Am 15. und 16. November gastiert die Berliner Choreografin und Regisseurin Olivia Hyunsin Kim mit ihrem Kollektiv ddanddarakim und der Performance »Baby, I’m Sick tonight« in der Schwankhalle. Die Tanz-Performance nutzt Format der Stand Up-Comedy für einen kritischen Blick auf den gesellschaftlichen Umgang mit chronisch kranken FLINTA*-Personen. Dabei verweben die Künstler*innen historische Perspektiven wie die Kulturgeschichte der Hysterie mit aktuellen Fragestellungen um Intersektionalität, Körperbilder und die Vereinnahmung kranker Körper durch kapitalismuskritische Diskurse.
Wir haben uns mit der Regisseurin Olivia Hyunsin Kim zum Stück unterhalten.

Olivia Hyunsin Kim-ddanddarakim Baby, I’m sick tonight©Mayra Wallraff
In »Baby, I’m sick tonight« spielt Deine eigene Perspektive als queere Woman of Color mit chronischer Erkrankung eine zentrale Rolle. Aber auch die Lebensrealitäten vieler anderer chronisch erkrankter FLINTA* fließen in das Stück ein. Wessen Stimmen und Erfahrungen sind in der Arbeit vertreten? Und wie werden sie auf der Bühne zum Ausdruck gebracht?
Einige Personen in unserem Team sind chronisch krank. Darüber hinaus haben wir in unserer Vor-Recherche nach chronisch kranken Menschen aus der Geschichte gesucht. Diese Positionen sind zwar nicht explizit benannt, aber fiktiv in das Stück eingeflossen. Zum Beispiel die Schwarzen Sklavinnen Anarcha, Betsy und Lucy, durch die der Arzt J. Marion Sims, der auch der „Vater der westlichen Gynäkologie“ genannt wird, seine chirurgischen Fähigkeiten „verfeinern“ konnte. Oder Blanche Wittman, eine berühmte Patientin des französischen Neurologen Jean-Martin Charcot, die vor den Intellektuellen und Künstlern in Paris Hysterie performt hat. Oder auch Personen, deren Namen wir gar nicht kennen, wie zum Beispiel die Koreaner*innen, an denen die japanische Kolonialmacht medizinische Experimente durchgeführt hat. Außerdem widmen wir uns lokalen Aspekten wie der Euthanasie an der tauben Community in Deutschland während des Nationalsozialismus. All diese Geschichten werden in »Baby, I’m Sick tonight« in einer Choreografie verwoben.
Besonders wichtig ist uns in diesem Zusammenhang das Thema Intersektionalität. Es gab in den letzten Jahren einige Stücke über Behinderung und Kunst, sowie Stücke von behinderten Künstler*innen. Sie sind aber fast alle von weißen Menschen. Es ist eine andere Geschichte für Menschen of Color, die krank sind.
Außerdem war es uns wichtig, den Begriff der Hysterie neu zu besetzen. Was, wenn Hysterie nicht nur ein Zustand, sondern ein Protest kranker Menschen war, weil sie den Status Quo, das Patriarchat, nicht mehr aushalten wollten?
Auch im Gesundheitssystem gilt: It’s a man’s world. Der cis-männliche, weiße, nicht-behinderte Körper ist historisch als medizinische Norm definiert. Noch heute gibt es keine Gleichberechtigung im Gesundheitssystem. Wie verändert sich der medizinische Umgang mit einem Körper, wenn er als „weiblich“, „of Color“ oder „behindert“ gelesen wird?
Es fängt schon mit der medizinischen Versorgung an. Symptome werden kleingeredet und es dauert oft sehr lange, bis eine Diagnose gestellt wird. Bei mir selbst hat es 18 Jahre gedauert. In Deutschland wurde mir in meiner Kindheit gesagt, ich solle mehr essen und weniger Sport treiben. Oder auch, dass ich als “zierliche” Asiatin “zu sensibel” sei oder nur Aufmerksamkeit haben wolle. Aufgrund dieser Erfahrungen habe ich selbst daran gezweifelt, ob ich “wirklich krank” bin. Und das obwohl ich teilweise vor Schmerz ohnmächtig wurde und wegen immensem Blutverlust einen chronischen Eisenmangel hatte. Ich wurde als hysterisch angesehen und trotz meiner offensichtlichen körperlichen Symptome wurde mir gesagt, dass ich mir alles nur einbilde.
