Am 28. September ist der internationale Safe Abortion Day. Wir haben uns mit Lena und Franka von Pro Choice Bremen zum Interview getroffen, um über die aktuelle gesellschaftliche und politische Situation von Schwangerschaftsabbrüchen zu sprechen.
Safe Abortion Day und Paragraph 218
Den Safe Abortion Day gibt es bereits seit 1990 und stammt ursprünglich aus der Karibik und Lateinamerika. Unter dem Namen Campãna 28 Septiembre fand die Kampagne damals ihren Ursprung. 2011 wurde der 28. September erstmals vom Women’s Global Network for Reproductive Rights (WGNRR) offiziell zum Safe Abortion Day erklärt. Das Thema ist bis heute aktuell und von öffentlichen Interesse.
Trotz aufsteigender Hoffnung unter der Ampelregierung letzten Jahres zur Abschaffung des Paragraphen 218 ist nach der Vertrauensfrage und der Neuwahl der Bundesregierung mit der CDU und der SPD unter Bundeskanzler Friedrich Merz eine Veränderung um die gesetzliche Herangehensweise des Schwangerschaftsabbruches unverändert und blockiert geblieben. Der Paragraph 218 ist seit 1871 Teil des Strafgesetzbuches (StGB) und genau das soll sich ändern, fordern Organisationen und Politiker*innen der Linken, der SPD und des Bündnis 90/Die Grünen. Aber was sagt der Paragraph 218 eigentlich genau aus?
Der Eintrag des Strafgesetzbuches befasst sich mit der eingeschränkten Legalität eines Schwangerschaftsabbruches. So sind Abtreibungen in Deutschland rechtswidrig und erst unter bestimmten Voraussetzungen straffrei, beispielsweise wenn eine medizinische Notwendigkeit vorliegt. Sollte einer dieser Faktoren der Fall sein, kann auch nach der 12. Schwangerschaftswoche noch einen Abbruch eingeleitet werden. Mit der Abschaffung des Paragraphen 219a, der das Werbe- und Aufklärungsverbot von Ärzt*innen zum Thema Schwangerschaftsabbrüche festlegte, hatte die Ampelregierung den ersten Schritt Richtung Legalisierung bereits gemacht. Weitere Maßnahmen, um Straffreiheit von Abtreibungen zu erreichen, haben SPD, FDP und das Bündnis 90/Die Grünen nicht durchgesetzt. Auch wenn die Abschaffung des Paragraphen 218 im Koalitionsvertrag stand, gelang es der damaligen Regierung nicht, sich auf einen genauen Konsens der Umsetzung zu einigen.
Pro Choice Bremen

Auch wir wollen über die Thematik der Abtreibung sprechen und auf eine Gruppe in Bremen aufmerksam machen. Pro Choice Bremen ist eine politische Gruppe, die sich im März diesen Jahres gegründet hat. Auf ihrer Internetseite beschreiben sie sich selbst als FLINTA*-Gruppe, die mit dem Selbstverständnis der reproduktiven Gerechtigkeit ihren Fokus auf das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche legt. Bei reproduktiver Gerechtigkeit handelt es sich um ein aus den USA stammendes Konzept von 1994, welches vor allem von Women of Colour geprägt wurde. Pro Choice beschreibt die wesentlichen Grundsätze der reproduktiven Gerechtigkeit so:
1. Das Recht, Kinder zu bekommen und die Umstände der Geburt selbst zu bestimmen.
2. Das Recht, keine Kinder zu bekommen und sicheren Zugang zu Verhütung und Abtreibungen zu erhalten.
3. Das Recht, Kinder unter guten Bedingungen und ohne Gewalt aufzuziehen und die Umstände der Elternschaft selbst zu bestimmen.
Interview mit Lena und Franka von Pro Choice Bremen
Angesichts des bevorstehenden Safe Abortion Days, haben wir uns mit Lena und Franka von Pro Choice Bremen zum Interview getroffen. Die beiden berichten über ihre Ziele und Wünsche, insbesondere mit Blick auf die Zukunft des Paragraphen 218 und der reproduktiven Gerechtigkeit. Zudem stellen sie uns das Projekt Abortion Buddies vor und berichten von ihren Erfahrungen mit Hass im Kontext der Ermächtigung zum selbst gewählten Schwangerschaftsabbruch.
