Heute am 1. Juli, welcher seit 2015 auch als Tag gegen antimuslimischen Rassismus bezeichnet wird, ist es ebenso wichtig wie an jedem anderem Tag im Jahr, über rechte Gewalt zu sprechen und somit aktiv dagegen anzuwirken. Auch in Bremen gibt es wieder eine Veranstaltung gegen rechte Gewalt, bei der der Menschen gedacht wird, die aufgrund rechter Motive ums Leben gekommen sind. Aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Nationalität, ihrer religiösen Zugehörigkeit – kurz gesagt, aufgrund einer gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit.

Was ist antimuslimischer Rassismus?
Obwohl antimuslimischer Rassismus und Islamophobie oft als Synonyme verwendet werden, gibt es einen klaren Unterschied: Letzterer Begriff fokussiert sich eher auf Ängste, wobei die Bezeichnung antimuslimischer Rassismus Feindseligkeit und Hass in den Vordergrund rückt. Da der Begriff Islamophobie oft verharmlosend wirkt und politische sowie strukturelle Dimensionen ausblendet, wird antimuslimischer Rassismus bevorzugt.
Dieser kritisiert die Konstruktion des „Anderen“ („Die Muslim*innen“ versus „Die Deutschen“), also die Ausklammerung und Herabstufung von Muslim*innen aus dem gesellschaftlichen „Wir“. Diese Ausgrenzung spricht deutschen Muslim*innen die Zugehörigkeit ab und nimmt migrierten Muslim*innen gleichzeitig die Möglichkeit, ein Teil Deutschlands zu sein. Oft wird „muslimisch“ fälschlicherweise mit bestimmten Nationalitäten oder dem Begriff „Ausländer*in“ gleichgesetzt. Muslim*innen werden dabei als homogene Gruppe verstanden, wodurch die Vieldimensionalität der Religion verloren geht.
Gleichzeitig ist zu beachten, dass nicht nur Muslim*innen von antimuslimischem Rassismus betroffen sind. Oft wird Menschen allein aufgrund ihres Namens oder Aussehens ein „Muslimisch-Sein“ zugeschrieben, wodurch sie ebenso Zielscheibe dieses Rassismus werden. Antimuslimischer Rassismus bezeichnet also die Abwertung und Ausgrenzung muslimisch gelesener Personen sowie die Zuschreibung negativer Verhaltens- oder Charaktereigenschaften wegen ihrer Religion.
Im Gedenken an Marwa El-Sherbini

Doch wieso wird ausgerechnet am 1. Juli auf antimuslimischen Rassismus besonders aufmerksam gemacht? Genau an diesem Tag wurde 2009 Marwa El-Sherbini im Landgericht Dresden ermordet, während sie als Zeugin in einem Berufungsverfahren wegen Beleidigung aussagte. Der Angeklagte hatte sie und ihr Kind rassistisch beleidigt, woraufhin El-Sherbini den Mann anzeigte. Im Gerichtssaal erstach dieser die 31-jährige Frau vor ihrem Ehemann und Kind. Im Prozess gegen den Mörder wurde erstmals antimuslimischer Rassismus als Tatmotiv direkt benannt. Da diese Tat längst kein Einzelfall ist, sondern lediglich auf ein größeres strukturelle Phänomen aufmerksam macht, ist seit 2015 der 1. Juli in Gedenken an Marwa El-Sherbini der „Tag gegen antimuslimischen Rassismus“. Er steht somit als Zeichen für eine weltoffene und tolerante Gesellschaft, in der niemand aufgrund von Herkunft, Religion oder Aussehen diskriminiert oder angegriffen werden soll.
El-Sherbinis Ermordung zeigt, in welchem Ausmaß antimuslimischer Rassismus stattfinden kann. Doch dieser zeigt sich nicht nur anhand von Gewalttaten, sondern auch im Alltag – beispielsweise in Form von Beleidigungen, Diskriminierung, Ausgrenzung oder Ablehnung. Dabei sind Frauen, vor allem mit Kopftuch, generell häufiger betroffen als Männer.
Seit Beginn des Gaza-Kriegs ist nicht nur Antisemitismus in Deutschland angestiegen, sondern auch antimuslimischer Rassismus. Bereits 2023 ist die Dokumentation islamfeindlicher Taten im Vergleich zum Vorjahr laut CLAIM mit 1.926 Vorfällen um 114 Prozent gestiegen. 2025 sind es bereits 2.096 Vorfälle, also durchschnittlich elf Vorfälle pro Tag. Auch in Bremen lässt sich nach einem Senatsbeschluss zu einer Anfrage der SPD an die Bremer Bürgerschaft ein deutlicher Anstieg antimuslimischer Vorfälle aufgrund des Nahostkonflikts verzeichnen. Wie eine aktuelle Broschüre des ufuq-Vereins verdeutlicht, verengt sich der Diskursraum hierbei zunehmend: Vor allem palästinensische und muslimische Stimmen sehen sich in der aktuellen gesellschaftlichen Debatte oft einem Generalverdacht oder gar Sanktionen ausgesetzt. Genau diese Dynamik befeuert das Gefühl der Ausgrenzung aus dem gesellschaftlichen „Wir“ nur noch weiter.

