Hebamme werden – der Frau folgen

Meine erste eigene Geburt habe ich tatsächlich gar nicht als diese wahrgenommen. Viel zu sehr hat mich die Frau fasziniert, die ich mit meiner Praxisanleiterin begleitete. Was heißt das überhaupt? Meine erste eigene Geburt? Ich habe ja gar nicht geboren, die Frau hat ihr Kind geboren. Für die Schule jedoch ist es meine erste eigene Geburt. Auf dem Papier ist eine der 40 Geburten, die ich vor der Zulassung zum Examen „durchgeführt“ haben muss, abgehakt.

Hebammentasche auf einer grünen Wiese

Adobe Stock (c) Simon

Es geht los

Warum mich diese Frau so faszinierte? Sie überraschte mich immer wieder neu. Beim ersten Kennenlernen wirkte sie auf mich jung und zart. Sie ist auch jung – zumindest jünger als ich. Sie hat bereits ein Kind geboren, da hat sie mir einiges voraus. Ihre früheren Erfahrungen aus der ersten Geburt spielen für den zweiten Geburtsverlauf eine große Rolle und sind nicht einfach abzutun. Bei „Übernahme“ der Frau war sie noch in der Eröffnungsphase, sprich am Anfang ihres Geburtsweges. Ihre Einleitung zeigte jedoch immer mehr Wehen und nach und nach stieg die Intensität dieser an. Ich konnte dies sehr gut beobachten: ihre Atmung änderte sich, ihr Körper wurde wärmer, der Uterus kontrahierte sich, die Abstände zwischen Wehe und Pause veränderten sich. Ihr Kind bewegte sich mit. Der Muttermund öffnete sich immer mehr und wurde weicher, die Geburt schritt voran. Wir zogen aus dem Ruheraum in den Kreißsaal um. Meine Praxisanleiterin ließ mich einfach machen. Sie ließ mich mit Frau und Kind allein. Ich solle mich melden, wenn sich was veränderte und sowohl Frau als auch Kind beobachten. Ab und zu steckte sie den Kopf in den Kreißsaal und fragte wie es aussieht. Meine Praxisanleiterin war immer da, wenn wir sie brauchten. Die Gebärende und ich hatten einen guten Draht zueinander, in den Pausen unterhielten wir uns, in den Wehen massierte ich sie. Ich versuchte die Frau von mehr Bewegung zu überzeugen, bisher lag sie viel im Bett. Bewegung unter der Geburt ist ein Schlüssel zu erleichterten Geburtsarbeit. Ein Toilettengang zwischendurch, so simpel es auch scheint, erreicht oft ganz viel. Ich schlug ihr den Vierfüßlerstand vor. Sie sah jedoch nicht den Sinn darin, eine andere Position als halbliegend zu wählen, trotzdem probierte sie es für mich aus. Es war einfach nicht ihre Position, sie fühlte sich unwohl und sie wechselte in die Seitenlage. Die Linke mochte sie auch nicht, aus der rechten Seitenlage wurde schnell wieder eine halbe Rückenlage. Dieses kurze Hin und her führte allerdings zum Blasensprung. Yeah, Ziel erreicht: Geburtsfortschritt.

