Hört nicht auf mit der Familie zu diskutieren

Ein Erfahrungsbericht zu Diskussionen über politische Grenzen und was ich daraus gelernt habe.

Samstagabend auf der Couch, die Familie sitzt zusammen. Wir tauschen Urlaubserlebnisse aus und kommen auf das Thema Reisende aus anderen Ländern und ihre Gepflogenheiten zu sprechen. Dabei fällt mit einer Selbstverständlichkeit ein diskriminierender Begriff, was mich etwas sprachlos macht. Da das Ganze auch noch als Witz gemeint war, über den ich lachen soll, machte die Situation noch unangenehmer. Für einen Bruchteil einer Sekunde überlege ich das einfach zu übergehen. Ich weiß ja, dass meine Familie weltoffen ist und eigentlich wissen sollte was Rassismus ist, oder? Mir kommt ein Artikel in den Sinn, in dem es darum geht wie wichtig es ist, als privilegierte weiße Person in Situationen in denen sie Diskriminierung und Rassismus erkennen, zu reagieren und es nicht einfach nur zu ignorieren und auszusitzen. Also lasse ich den folgenschweren Satz verlauten „Das war rassistisch.“

Illustration im Comicstil einer Person mit verschränkten Armen mit wütendem Gesichtsausdruck. In einer Sprechblase steht der Satz "Mama? Papa? Das war rassistisch!"

(c) Carl Berger

Ich war wirklich froh, dass ich es gesagt habe, weil es der Wahrheit entsprach und trotzdem fühlte ich mich schlecht dabei. Tue ich unrecht, so etwas zu sagen? War es nur ein Versehen und ich bin zu hart mit meiner Meinung? Die kurze Sprachlosigkeit nach meinem Satz hat das nicht besser gemacht, das Vakuum gab dem Ganzen noch viel mehr an Ernsthaftigkeit.

Die Büchse der Pandora

Habt ihr in jungen Jahren schon einmal eure Familie im politischen Sinne kritisiert? Und zwar zu recht? Das ist wie als würde man die Büchse der Pandora öffnen und gleichzeitig ins Kindergartenalter zurückgebeamt werden. Du wirst in die Kinderrolle reingedrängt und das, was du sagst, als nicht wichtig abgetan. Deine Argumentationsreihe kann noch so logisch und ausgeklügelt sein, die Hälfte davon kommt nicht an. Da ist das mehr an Lebenserfahrung auf einmal eine Lizenz für „ich habe Recht, und zwar immer. Keine Widerrede.“

Es hat mich einiges an Energie gekostet, meinen Standpunkt klarzumachen, und ich habe zum Glück Rückendeckung bekommen, was mich extrem gestärkt hat in meiner Ansicht, dass ich das Richtige mache. Im Nachhinein sind mir viele Gedanken durch den Kopf gegangen und ich habe mich gefragt, was gewesen wäre, wenn ich nichts gesagt hätte, sondern für den Familienfrieden die Klappe gehalten hätte.

Demonstrationsschild auf dem Kein Feminismus ohne Antirassismus steht

(c) Katja Hoffmann

Raus aus der Filterblase

Ähnliches habe ich auch schon erlebt, wenn es um feministische Themen ging, bei denen ich mehr informiert bin als alle anderen in meiner Familie. Ich habe mich an vielen Thesen abgearbeitet und fühlte mich oft allein – gegen alle. Und trotzdem hat es sich immer gelohnt, für das einzustehen, was ich denke, und ich konnte so eine Sichtbarkeit für Probleme schaffen, die vorher nicht da war. Wenn ich es nicht sage, wer macht es dann? Unsere Freund*innen suchen wir uns aus und meist lebt man gemeinsam in einer, wie man heute so schön sagt, Filterblase. Doch die Familie ist einfach da und wir können sie uns nicht aussuchen. Es ist oft ein Zusammenschluss von verschiedenen Menschen und Charakteren, die oftmals sehr unterschiedliche Leben führen.

Daher ist es auch so unheimlich wichtig, kritische Themen anzusprechen, zu diskutieren und sich auszutauschen, nachzuvollziehen was andere denken und sie bewegt. Wenn du solche Themen nicht in der Familie ansprichst, wie sollst du dich dann trauen, an der Haltestelle etwas zu sagen, deine Stimme gegen Diskriminierung zu erheben? Ich weiß, dass es sehr schwer sein kann, da man einem nahe stehende Menschen nicht verletzen will. Und doch musst du dich vor dir selbst verantworten können, wenn sich giftiges Gedankengut in deiner Familie ungehindert verbreitet. Sonst bleibt jede*r am Ende in seiner eigenen Blase und wir entfernen uns nicht nur in der Familie, sondern auch als Gesellschaft voneinander.

M.

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