Gemeinsam erinnern
Was können wir also dagegen tun? Wir können darüber sprechen und darauf aufmerksam machen! Und genau das bewirkt das Projekt Köfte Kosher mit dem Gedenkpavillon am Marwa-El-Sherbini-Platz. Dieser ist ein Kunst- und Jugendprojekt gegen Diskriminierung und Gewalt, an dem seit 2018 zwölf Opfern rechtsextremer Gewalt gedacht wird. Hier findet jährlich die Yortsayt-Gedenkveranstaltung für Marwa El-Sherbini statt. Auch dieses Jahr kommen ab 17 Uhr Menschen zusammen, um Opfern rechtsextremer Gewalt zu gedenken.
Kreativ und digital: Aufklärung auf Social Media
Auch in den sozialen Netzwerken wird das Thema immer präsenter. Der Kreativität sind dabei kaum Grenzen gesetzt, um rechte Gewalt und Diskriminierung sichtbar zu machen:
So verarbeitet die Influencerin und sächsische Vize-Landesmeisterin im Poetry Slam 2025, Bisan Badawi (@bisan.qn), das Aufwachsen als „Migrakind“ und den allgegenwärtigen Alltagsrassismus in tiefergehender Poesie. Sie macht aus fast jedem Struggle der jüngeren Generation ein Gedicht, das berührt und zum Nachdenken anregt.
Der gebürtige Oldenburger Tahsim Durgun (@tahdur) deckt als Influencer, Autor und Podcaster die Diskriminierungsstrukturen unserer Gesellschaft auf. Das gelingt ihm durch eine Mischung aus Humor und Ernsthaftigkeit, die zutiefst bewegt. Seine 2025 erschienene Biografie „Mama, bitte lern Deutsch“ sei an dieser Stelle wärmstens empfohlen: Die Lebenswirklichkeit der postmigrantischen Gesellschaft wird hier so besonders reflektiert, dass man oft nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll.
Ganz anders nähert sich die Influencerin Rima (@rimaluuu) dem Thema: Sie verzaubert ihre Community mit Rezepten aus aller Welt und diskutiert ganz nebenbei ernsthafte gesellschaftliche Debatten. Sie reflektiert ihr eigenes Leben als Tochter von Migrant*innen, sodass man hier nicht nur etwas für die Küche, sondern auch fürs Leben lernt.
Auch die Miss-Germany-Finalistin 2025, Büsra Sayed (@busra.caramella), nutzt ihre Reichweite, um aktiv und mit viel Humor gegen die AfD und stereotype Verhaltensweisen vorzugehen – etwa indem sie Aktionscodes auf Hijabs in AfD-Farben teilt, um ganz bewusst Flagge zu zeigen.
Dies sind nur einige wenige Beispiele, die beweisen: Auch in der digitalen Welt wird lautstark gegen rechte Gewalt gekämpft.
Werde selbst aktiv: Veranstaltungen und Weiterbildungen
Auch wenn wir keine Influencer sein sollten, können wir doch alle ein Stückchen dazu beitragen, diese Welt ein wenig besser zu machen. Und dies kann schon klein beginnen. Sprecht miteinander, schweigt nicht über Ungleichheit und setzt euch für eure Mitmenschen ein. Geht auf euer muslimisches Umfeld zu, hört ihnen zu, seid für sie da und informiert euch. Dies könnt ihr beispielsweise durch Veranstaltungen oder verschiedene Infomaterialien tun. Außerdem gibt es kostenlose Online-Seminare und Programme verschiedenster Institutionen.
Hier ist eine kleine Übersicht spannender Weiterbildungsmöglichkeiten:
- Kostenlose Online-Kurse für Berater*innen
- E-Learning Kurs zum Thema Antimuslimischer Rassismus
- Bildungsmaterial gegen (Rechts-)Extremismus, Menschenfeindlichkeit und Gewalt
- ADA Fortbildungen
- KELAM Bremen Bildungsarbeit
- Verschiedene Bildungsträger in ganz Deutschland
Und hier noch ein paar Veranstaltungen und Mitmachaktionen zum Thema:
- Veranstaltungen von CLAIM in Bremen und Umgebung
- Allianz gegen Hass
- Online-Führung: Perspektiven auf antimuslimischen Rassismus
- Köfte Kosher Veranstaltungsreihe 2026
Mehr Veranstaltungen findet ihr auch in unserem Veranstaltungskalender.
Du bist nicht allein: Wichtige Anlaufstellen für Betroffene
Falls ihr selbst oder jemand aus eurem Umfeld von rechter Gewalt betroffen ist, gibt es verschiedene Wege, um sich Hilfe zu suchen. Einige Beispiele in Bremen oder online sind:
- Perspektiven nach einem rechten oder rassistischen Angriff in verschiedenen Sprachen
- Kelam Anlaufstelle
- ADA Antidiskriminierungsberatung
- ADA Empowerment-Angebote
- Verschiedene Beratungsangebote des Landes-Demokratiezentrums Bremen
- Soliport Bremen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt
- Übersicht über verschiedene Unterstützungsangebote für Betroffene und Opfer von Straftaten
Ein Zeichen setzen – jeden Tag
Der Mord an Marwa El-Sherbini erinnert uns auf schmerzliche Weise daran, wohin Hass und Ausgrenzung im schlimmsten Fall führen können. Doch dieser Gedenktag ist gleichzeitig ein klarer Auftrag an uns alle: Antimuslimischer Rassismus passiert jeden Tag – also muss auch unsere Solidarität alltäglich sein. Ob durch den Besuch einer Gedenkveranstaltung wie am Köfte Kosher Pavillon, die eigene Weiterbildung oder einfach das Einschreiten bei einem rassistischen Spruch im Alltag: Zivilcourage beginnt im Kleinen. Schauen wir hin, hören wir zu und stehen wir füreinander ein. Machen wir jeden Tag zum 1. Juli.
Kathi



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