Vorstellung
Lena und Franka sind beide bereits seit zehn Jahren politisch aktiv. Zuerst standen andere Themen im Vordergrund, bis ihre Schwerpunkte immer feministischer wurden und sie sich schließlich auf reproduktive Gerechtigkeit festlegten. Ihnen geht es bei Pro Choice nicht nur um den Paragraphen 218, Abtreibung und reproduktive Gerechtigkeit. Sie wollen sich auch für gebärende Personen einsetzen, sie unterstützen und mögliche Beratungsgespräche einleiten.
Das kanadische Modell
Auf die Frage, was sie sich für die Zukunft in Bezug auf Abtreibungen wünschen würden, sprechen beide von einer Utopie. In dieser Utopie würde Deutschland eine Regelung haben, wie es sie bereits in Kanada gibt. Dabei geht es um Schwangerschaftsabbrüche als reguläre Gesundheitsleistungen, die ohne ablaufende Fristen von Krankenkassen übernommen werden. Vorerst erhoffen sie sich für Deutschland, dass der Paragraph 218 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen wird und Abbrüche auf diesem Wege zur regulären Kassenleistung werden würden. An eine jetzige politische Mehrheit zu dieser neuen Ordnung glauben sie jedoch nicht.
„Es kostet ja kein Geld, ein Gesetz einfach zu streichen“
(Lena von Pro Choice Bremen)
Durch die Kostenübernahme von Krankenkassen, könnten alle Krankenhäuser und mehr Ärzt*innen und Gynäkolog*innen Abtreibungen durchführen. Die Entfernung aus dem StGB würde dabei ein starkes Signal senden, sogar Geschichte schreiben und genau dafür kämpfen Organisationen wie Pro Choice Bremen.
„Wie kann man für Leben sein, wenn man Menschen nicht wie Menschen behandelt? Wenn man transfeindlich ist? Wenn man rassistisch ist? Wenn man queerfeindlich ist? Wo ist man da für Leben?“
(Franka von Pro Choice)
Abortion Buddy
Abortion Buddies sind eine von den Doctors for Choice Germany 2024 ins Leben gerufenen Initiative. Bei den Abortion Buddies geht es um Begleitpersonen, die Menschen, die eine Abtreibung durchführen lassen, auf ihrem Weg begleiten. Insbesondere dann, wenn diese Personen nicht die Möglichkeit haben, sich im eigenen Umfeld Unterstützung zu holen. Sie begleiten eine*n zu Beratungsgesprächen, zu medizinischen Behandlungen, bieten solidarische Unterstützung an und stellen zu Hause weiterhin eine Versorgung bereit, sofern erwünscht. Dabei sollen Abortion Buddies keine Beratung ersetzen, sie sollen viel mehr emotionale und solidarische Unterstützung bieten. Die Gewissheit, eine Person bei sich zu haben, die Verständnis für die eigene Situation hat, soll dabei die allgemeine Angst vor Beratungsgesprächen schmälern und das Gefühl nehmen, alleine zu sein.
Auch Pro Choice Bremen hat die Initiative der Abortion Buddies übernommen. Freiwillige müssen, um als Abortion Buddies helfen zu können, einen zwei- bis drei- stündigen Workshop besuchen. Der nächste findet am 9. Oktober 2025 statt. Wer Interesse hat, kann sich über Instagram melden. Der Workshop soll dazu dienen, ein allgemeines Verständnis für die Thematik und die aktuelle Gesetzeslage aufzubauen. Viele Personen, die freiwillig als Abortion Buddies arbeiten, gibt es bereits. Die Nachfrage ist jedoch noch relativ gering. Durch die Zusammenarbeit mit Beratungsstellen wie Pro Familia wollen sie verstärkt auf ihre Initiative aufmerksam machen.
