Es ist Donnerstagnachmittag und die ersten goldgefärbten Blätter fallen auf den Gehweg, als wir uns auf den Weg in die Neustadt zur Kornstraße machen. Seit dem 18. Oktober ist hier die Hausnummer 155 von der Aktivist*innen Gruppe „Leerstand Gestalten“ besetzt. An der Fassade des weißen Hauses hängen Banner mit Sprüchen wie: „Leerstand auf´s Korn nehmen“ und „Häuser denen, die sie brauchen“. Wir sind zum Interview verabredet mit zwei der Aktivist*innen und wollen ihre Motive, Hoffnungen und Zukunftspläne für das Haus erfahren.
Kornstraße 155

Wie lange das Haus in der Kornstraße schon leer steht, wissen sie nicht genau – sicher sei aber aus ihrer Sicht, dass es mindestens 20 Jahre seien. Ein Familienhaus mitten in der belebten Neustadt, das Wohnraum bieten könnte und doch steht das Haus nicht für mögliche Mieter*innen zur Verfügung. Warum ist unklar. Doch diese Hausbesetzung ist nicht die erste. Laut taz Artikel wurde das Haus im Oktober 2002 für eine Stunde das erste Mal besetzt, bevor es von der Polizei geräumt wurde. Auch ein Sparkassenbüro hat hier in der Kornstraße kurzzeitig seinen Platz gefunden. Nach dem Auszug des Sparkassenbüros sei der inzwischen 87 Jahre alte Besitzer des Hauses nicht im Stande gewesen sich so schnell um den weiteren Verlauf der Immobilie zu kümmern, so laut taz die Ehefrau des Besitzers. Dass Leerstand von eigentlichem Wohnraum ein Problem ist, sei ihr jedoch bewusst.
Das Haus in der Kornstraße bietet Potenzial, da sind sich die Aktivist*innen sicher. Sie wollen solidarischen Wohnraum bieten. Die Hausbewohner*innen wollen dann so viel zahlen, wie es ihr Einkommen ermöglicht, und nicht so viel, wie von ihnen verlangt wird. Besonders die oberen Etagen des drei stöckigen Hauses würden eine Möglichkeit bieten, um genau das zu ermöglichen. Sie wollen einen offenen Ort für die Gemeinschaft schaffen, in dem jede*r willkommen ist.
Wer ist „Leerstand Gestalten“?
Zusammengefunden hat sich die Gruppe „Leerstand Gestalten“ über genau dieses Thema. Sie stören sich an dem Leerstand, der nicht nur in Bremen, sondern in ganz Deutschland immer weiter zum Problem wird. Alleine in Bremen gab es laut buten un binnen im Jahr 2022 13.655 unbewohnte Wohnungen, was einem Leerstand von 3,7 Prozent entspricht. Über 600 Menschen sind wohnungslos und tausende Menschen sind von Wohnungslosigkeit bedroht, während sich die Mietpreise in den letzten Jahren um circa 40 Prozent erhöht haben. Zahlen, die dazu geführt haben, dass sich die Aktivist*innen dazu entschlossen haben, zu handeln, um in der Kornstraße dem Problem entgegenzuwirken.

Besonders die Unterstützung von den Nachbar*innen und anderen Personen, die ihre Solidarität zeigen, bestärkt sie in ihrem Handeln. Im Haus herrsche eine gute Stimmung, obwohl die Polizei Gas und Strom aus Sicherheitsgründen mittlerweile abgestellt hat.
„Nach der Pressekonferenz am Samstag sind an die 50 Menschen überwiegend aus der Nachbarschaft ins Haus gegangen um dort gemeinsam mit den Aufräumarbeiten zu starten, die es braucht, um das Haus renovieren zu können.“ teilte uns das Presseteam von „Leerstand Gestalten“ mit.
Als Aktivist*innengruppe, die unteranderem aus FLINTA* und Gen-Z-Personen besteht, ist ihnen besonders wichtig, einen Raum zu schaffen, der Menschen, die von Diskriminierung betroffen sind, einen Zufluchtsort bietet, an dem sie sich sicher fühlen können. Sie wollen dadurch die immer noch herrschenden binären und patriarchalen Strukturen aufbrechen und sich gegenseitig empowern – dazu gehört beispielsweise eine Mahnwache vorzubereiten oder Ideen zu sammeln, um die Neugestaltung des Wohnraums voranzubringen. Alles Dinge, die auch für sie neu sind und sie in ihrem Handeln nur noch weiter bestärken. Besonders in Bezug auf Gen Z ist es ihnen wichtig, nicht nur für junge Menschen bezahlbaren Wohnraum zu schaffen – Jede*r soll von ihrem Handeln profitieren können.
„Für uns sind Leerstand Gestalten – also nicht nur wir, die hier drin sind –, alle Menschen, die sich hier beteiligen wollen, die Ideen haben, wie man das hier gestalten kann. […] Ich finde, die Menschen gehören auf jeden Fall auch alle dazu, und das ist sehr wichtig.“ – so ein*e Aktivist*in

Sicherheit im Haus
Als wir das erste Mal vor dem Haus standen, fiel uns sofort ein großes Plakat neben der Eingangstür auf mit der Überschrift „Sicherheitskonzept“. Aufgezählt sind gesundheitliche, physische und rechtliche Gefahren, sowie der Hinweis „Betreten auf eigene Gefahr“, geschrieben in Großbuchstaben. Auch unsere Interviewpartner*innen erzählen uns, wie viel sie über das Thema Sicherheit diskutiert haben, sowie über die Tatsache, ob das Haus für andere geöffnet werden soll. Doch ihnen sei von Anfang an klar gewesen, sie wollen einen Ort für alle schaffen. Durch das Öffnen des Hauses würden sie den ersten Schritt in diese Richtung gehen.
Auch das Thema der Räumungsgefahr schwebt weiterhin über ihren Köpfen. Besonders nachdem die Polizei am letzten Dienstag genau damit gedroht hatte. Wirklich dazu gekommen ist es jedoch nicht. Auch eine Woche nach ihrer Besetzung des Hauses scheint es so, als würde alles ruhig bleiben. Doch egal, was in der nächsten Zeit noch auf sie zukommen wird, sie werden sich als Gruppe weiterhin dafür einsetzen, Gemeinschaft und solidarischen Wohnraum in die Kornstraße 155 zu bringen, um den Ort als Jugendtreffpunkt, Gemeinschaftscafé oder Veranstaltungsort mit ihren vielen Ideen wieder zu erwecken.
Lana Corzelius
Interview: Lisann und Lana



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