Mach den Mund auf: Sexismus von Ärzt*innen

Als meine Freundin Robin* mit Herzrhythmusbeschwerden zu ihrem Hausarzt ging, wollte sie eigentlich nur eine Überweisung an eine*n Kardiolog*in. Dieser fragte sie nach ihren Lebensumständen. Was mache sie beruflich? Ginge sie zur Uni? Wie käme sie mit allem klar? Robin schilderte, wie ihr Studium sie belastete und sie viel Stress hatte. Der Arzt wollte ihr dann ein Medikament verschreiben. Robin wollte natürlich wissen, um was es sich bei der Pille handelte. Dieser meinte nur, es sei für ihr „inneres Gleichgewicht.“ Mehr wollte er ihr nicht sagen, obwohl sie mehrmals nachfragte. Eine Überweisung an eine*n Spezialist*in für Kardiologie hielt er nicht für nötig. Robin aber schon. Sie lies sich nicht abwimmeln und bestand darauf. Schließlich bekam sie den Überweisungsbrief doch – und ein Rezept für das mysteriöse Medikament. Anstatt es einzulösen, googelte sie den Namen, der auf dem Schein stand. Es stellte sich heraus: Der Arzt wollte ihr ohne ihr Wissen ein Antidepressivum verschreiben.

Arztbesuche Verlaufen für Frauen oft Anders als für Männer

Unterschiedliche Tabletten

© frauenseiten ; Antje Robers

Wenn Frauen mit Beschwerden zu Ärzt*innen gehen, verlassen sie teilweise die Praxis, ohne dass sie ausreichend untersucht wurden. Oft verabschieden ihr Arzt oder ihre Ärztin sie dabei mit einem Rezept für Psychopharmaka. Frauen werden etwa dreimal so oft Antidepressiva verschrieben wie Männern. Dies fand der Arzneimittelreport der Barmer GEK 2012 heraus. Und dies, obwohl Frauen zwar häufiger als Männer, aber nur doppelt statt dreimal so oft an Depressionen leiden. Die Studie fand auch heraus, dass Frauen etwa zweimal so oft wie Männer Verschreibungen von Tranquilizern bekommen. Diese Arzneien wirken angstlösend und beruhigend und sie sind aus der Medizin nicht wegzudenken. Allerdings bergen sie ein großes Suchtpotenzial und lösen teilweise schwere Nebenwirkungen aus. Deshalb ist die unbegründete Verschreibungsrate besorgniserregend.

Wie erklärt sich die unterschiedliche Behandlung von Männern und Frauen? These: Sexismus. Ärzt*innen begegnen dem Leiden ihrer Patientinnen mit der Vermutung, dass sie ihre Symptome hysterisch überspielen, oder die Beschwerden eine psychologische Ursache haben. Die Aussagen über die eigenen Symptome von männlichen Patienten werden als sachlicher und autoritärer behandelt. Eine Studie der University of Maryland belegt diese Vermutung: Wenn Frauen Hilfe für Schmerzen suchen, werden sie weniger ernst genommen und ihre Schmerzen werden seltener angemessen behandelt. Es wird sich außerdem weniger Zeit für Patientinnen bei den gleichen Symptomen und Hintergrund genommen als männliche Patienten, und Patientinnen müssen länger warten, bis sie untersucht werden. Dies würde erklären, warum 26,4% aller Frauen finden, ihr Arzt oder ihre Ärztin nehme sich zu wenig Zeit für sie und höre ihnen nicht richtig zu, so eine Umfrage des Magazins Apotheken Umschau in 2009. Nur 18,1% der Männer machten die gleiche Aussage. Und 12,5% der Frauen fühlten sich nicht ernst genommen. Nur 7,9% der Männer empfanden dasselbe.

Fremdkörper: Frauenkörper

Einige Mediziner*innen erklären sich die unterschiedliche Behandlungsweise anders: Frauen haben einen anderen Krankheitsverlauf und drücken Symptome anders aus. Ungenügende Behandlung sei nicht Folge von Sexismus, sondern ergebe sich einfach daraus, dass Frauen ihre Beschwerden anders mitteilen als Männer. Deshalb ginge es darum, Ärzt*innen besser im erkennen weiblich-spezifischer Symptome zu schulen.

