Krise in Radlerhosen – Juli Zehs „Neujahr“ (schiefgelesen)

Am Neujahrsmorgen quält Henning sich einen Steilanstieg auf Lanzarote hinauf. Das Fahrrad ist geliehen und schlecht geeignet, an Wasser hat er nicht gedacht und untrainiert ist er auch noch. Aber aufgeben will er auf gar keinen Fall. Überhaupt wollte er ja wieder mehr Fahrrad fahren, aber zu Hause kommt man ja nicht dazu. Der Job, die Frau, die Kinder. Henning und seine Frau haben beschlossen, die Kinder wirklich gleichberechtigt großzuziehen. Beide arbeiten Teilzeit, beide noch ein bisschen im Home Office. Sie erfolgreicher als er. Verzweifelt ist Henning bemüht, diese Verdienst-Diskrepanz über Leistung in Haushalt und Vatersein wett zu machen.

„Ein Mann, der stark ist, verantwortungsbewusst und liebevoll zu seiner Familie, trotzdem innerlich unabhängig und immer ganz bei sich selbst.“

Das alles stresst ihn so sehr, dass er seit einiger Zeit unter Panik-Attacken leidet. Tagsüber kann er das ganz gut überspielen, aber nachts leidet er Todesängste, wenn sein Herz sich verkrampft und er kaum mehr atmen kann. Der gemeinsame Urlaub auf den Kanaren sollte auch eine Flucht davor sein.

Juli Zeh Neujahr

(c) Marion Rave

Henning arbeitet als Lektor in einem Sachbuch-Verlag, dessen Verleger Mitarbeiter nicht ernst nehmen kann, die Elternzeit nehmen. Er selbst zweifelt stark an der Qualität seiner Arbeit. Vor einiger Zeit hat er ein Sachbuch eines erfolgreichen Autors betreut, in dem dieser darlegt, dass Kinder von den Entscheidungen ihrer Eltern für das gesamte Leben geformt werden. Diese Verantwortung lastet nun bleischwer auf seinen Schultern, auch wenn er sich nicht einmal sicher ist, ob er dem Autor glauben soll. Auch ein Buch über Erinnerungen und wie leicht man sie fälschen kann, hat ihn nachhaltig beeindruckt. Über all das denkt er nach, während er kaum in Schrittgeschwindigkeit den Berg nach oben tritt, immer im Takt von „Erster Erster“, dem Datum des ersten Tages im Jahr. Oben angekommen erwartet ihn viel mehr als die stolze Leistung, einen steilen Berg bezwungen zu haben.

Neujahr ist ein recht kurzer Roman. Nur rund 200 Seiten hat die Geschichte Gelegenheit, sich auszubreiten. Die eigentliche Handlung ist dann auch recht knapp. Henning fährt einen Berg hoch, kommt oben an, fährt wieder herunter, das ist es im Kern schon. Wie auch schon in Nullzeit fand ich aber beeindruckend, wie es Juli Zeh gelingt, die körperliche Beklemmung einer Situation in Worte zu fassen. Man leidet wirklich sehr mit Henning, während er sich an diesem Berg abstrampelt, nicht aufgeben will, aber dem Wind kaum mehr etwas entgegensetzen kann. Man spürt die ungläubige Verzweiflung und das Reißen in den Oberschenkeln, das Brennen in der Lunge. Auch die Geschichten, die Henning nur erinnert, während er auf dem Fahrrad sitzt, werden beeindruckend geschildert. Große Überraschungen hält der Roman nicht bereit, allerdings einige gut eingebundene und glaubhafte Wendungen. Alles in allem ist Neujahr ein knapper, überzeugender und sehr lesbarer Roman.

Juli Zeh: Neujahr. Luchterhand eBook, 121 Seiten. Originalausgabe Luchterhand 2018.

Das Zitat stammt von S. 9.

Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar, das mir zur Verfügung gestellt wurde.

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