose Selbstüberschätzung und müssen an uns glauben. Sich einfach einmal 70% mehr zutrauen, obwohl wir es noch nie gemacht haben. Wir sollten uns nicht anders behandeln lassen. Bob der Baumeister als Role Model: können wir es schaffen? – Ja wir können es schaffen. So ist es. Bleibt nun also noch ein Tipp. Eine Handlungsanweisung. Was antworten wir beim nächsten mal? „Ich verstehe die Frage nicht“ „Ja, wieso?“ „Klar schaffe ich das“ „Ich hab bis jetzt alles geschafft“.

Keine Ahnung. Wir sollten uns verbinden und im Hintergrund Mut zusprechen. Wenn einen der Mut verlässt. Für den Übergang sollte das etwas bringen. Für den Übergang zum „Selbstbewusstsein eines mittelmäßigen Mannes“. Im Meeting müssen wir probeweise die Angst verstecken. Fake it till you make it. Klar kriegen wir das hin. Klar schaffen wir das. Überdurchschnittlich. Und: nicht vergessen als Ally auch die Mitstreiterinnen zu unterstützen. Seid lieb und überschätzt Euch, es lohnt sich.

Renate Strümpel

  10 comments for “Für eine bedingungslose Selbstüberschätzung

  1. Janni
    28. Mai 2019 at 10:04

    Danke Renate für diesen starken Text!

    • renate
      28. Mai 2019 at 13:02

      Liebe Janni, vielen Dank für das Kompliment. Herzlichst, Renate

  2. Antje
    28. Mai 2019 at 13:09

    Ich liebe Selbstüberschätzung – und lebe sie doch nie!!!! Aber wir müssen uns gar nicht über-schätzen, sondern „einfach“ schätzen – denn wir sind TOLL – und schaffen das!!!! YESSSS!!!!!!!!! Danke für einen großartigen starken Text ❤️❤️❤️❤️👏🏻👏🏻👏🏻🐲

    • renate
      28. Mai 2019 at 14:05

      Liebe Antje, herzlichen Dank für diesen Kommentar. Lass uns die Selbstüberschätzung leben. Alles Liebe, Renate

  3. Andrea
    28. Mai 2019 at 21:20

    Liebe Renate, ich nehme den Link und sende ihn hinaus an alle junge und alte Frauen die ich kenne 🙂

    • redaktion
      29. Mai 2019 at 12:09

      Oh wie schön, liebe Andrea. Viele Grüße, Renate

  4. Tina
    28. Mai 2019 at 23:07

    Super genau beschrieben! Habe mich sofort wiedererkannt! Ich glaube fast, das kennen 90 % aller Frauen, die vor / in anspruchsvollen Aufgaben stehen. Nur eine Sache glaube ich einfach nicht: dass Männer solche Gefühle nicht haben – die meisten geben es nur nicht zu! Machen es mit sich allein ab, schlucken es runter, verdrängen es.
    Im übrigen ist es total bedauerlich, dass (Selbst)Zweifel so negativ bewertet werden, weil sie ja eigentlich auch eine enorme Produktivkraft sein könnten. Weil sie zu Kooperation einladen, weil sie Fehlerkorrekturen eher möglich machen. Aber das würde ein ganz anderes, weniger konkurrenz-orientiertes Arbeiten voraussetzen. Und solange wir das nicht haben, hast du recht: Hochstapeln dass sich die Balken biegen!!
    Übrigens die Antwort „ja, warum?“ gefällt mir am besten. Sie gibt den Ball zurück an den (blöden) Frager, dann wäre die Antwort mal spannend…

    • redaktion
      29. Mai 2019 at 12:10

      Liebe Tina, das sind gute Hinweise. Danke für diesen Kommentar. Liebe Grüße, Renate

  5. Ime
    3. Juni 2019 at 13:31

    Liebe Renate: ein starker Text! Und liebe Tina: ich stimme dir zu! Das alles lässt mich an den alten feministischen Spruch denken:
    „Eine Frau, die genauso gut sein will wie ein Mann, hat einfach keinen Ehrgeiz“
    Herzlichst, Ime

    • renate
      4. Juni 2019 at 8:39

      Liebe Ime, danke für dieses treffende Zitat. Herzlichst, Renate

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.