Es hat lange gedauert bis ich sagen konnte: Ja, ich bin chronisch krank. Ja, ich habe eine Behinderung. Und nein, ich muss mir nicht jeden Quatsch anhören, wie zum Beispiel, dass ich nur schwanger werden müsse und dann würde schon alles gut werden.
Es ist einfach höchste Zeit, dass das Gesundheitssystem und die Gesellschaft nicht mehr den weißen endo cis-Mann als Norm begreift, sondern Forschung für diverse Körper betreibt. Krankheiten wie Endometriose, die traditionell als „weiblich“ angesehen werden (tatsächlich gibt es einzelne Fälle von cis-Männern, die auch Endometriose haben), sind beim Forschungs- und Versorgungsstand in den 1920er Jahren steckengeblieben. Endometriose ist eine der am wenigsten erforschten chronischen Erkrankungen. Die Wenigsten wissen, dass sich nicht um eine gynäkologische Erkrankung handelt, da es sogar Herde im Gehirn oder auch im Auge geben kann. Dabei können tödliche Komplikationen entstehen. Und dennoch gibt es historisch gesehen viel mehr Forschungen zu Erektionsstörungen als zu Endometriose. Ich finde das sagt einiges aus.
In unserer Gesellschaft chronisch erkrankt zu sein ist absolut nicht lustig. Warum ist Humor für Dich trotzdem ein produktiver künstlerischer Zugang zu den Themen Schmerz und Krankheit?
Humor gibt mir einen guten Zugang, um an schwere Themen heranzugehen, ist aber auch ein gutes Mittel, um den gesellschaftlichen Status Quo zu kommentieren.
Tatsächlich ist eine humorvolle Herangehensweise auch eine Taktik für mich, um einen selbstermächtigenden Umgang mit Schmerzen und Krankheit zu finden. Und vor allem auch den Diskriminierungen, die ich als queere, kranke Person of Color erfahre. Ich finde Humor öffnet auch immer wieder Wege für das Publikum, über diese Themen zu reflektieren, während es lacht. Humor spielt in unseren Stücken einfach eine extrem wichtige Rolle!
Das Stück wird in der Schwankhalle als »Relaxed Performance« stattfinden. Was verbirgt sich dahinter und warum habt ihr dieses Format gewählt?
Bei den Vorstellungen von »Baby, I’m Sick Tonight« kann das Publikum den Saal jederzeit verlassen und wieder betreten, deshalb bleibt auch immer etwas Licht auf der Tribühne an. Draußen gibt es einen Ort, wo man sich zurückziehen kann. Außerdem ist es erlaubt, während der Vorstellung Geräusche zu machen und auf das Erlebte zu reagieren.
Wir haben das Format der Relaxed Performance bewusst gewählt, da es etwas mit Zugängen zu tun hat. Die Regeln, an die sich das Publikum im Theater halten soll, sind oft in Stein gemeißelt. Aber wer hat diese Regeln eigentlich gemacht und für wen sind sie? Als diverses Team mit Teammitglieder*innen im neurodivergenten Spektrum und mit Behinderungen finden wir, dass es möglich sein muss, im Theater zu sein ohne von anderen Menschen kritisiert zu werden.
Alle Infos zum Stück in der Schwankhalle
Sa 15.11. 20:00
So 16.11. 18:00
In der Schwankhalle
Beide Vorstellungen als Relaxed Performance mit Audiodeskription und Tastführung, DGS-Dolmetschung und Übertiteln.
Am Sa 15.11. anschließend Publikumsgespräch mit DGS-Verdolmetschung
Alle Infos & Tickets unter:
https://www.schwankhalle.de/de/veranstaltungen/baby-i-m-sick-tonight
Solidarisches Preissystem:
8 € / 12 € / 18 € (frei wählbar)
Bremen Pass 3 €
Kultursemesterticket 0 €
Redaktion frauenseiten



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