Vitruvianischer Mensch, Leonardo Da Vinci. Zeichnug eines nackten Mannes auf verbilbten Papier mit langen Haaren. Die Arme und Beine sind je zweimal gezeichnet. Die beine einmal ausgestreckt, einmal gespreizt. Die arme einmal ausgestreckt, einmal über die Schultern gehoben. Um den Mann sind ein Quadrat und ein Kreis gezeichnet, die sich überschneiden. Die gehobenen Arme und gespreizten Beine liegen am Kreis an. Die gestreckten Arme und Beine berühren das Quadrat. Über und unter dem Mann befindet sich ein Text in Handschrift.

Vitruvianischer Mensch, Leonardo da Vinci [Public domain], via Wikimedia Commons. Der männliche Körper galt seit der Antike als Idealbild des Menschen.

Tatsächlich wurden die Eigenheiten des weiblichen Körpers in der Medizin lang verkannt. Sehr lange Zeit wurden Medikamente überwiegend nur an männlichen Probanden getestet. Der männliche Körper galt als Standardmodell für die Medizin. Dabei reagieren Frauen aufgrund zum Beispiel des Hormonspiegels anders auf viele Medikamente. Teilweise war der Ausschluss aus Studien auch begründet: Man wollte eventuelle Schäden an Föten bei möglicherweise Schwangeren vermeiden. Jedoch führte dies dazu, dass Nebenwirkungen, die frauenspezifisch waren, unbekannt blieben. Erst seit 2004 sind Leiter*innen medizinischer Studien verpflichtet, Medikamente nicht nur an Männern zu testen. Viele Medikamente sind allerdings schon viel länger auf dem Markt.

Auch im Notfall nicht Erkannt

Nicht nur bei Medikamenten galt der männliche Körper als medizinisches Standardmodell. So sind die Symptome für einen Herzinfarkt, wie er in der Regel bei Männern verläuft, weitgehend bekannt. Bei Frauen zeigen sich aber ganz andere Symptome. Plötzlicher, starker Schmerz in der Brust, der in den Arm oder den Kiefer ausstrahlt? Frauen sollten nicht nur bei diesen Symptomen schleunigst in die Notaufnahme, sondern auch, wenn sie stark kurzatmig sind, ihnen übel wird oder sie erbrechen, aber auch wenn sie statt Schmerzen eine Enge- oder Druckgefühl in der Brust wahrnehmen. Nicht nur Frauen in der Allgemeinbevölkerung sind diese Symptome unbekannt. Auch Ärzt*innen verkennen die Anzeichen eines Herzinfarkts bei Frauen, und reagieren nicht schnell genug im Krankenhaus – oder schicken sie gar nach Hause.

Zeit für einen Wandel

Akt einer nackten, schwangeren Frau

(c) Lui Kohlmann

Frauen erhielten in der Medizin lange Zeit keine Anerkennung. Nicht nur als Ärztinnen und Wissenschaftlerinnen wurden sie aus dem Rampenlicht gedrängt, sondern sie wurden auch als zu Behandelnde nicht richtig wahrgenommen. Dieser Missstand wird zum Glück langsam angegriffen. So gründete das Charité in Berlin das Institut für Geschlechterforschung in der Medizin , welches an der „systematische Untersuchung von Geschlechterunterschieden in Gesundheit und Krankheit“ interessiert ist.

Es reicht aber nicht aus, die unzureichende Behandlung von Frauen auf Unwissenheit zu schieben. Die oben genannten Studien, und die persönlichen Erfahrungen vieler Frauen haben gezeigt, dass Patientinnen in der Praxis oft nicht ernst genommen werden. Das soll auch für dich bedeuten: Glaub dir selbst, wenn dein behandelnder Arzt oder deine Ärztin deine Beschwerden abweist. Bestehe auf eine Untersuchung, wenn deine Leiden auf die Psyche geschoben werden. Stell es in Frage, wenn dein Arzt oder deine Ärztin dir Medikamente verschreibt, ohne zu erklären, wofür. Hole dir ruhig eine zweite Meinung, wenn du deinem Arzt oder deiner Ärztin nicht vertraust. Nimm dich selbst ernst und setz dich durch. Robin kam vom Kardiologen mit einem unauffälligen EKG wieder. Es war alles im grünen Bereich. Aber auf diese Sicherheit musste sie erst bei einem Arzt bestehen, der sie lieber im Dunkeln lassen wollte.

*Der Name wurde für den Artikel geändert.

von Kathy Hemken

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