Gisela Notz: Kritik des Familismus (schiefgelesen)

„Die familistische Ideologie unterstellt, dass alle Menschen Teil einer familialen Ordnung sein wollen.“

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Wir leben in einer familistischen Gesellschaft. Einer Gesellschaft, in der die Familie, insbesondere die Vater-Mutter-Kind-Kleinfamilie als zu lebendes Ideal gilt, als Keimzelle gesellschaftlicher Ordnung und Rettungsanker für alle.

Doch Ideal und Realität liegen häufig weit auseinander. Laut dem Mikrozensus 2011 sind 37,2 Prozent der deutschen Haushalte Singlehaushalte, was bedeutet, dass 17,1 Prozent der Menschen alleine leben (cf 194). Neben den Singles gibt es natürlich auch zusammenlebende (Ehe)Paare, die keine Kinder haben, Menschen, die ohne ihre erwachsenen Kinder leben, alleinerziehende Elternteile und verschiedenste andere Formen des Zusammenlebens wie Wohngemeinschaften.

Doch häufig haftet diesen alternativen Formen des Zusammenlebens etwas Defizitäres an. Das Singleleben wird häufig als Übergangsform angesehen in der man lebt, bevor man Teil einer Kleinfamilie wird oder nachdem man es gewesen ist. Und obwohl alleinerziehende Elternteile häufig sind, scheint ihnen doch immer etwas zum Glück zu fehlen. Auch die Populärkultur und insbesondere die Werbung suggeriert fortwährend, dass das wahre Glück im Schoß der Kleinfamilie liegt. Nicht zuletzt wird die Familie auch durch die Politik als besondere, schützenswerte Institution gefördert, an der es wenig zu rütteln gibt.

Gisela Notz legt in diesem Buch eine Geschichte der Familie bzw. des Familismus vor, angefangen beim Kaiserreich bis zur heutigen Situation. Sie stellt den Wandel in der Politik dar, das Ringen um Familiengesetzgebung in der jungen Bundesrepublik bis heute und zeigt Lebenskonzepte, die Menschen als Alternative zur Kleinfamilie entwickelt haben. Insbesondere geht sie dabei auf die Rolle der Frau ein, in deren Verantwortung im Familienverband häufig Haushaltsarbeit, Kindererziehung und eventuelle pflegerische Aufgaben fallen. Zugleich sind es oft die Frauen, die besonders darunter zu leiden haben, wenn das Projekt Kleinfamilie scheitert und sie als plötzlich unversorgter Teil der Versorgerehe zurückbleiben.  Auf fundierte Arbeit gestützt plädiert sie für ein Umdenken, für eine Anerkennung und Erleichterung von Lebensweisen, die eben nicht dem Ideal der Kleinfamilie entsprechen. Ein hoch interessantes Buch, auch für Familienmenschen.

Gisela Notz: Kritik des Familismus. Theorie und soziale Realität eines ideologischen Gemäldes. Schmetterling Verlag 2015. 225 Seiten, € 10,-.

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