Mit ZusammenKommen hat Heike Kleen ein kurzweiliges Buch geschrieben, das die Themen Feminismus und Sex verbindet und dadurch beides noch interessanter macht. In ihrem kolumnenartigen Stil nimmt sie uns Leser*innen mit in einen Swingerclub, auf eine women-only Sexparty und in die Wechseljahre. Dabei hat sie zu allen Themen top recherchiert, liefert Hintergrundinfos und spricht mit Expert*innen.

Die Autorin begegnet einer großen Palette an Themen rund um Sexualität unerschrocken, teilweise im Selbstversuch, aber trotzdem mit einer gewissen Distanz. Obwohl die weibliche Scham etwas ist, was Heike Kleen durchaus kritisch in Frage stellt, ist genau diese Scham beim Lesen hin und wieder spürbar. Die Kapitel sind eher lose aneinandergereiht und werden durch kleinere Bezüge, wie den Verweis auf den Besuch eines Swingerclubs verbunden. Deswegen ist es etwas enttäuschend, dass gerade die Erfahrungsberichte unvollendet bleiben. Die liebevollen anekdotischen Erwähnungen ihrer Teenager-Kinder und ihres gelassenen Ehemanns sind hingegen ausgesprochen zärtlich und persönlich.
Wenn sich Heike Kleen zwischen Humor und Tiefe entscheiden muss, würde sie wohl meistens der guten Unterhaltung den Vorzug geben und eine sex-positive Grundeinstellung vertreten, ohne der körperliche Liebe an sich eine überhöhte Bedeutung beizumessen.
Dennoch sind einige große Linien erkennbar. „Wenn wir die weibliche Sexualität verstehen wollen, müssen wir nicht die Stellung der Frau im Bett analysieren, sondern ihre Stellung in Gesellschaft und Partnerschaft“, schreibt Heike Kleen. Je emanzipierter Frauen sind, je mehr sie über ihren Körper bestimmen können, je weniger sie auf einen männlichen Partner angewiesen sind, desto häufiger haben sie Orgasmen. Dieser feministische Blick auf heterosexuellen Sex ist unbedingt notwendig, denn was zwischen zwei (oder mehr) Menschen beim Sex passiert, ist niemals losgelöst vom Kontext unserer Lebensbedingungen. Heike Kleen beschäftigt sich mit Unterwerfungsfantasien von Frauen.
Sie führt auch diese auf patriarchale Strukturen zurück. Ein „Dominus“, den sie zu Recherchezwecken besucht, erzählt, dass Frauen, die ihn buchen zum Teil sogar erlebte sexuelle Übergriffe nachspielen wollten, mit dem entscheidenden Unterschied, diesmal selbst die Kontrolle über den Verlauf zu haben. Ob es sich hierbei um eine euphemistische Darstellung des Doms handelt, ist schwer zu beurteilen. Entscheidend bleibt die Feststellung, dass im einvernehmlichen BDSM-Sex das letzte Wort bei der (oder dem) Sub bleibt. Alles andere wäre Vergewaltigung. Heike Kleen stellt heraus, dass es einerseits Raum geben sollte für das Ausleben jeglicher Fantasien und dass es ihr Wunsch wäre, würden diese Fantasien nicht aus patriarchalen Prägungen entstehen.
„Eine Frau, die von einer Vergewaltigungsphantasie erregt wird, möchte noch lange nicht vergewaltigt werden“, sie übernehme vielmehr die Kontrolle im geschützten Raum.

Mit dem Unterschied zwischen einer BDSM-Fantasie und deren Umsetzung habe ich mich hier auch beschäftigt .
Die Autorin greift ein weiteres Thema auf, dem ich unbedingt noch eine eigene Kolumne widmen möchte: Die Orgasmus-Lücke und ihre größten Feinde: Womanizer/Satisfyer und Magic Wand. Laut Heike Kleens Buch kommen 65 Prozent der Frauen beim heterosexuellen Sex zum Orgasmus. Ich gehöre leider zu den 35 Prozent, für die ein Mann allein nicht ausreicht. Obwohl mir Sex schon im Teenager-Alter Spaß gemacht hat und ich in den frühen 2000ern recht früh damit dran war, meinen ersten Vibrator im Internet zu bestellen, war es doch ein Mann, der mit der Anschaffung des Magic Wands meine erlebte Sexualität revolutionierte. Der Mann ist inzwischen Geschichte, der Magic Wand weiterhin treuer Begleiter, wenn auch in x-ter Ausführung, denn die Geräte werden bei intensiver Benutzung so heiß, dass Kunststoff schmilzt und über die Zeit ohrenbetäubender Lärm entsteht. Heike Kleen feiert eher den Womanizer, zumindest in seiner Effizienz, weniger in der Intensität der Orgasmen. Zudem empfiehlt sie die Kombination aus Mann und Gerät, sodass sich Intimität, Körperlichkeit und der weibliche Höhepunkt vereinen könnte. Meiner anekdotischen Evidenz nach finden das auch die meisten Männer prima.
Gerade für Männer könnte Sex so viel entspannter und schöner sein, wenn sie sich von internalisierten Rollenbildern lösen könnten. Leider ist es das Schicksal feministischer Literatur, dass sie nicht unbedingt von denen gelesen wird, die davon am meisten profitieren könnten. Wenn Männer aktiver die Transformation von Geschlechterrollen angehen würde, könnten sie selbst individuelle Bedürfnisse leben und würden mit der Überwindung des Patriachats auch alle anderen entlasten. So appelliert auch Heike Kleen immer wieder dafür, die LGBTQIA+-Gemeinschaft zum Vorbild zu nehmen, um die Vielfalt im eignen Begehren zuzulassen und zu lernen, darüber zu kommunizieren.
Am Ende bleibt die Botschaft des Buchs positiv: Gleichberechtigung im Bett ist möglich. Sie darf und soll ausprobiert werden.
Rosa K. Autorin der Reihe Feministisch Männer lieben


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