Es wird dynamisch

Passenderweise kam meine Praxisanleiterin just in dem Moment als ich sie über den Blasensprung informieren wollte. Ab hier überschlugen sich für mich die Ereignisse, aus der bisherigen Ruhe wurde ein geschäftiges Treiben. Es änderte sich alles. Die bis hierher vorherrschende Ruhe im Kreißsaal bekam eine andere neue Dynamik. Für die Frau war nun ebenfalls klar, dass es Richtung Geburt geht. Die aktive Geburtsphase hatte begonnen. Sie wollte, dass wir den Raum wechseln, sie auf dem gynäkologischen Stuhl gebären kann und ein Arzt da ist, der ihr einen Dammschnitt (Epiosotomie) macht. So kannte sie es aus der letzten Geburt. Wir versicherten ihr, dass wir den Raum nicht wechseln müssten für die Geburt, denn das war ja schon der Gebärsaal, dass die Ärztin hinzukommt sobald der Kopf den Beckenboden erreicht und es gar keine Notwenigkeit für einen Schnitt gibt, denn sie macht das mit ihrem Kind zusammen sehr gut. Es verging ein wenig Zeit, die Wehen kamen und gingen, die Pausen nutzte sie gut, doch sie wurden immer länger, während die Wehen an Intensität abnahmen und kürzer wurden. Das Kind rutschte nur langsam tiefer. Wir riefen die Ärztin dazu und besprachen das weitere Vorgehen. …
Ich werde niemals ihr Gesicht vergessen, als wir schließlich die Beinhalter an das Bett montierten. Sie lächelte so breit: Jetzt war Geburt. So eine Freude, dass wir ihren Erwartungen entsprechend handelten. Eine Ärztin war da und sie konnte die Beine ablegen. Ihre Motivation und eine neue Kraft ihr Kind jetzt zu gebären war zu spüren. Alles war da, was sie brauchte. Das Kind kam tiefer, der Kopf schnitt auf dem Beckenboden ein, Wehe für Wehe schob es sich weiter vor. Sie spürte das Brennen des Kopfes. Ihr war so heiß und sie nahm kurzer Hand die Flasche Wasser, kippte sie über ihre Vulva. Sie fühlte den Kopf ihres Kindes, trank erneut Wasser und leerte den Rest der Flasche über Kind und Vulva. Ich war begeistert und fasziniert. Mir fallen keine anderen Worte dafür ein.
Meine Praxisanleiterin leitete mich währenddessen an und ich bereitete mich mental auf die Geburt vor. Meine Hände steckten in sterilen Handschuhen nahe am Kopf des Kindes und verharrten dort. Die Ärztin beobachtete die Herzfrequenz des Kinds im Cardio-Toko-Gramm, eine zweite saß mittlerweile am Kopf der Frau und redete ihr zu. Die Gebärende fragte nach dem Epi-Schnitt. Meine Kollegin zeigte ihr die griffbereite Schere, das beruhigte sie.

Stehendes Glas mit herausspritzendem Wasser

(c)Adobe Stock, noon@photo

Es ist soweit

Eine Wehe später war der Kopf fast da, meine Hände schützen den Damm. Viel musste ich nicht tun, denn Frau und Kind bestimmten das Tempo der Geburt selbst. Pause. Die Schultern stellten sich jedoch nicht so gut von allein ein und die Nabelschnur lag einmal um den Hals. In mir bildetet sich die Frage: „Was jetzt?“ Meine Praxisanleiterin vergewisserte sich, dass die Schultern schon geboren waren und zusammen halfen wir dem kindlichen Körper aus der Enge des Geburtsweges.
… Mutter und Kind sind wohl auf, kuscheln Haut an Haut, mit einer Hand hält die Frau eine neue Wasserflasche am Hals und ist von der schweren Arbeit erschöpft. Die Plazenta war vollständig geboren, wir bereiten alles fürs Abnabeln vor (Ja richtig, nach der Plazentageburt!) und fragen die Frau, wie der kleine Mann heißen soll. Sie nennt uns einen Mädchennamen. Okay. Aber ist sie da sicher? Wir fragen, ob wir das richtig verstanden haben, denn Penis und Hodensack sind recht eindeutig zu erkennen. Ihre Augen werden groß. Sie hebt das Handtuch an und vergewissert sich selbst. Eigentlich hatte sie ein Mädchen erwartet, wer hätte das gedacht. Ich musste schmunzeln, diese Geburt war wirklich außergewöhnlich, nicht nur, weil es die erste für meine Schuldokumentation war.

Fazit: Der Frau folgen!

Manche fänden diese Frau, die sich so vermeintlich unkonventionell verhält und unerwartete Dinge tut, vielleicht irritierend. Für mich ist diese Frau eine, die immer wieder einen neuen Weg fand, ihre Geburt selbst zu gestalten, sie nicht an uns als Personal abgab. Zwischendurch sah es so aus, als müssten wir doch mehr eingreifen. Wir haben sie begleitet, Impulse gegeben und unterstützt, wo wir und wie wir konnten. Wir haben sie nicht entbunden, sie hat geboren.
Die Worte „Folge der Frau“ begleiten mich seit April 2020 als Joanna Simm ein Radiointerview bei Bremen Zwei gab. Es ist eben doch nicht meine Geburt. Sie „gehört“ der Frau, der werdenden Mutter, und ihrem Kind. Ich bin Teil des Geschehens und ich bin es nicht alleine, denn auch meine Praxisanleiterin und die Ärztinnen waren Teil der Geburtsbegleitung. Wir geben unser Bestes, die Frau so zu begleiten, wie sie es braucht. Wir waren Teil dieses so persönlichen, privaten und einzigartigen Moments im Leben zweier Menschen. Ich bin so dankbar, solch überwältigende großartige Ereignisse erleben zu dürfen. Es ist ein Privileg. Danke.

Lea Finster

Das Radiointerview von Joanna findet ihr unter: https://www.ardaudiothek.de/gespraechszeit/wir-sind-den-frauen-so-nah-hebamme-joanna-simm/82635932, letzter Aufruf: 23.12.2020.

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