„Wacht auf! Steht auf!“
Mit diesem Ausruf begann am 5. März um 17 Uhr auf dem Bremer Marktplatz die Performance MEGALOPHONIA des Bremer Künstlerinnenverbandes GEDOK. Unter dem Motto „Vier Fenster, vier Stimmen, vier Generationen” verwandelte sich kurz vor dem Empfang zur Auszeichnung der Bremer Frau des Jahres der Platz vor dem Rathaus in einen vielstimmigen Resonanzraum feministischer Geschichte.
Der Anlass der Aktion waren sowohl der diesjährige Weltfrauentag, als auch das 100-jährige Jubiläum des Künstlerinnenverbandes selbst.

Vor Beginn wurden unter den Anwesenden auf dem gut gefüllten Marktplatz Booklets verteilt, die Hintergrundinformationen, vollständige Quellenangaben und das gesamte Skript enthielten. Die Zuschauer*innen hatten so die Chance, die eindrucksvolle Performance auf noch einer weiteren visuellen Ebene mitzuverfolgen.
Unter der künstlerischen Leitung von Elianna Renner entwickelte sich anschließend eine eindrucksvolle Klang- und Sprechperformance: Die vier Performerinnen Bianca Hein (intermediale Künstlerin), Çiçek Koç (Musikerin), Ela Fischer (Speakerin Künstlerin) und Gabriella Guilfoil (Opernsängerin) standen an geöffneten Fenstern und richteten Megafone auf den Platz.
Aus den Lautsprechern erklangen Sätze aus feministischen Manifesten, Streitschriften und politischen Texten. Mal einzeln gesprochen, mal als Chor, mal überlagernd. Der echoende Klang der Megafone und die rhythmischen Sprechpassagen machten die Texte nicht nur hörbar, sondern auch räumlich erfahrbar. Zitate aus rund 150 Jahren feministischer Theorie verdichteten sich dabei von choreografierten Einzelstimmen nach und nach immer wieder zu kraftvollen Sprechchören.
„Durch jahrzehntelange Indoktrinierung wird sexualisierte Gewalt so zu einem alltäglichen Sanktionsmechanismus. […]
WIR SIND EIN VERDAMMTES WUNDER!
Wir haben viel getan, wir haben noch viel zu tun.
Wir sind noch da! Und die Unbeugsamkeit, die sagt: wir bleiben auch da!“
Wieso „Megalophonia“?
Der Titel „Megalophonia“ ist dabei selbst ein Wortspiel. Auf der einen Seite lehnt sich der Begriff an den der „Megaphonie“ an, bezogen auf das Megafon als technisches Sprachrohr, während „megalo“ zugleich eine Steigerung von „mega“ bedeutet. Gemeint ist damit eine Vergrößerung der Stimme: ein kollektives Sprachrohr, das viele einzelne Stimmen bündelt. Damit versteht sich der Titel als Hommage an die Frauenbewegung und an all jene, die in den vergangenen Jahrhunderten Räume geöffnet und gesellschaftliche Veränderungen angestoßen haben.
Elianna Renner: Vom Archiv zum Text
Mit Elianna Renner als künstlerische Leitung erfreut sich die Performance an einer Künstlerin, die sich bereits in der Vergangenheit in ihren Arbeiten auf die Sichtbarmachung vergessener Biografien fokussierte. Im Vordergrund stehen dabei stets FLINTA*-Personen. Im Fall von „Megalophonia“ stellte sie sich dazu die Frage, wie sich 150 Jahre Frauenbewegung und feministische Kämpfe künstlerisch reflektieren lassen und wie die vielen unterschiedlichen Stimmen dieser Geschichte hörbar gemacht werden können. Statt die Texte lediglich zu präsentieren, sollten sie körperlich und räumlich erfahrbar werden.
Für die Performance sichtete Elianna Renner mehr als 150 internationale Manifeste und feministische Texte. Die Materialien stammen aus Online-Recherchen, aus ihrer eigenen Bibliothek sowie aus Archiven wie dem Bremer Frauenarchiv belladonna und der Stadtbibliothek. Aus jedem Text wurden wenige prägnante Sätze herausgelöst und zu Zitaten verdichtet. Anschließend montierte sie diese zu einem durchgehenden Text, der bewusst Brüche und „Stolpermomente“ enthält. Dadurch bleiben die unterschiedlichen historischen Kontexte hörbar.
Historische und zeitgenössische Stimmen stehen dabei ausdrücklich nebeneinander. Texte aus verschiedenen Jahrhunderten treten in einen Dialog: Forderungen wiederholen sich, verschieben sich oder erscheinen in neuen sprachlichen Formen. Aufgrund der im Booklet festgehaltenen vollständigen Quellenangaben zu allen Zitaten waren die Zuschauer*innen nachhaltig zum Weiterlesen eingeladen.
Ein kollektiver Probenprozess
Auch im Probenprozess blieb der Text beweglich. Die endgültige Fassung entwickelte sich erst im gemeinsamen Gespräch der Performerinnen. Durch wiederholtes Ausprobieren wurden Passagen gekürzt, verschoben oder rhythmisch akzentuiert. Choreografierte Sprechchöre verdichteten einzelne Stellen, Pausen und Überlagerungen erzeugten Spannung. So entstand aus vielen einzelnen Stimmen nicht einfach ein neues Manifest, sondern ein dialogischer Text: eine Verdichtung von Geschichte, in der Vergangenheit und Gegenwart ineinandergreifen.
Das Fenster als politisches Zeichen
Die Entscheidung für Fenster als Spielorte ist ebenfalls symbolisch. Sie verweist auf die Situation von Frauen in Afghanistan, wo die Taliban 2024 ein Dekret erließen, das Frauen unter anderem verbietet, an Fenstern sichtbar zu sein.
„Errungenschaften, die lange als gesichert galten, werden wieder infrage gestellt. Umso wichtiger ist es, feministische Netzwerke und solidarische Strukturen aufrechtzuerhalten und weiter auszubauen.“ – Elianna Renner
Indem die Performerinnen sich aus den Fenstern lehnen und ihre Stimmen über Megafone nach außen tragen, setzt die Performance ein bewusstes Zeichen gegen das Verstummenlassen von Frauen im öffentlichen Raum.
„Megalophonia“ versteht sich daher als Resonanzraum: ein kollektives Sprachrohr für Stimmen aus Vergangenheit und Gegenwart und für jene, die heute noch darum kämpfen, gehört zu werden.
Wie geht‘s weiter?
Doch mit der Performance in Bremen ist das Kunstprojekt noch lange nicht abgeschlossen. Bei wem hiermit nun das Interesse geweckt ist, bekommt schon bald die Chance, sich die MEGALOPHONIA-Installation noch einmal persönlich anzusehen! Ab Juni geht es weiter auf einer deutschlandweiten Tour. Der Starttermin ist der 11.06.2026 in der Großen Kunstschau.
Joline Corbes



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