Auch Cis-Männer können sich bei Abortion Buddies einbringen. Lena und Franka bemängeln dabei, dass sich Cis-Männer leider viel zu wenig mit dem Diskurs der Abtreibung auseinandersetzen, obwohl sie ebenso involviert sind. Wem die Verantwortung als Abortion Buddy dabei zu groß ist, kann auch Spendengelder sammeln oder bei der Organisation unterstützen. Hilfe ist immer gerne gesehen.
Hass und Gegenbewegungen
Auf Social Media haben Lena und Franka bis jetzt wenig Hass erfahren. Bei offenen Kundgebungen und Demonstrationen gibt es jedoch immer wieder Kommentare von Passant*innen. „Wir beten für euch“ wird ihnen zugerufen und Schilder schwanken vor ihnen mit Aufschriften wie „Ihr fahrt in die Hölle“.
Am 20. September war dieses Jahr wieder der Marsch für das Leben in Berlin, der vom Bundesverband Lebensrecht organisiert wird. Pro Life, oder wie Lena sie nennt, die Anti Choice Bewegung, ist damit die Gegenbewegung zu Pro Choice. Beim Marsch für das Leben treffen sich religiöse Gemeinden und Personen aus ganz Deutschland, um gegen das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche zu demonstrieren.
Besonders solche Gegenbewegungen machen den Unterstützer*innen bei Pro Choice deutlich, wofür sie kämpfen und dass sie noch lange nicht aufgeben werden. Ihnen ist besonders wichtig, das Tabu über die Thematik zu brechen und zu motivieren, über Schwangerschaftsabbrüche zu reden, um Betroffene nicht zu stigmatisieren, sondern vielmehr Solidarität aufzubauen.
„Immer weiter machen, immer lauter sein und für die Leute im Umfeld da sein.“
(Franka von ProChoice Bremen)
Auch wenn sie nach wie vor die Beanspruchung und Ausweitung der Abortion Buddies unterstützen wollen, steht für sie weiterhin im Mittelpunkt, dass Initiativen wie die Abortion Buddies keine dauerhafte Lösung sind. Sie wollen durch eine Gesetzesänderung die Aufhebung der Stigmatisierung und des Tabus um das Thema Abtreibung langfristig erzielen, damit sich Betroffene nicht hilflos und alleine fühlen.
Unterstützung
Lena und Franka sprechen auch mit uns über die weitere finanzielle Unterstützung, die sie gerne in Zukunft bereitstellen würden. Ein Fonds aus Spenden soll helfen, jeder Person eine Abtreibung zu ermöglichen. Denn eine Abtreibung kann 300 bis 700 Euro kosten. Da oft nur ein kleines Zeitfenster (bis zur 12. Schwangerschaftswoche) besteht, um die Abtreibung durchzuführen, haben nicht alle die Möglichkeit, die entsprechende Summe rechtzeitig aufzubringen. Erst bei einem Nettoeinkommen von unter 1400 Euro, wird der Eingriff von der Krankenkasse übernommen.
Das Bundesportal schreibt auf seiner Internetseite, dass eine Abtreibung nur von der Krankenkasse übernommen wird, wenn ein Abbruch aus ärztlicher Sicht notwendig ist, um das Leben der gebärenden Person zu sichern. Ebenso übernimmt die Krankenkasse die Kosten, wenn die Schwangerschaft durch eine Straftat entstanden ist, also durch eine Vergewaltigung oder wenn die betroffene Person zum Zeitpunkt unter 14 Jahre alt ist.
Safe Abortion Rallye
Zum Safe Abortion Day am 28. September hat Pro Choice Bremen dieses Jahr eine Rad-Rallye zur Geschichte und Gegenwart des Schwangerschaftsabbruches und seiner Kriminalisierung organisiert. Der Treffpunkt ist ab 15:30 Uhr an der Kreuzstraße Ecke Sielpfad.

Für weitere Infos guckt gerne auf der Instagram-Seite von Pro Choice Bremen und meldet euch an, um an der Safe Abortion Rallye mitzumachen.
Kathrin M. und Lana C.



Schreibe einen Kommentar