Mein Bruder, Covid-19 und die Wut

schwarz-weiß Zeichnung eines jungen Mannes, der seine Hand an den Mund hält

(c) Carl B.

Das auf der Zeichnung ist mein Bruder. Er wohnt seit seinem 18. Lebensjahr in einem Pflegeheim. Bis dato bin ich mit ihm groß geworden. Jetzt ist er 36. Er hat verschiedene Behinderungen, mit denen er zur Welt kam. Sein Kopf ist sehr klein, und sein Gehirn konnte sich nie so entwickeln, wie es die Norm vorgibt. Er ist gehörlos, und hat eine Ganzkörperspastik. Seitdem er klein ist, hat er von Zeit zu Zeit Atemaussetzer. Als kleines Kind habe ich dann gerufen: Mama, Mama! Hilfe, Brüderchen ist wieder blau im Gesicht!
Der Brustkörper meines Bruders wölbt sich extrem nach außen. Früher habe ich manchmal mit meinen Händen darauf getrommelt, weil es sich immer so hohl anhörte. Mit seinen Armen und Händen kann er in den Himmel greifen. Seine Beine und Füße liegen dagegen fast immer regungslos da. Die Haut seiner Füße ist babyweich, weil er sie nie zum Laufen brauchte. Mein Bruder teilt seine Bedürfnisse über Geräusche mit. Ich kann sie meistens unterscheiden, beziehungsweise seine Stimmungen darüber einschätzen. Fremden fällt es oft schwer.

Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderung

Person liegt auf einer Rundschaukel, Covid-19

(c) privat

Ich habe sehr häufig das Gefühl, ich muss meinen Bruder und seine Behinderung erklären, bevor ich über ihn spreche. Wenn jemand wie er keine verbale Sprache hat, ist es schwer, immer für ihn die richtigen Worte zu finden. Denn woher weiß ich wirklich, was mein Bruder denkt, fühlt, braucht, will?
Und gerade deshalb: Menschen wie mein Bruder brauchen Stimmen in Zeiten einer Pandemie. Menschen, die sich nicht äußern können, müssen sichtbar bleiben. Und insbesondere, wenn sie wie mein Bruder zur Risikogruppe gehören. Eine Covid19-Infektion könnte höchstwahrscheinlich Schwerstfolgen für ihn haben oder sogar tödlich verlaufen. Viele Bewohner*innen seines Pflegeheimes gehören zur Risikogruppe.
Das Pflegepersonal, oft sowieso schon am und über Limit arbeitend, braucht laute Stimmen.
Ich will keine Verschwörungstheorien hören. Mir platzt der Kopf, wenn plötzlich Leute von Darwinismus anfangen, und verschachtelte Gedanken von NS-Euthanasie äußern. Und dann noch hinterherwerfen: „Ich meine ja nur.“ Das ist krank. Das war und ist ein Verbrechen.
Wenn Corona-Leugner*innen die Hygienemaßnahmen missachten, das Tragen von Masken bewusst verweigern, ist das ein gewaltvoller Akt, weil sie das Leben vieler anderer Menschen riskieren. Dass 20.000 Querdenker*innen ohne Mund-Nasen-Schutz am letzten Wochenende in Leipzig demonstrieren durften, ist für mich unfassbar.

Soziale Verantwortung und Pflegenotstand

Ich wünsche mir, dass Menschen aktuell einmal mehr um die Ecke denken, ihre soziale Verantwortung erkennen und danach handeln. Masken auf, draußen und drinnen Abstand halten, Hände waschen, soziale Kontakte auf das vorgegebene Minimum reduzieren, Zuhause bleiben, so viel es möglich ist. Ich finde, das ist nicht viel verlangt. Dann müssten Risikogruppen gerade weniger in Sorge sein, Angehörige weniger in Sorge sein, Pflegepersonal und Heimleitungen weniger in Sorge sein. Jegliches Leben ist schützenswert. Dass ich das überhaupt sagen muss, macht mich traurig und wütend.
Gerechte Bezahlung von Pflegepersonal und Entlastung von Pflegepersonal braucht es nicht nur in einer Pandemie. Aber mehr denn je kriegen wir gerade die Löcher aufgezeigt, die Jahr für Jahr größer geworden sind. Die Wunde klafft. Und Leidtragende sind Menschen wie mein Bruder, die in jeglicher Form abhängig sind von politischen Entscheidungen, funktionierenden Pflegeeinrichtungen und sozialgetragener Verantwortung gesunder Menschen.

Schwarz-weiß Fotografie zweier Menschen auf einer Rundschaukel, Covid 19

(c) privat

Wir brauchen einander. Mein Bruder braucht. Ich als Angehörige brauche. Das Pflegepersonal braucht. Damit wir alle gesund durch die Pandemie kommen. Für eine gesunde Gesellschaft, in der soziale Gerechtigkeit im Vordergrund steht, und nicht marktwirtschaftliche Entscheidungen den Vorrang haben.
Das wünsche ich mir, ganz besonders für meinen Bruder und meine Familie. Und auch für alle anderen, die nicht die Möglichkeit haben, sich zu äußern und als Risikogruppe besonders betroffen sind. Meine Geschichte ist persönlich, die Behinderung meines Bruders ist persönlich, doch wie heißt es so treffend: Das Private ist politisch.

Geschrieben von einer Schwester

 

Zu den Zeichnungen und Fotos: Mein Bruder trägt keine Maske, weil er sie sofort abreißt. Mein Bruder hört nicht und begreift den Sinn einer Maske nicht. Meinen Bruder habe ich seit dem Ausbruch von Covid-19 ganze zwei Mal in den Arm nehmen können. Dabei ist unser gemeinsames Foto entstanden.

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