#metoo – Die Scham ist vorbei

#metoo – Sexismus – Feminismus – Genderismus – Kapitalismus, Islamismus, Faschismus…. Machismo – Patriachat – #metoo?

-ismus, -ismus, -ismus? – steht in der Regel für eine bestimmte Ideologie, wobei schon allein beim Wort „Ideologie“ in einer Debatte die meisten Bürger*innen zusammen zucken und denken: Bloß keine Ideologiedebatte! Warum eigentlich nicht? Ideologiedebatten können zur Klärung von Positionen und Haltung führen. Die aktuelle #metoo Debatte ist weit entfernt von irgendwelchen Ideologiedebatten. Es geht vielmehr um diverse Schattierungen von Übergriffen in unterschiedlichen Kontexten. Die Frage ist eher, ob die aktuelle mediale Aufgeregtheit auch zu einer langfristigen, strukturellen Veränderung führt oder ob die allgemeine und mediale Aufgeregtheit, wie so viele Skandale verpufft, ohne dass sich etwas ändert.

Ein beherztes „Nein“-Sagen wird Frauen meist in ihrer Kindheit abtrainiert

Seit dem letzten Jahr beklagen prominente privilegierte Frauen sexuelle Übergriffe von noch privilegierteren mächtigen Männern in der Filmbranche. Manche haben das würdelose „Spiel“ lange über sich ergehen lassen, um vielleicht berufliche Vorteile zu erreichen, mit oder ohne Erfolg, jedenfalls nicht ohne hohen persönlichen Preis. Ob ihnen die verschwiegene Entwürdigung und Verletzung das wert war, werden sie mit sich ausmachen müssen. Das bestehende Machtgefälle zwischen den Geschlechtern jedenfalls ist unangetastet geblieben. Ein beherztes „Nein“-Sagen wird Frauen meist in ihrer Kindheit abtrainiert. Doch frau sollte lernen Nein zu sagen und zwar mit Mut, Selbstwertgefühl und der Unterstützung von Müttern, Freundinnen, Lehrer*innen. Sie sollten sich nicht abhalten lassen mit Äußerungen wie: „Ach, nun stell Dich nicht so an“.

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Nun ist die #metoo Debatte nicht nur in Deutschland in den öffentlich rechtlichen Medien angekommen, sondern auch in der „normalen“ Arbeitswelt. Und das ist gut so. Den Anfang haben prominente Künstlerinnen aus der hochdotierten Filmbranche gemacht. Sie haben über ihre medialen Zugänge ihre persönlichen Erfahrungen mit einzelnen Männern öffentlich gemacht und vor allem haben sie Namen genannt!

Machtmissbrauch lässt sich durch Regeln eindämmen

In den unter #metoo veröffentlichten persönlichen Beiträgen geht es um ein großes Spektrum von plumper Anmache, sexuell konnotierten Übergriffen bis zu gravierenden Gewalttätigkeiten und Vergewaltigung. Und das nicht nur im privaten, sondern auch im öffentlichen Rahmen und im Kontext der Berufsausübung.

Nicht erst heute haben Frauen immer wieder versucht die prägenden und unter Umständen traumatischen sexuellen Übergriffe zu thematisieren, ihren Ausführungen wurde nicht geglaubt und sie fanden kein öffentliches Gehör. Sei es dass sie selbst aus Scham oder vor den Konsequenzen für sich und andere zurück geschreckt sind, oder die Lehrer, Redakteure, Juristen haben ihrem eigenen Geschlecht eher Glauben geschenkt. Das was sich zwischen zwei Menschen in einem geschlossenen Raum abgespielt, ist nie leicht zu beurteilen. Letztendlich steht Aussage gegen Aussage. Im beruflichen Kontext muss es klare transparente Regeln geben, wie zum Beispiel kein Casting ohne neutrale Zeug*innen. Machtmissbrauch lässt sich durch Regeln eindämmen, die einklagbar sind und allgemein akzeptiert werden.

#metoo kann so gut wie jede erwachsene Frau sagen

Angefangen von Groteskem, Anekdotischem bis zu gewalttätigen, gravierenden beschämenden traumatischen lebensbedrohlichen Erlebnissen. Angefangen von sexualisierten Blicken von männlichen Lehrern, die ihren pubertierenden Schülerinnen körperlich unangemessen nah kommen, von willentlich und bewusst herabwürdigenden Äußerungen. So genannte „Herrenwitze“ nicht zu vergessen. Und es hört nicht auf, siehe Trump und seine weibliche Gegenspielerin Hillary Clinton im US-Wahlkampf 2016. Ziel solcher Angriffe ist es immer das weibliche Gegenüber klein zu halten, klein zu machen, in die Enge zu treiben, zu verletzen und Macht auszuspielen.

Für eine weitreichende Veränderung reicht es nicht Castings in Hotelzimmern zu streichen. Wünschenswert ist eine Machtverschiebung zugunsten der Schwächeren, der in der Hierarchie tiefer Stehenden. Quoten sind ein erster Schritt. Machtlos sind Frauen keineswegs. Aktuell geht in den USA die #metoo Debatte in eine „time is up“ Bewegung über. Und vergessen? Selbst die Schwarze Zimmerfrau im Hotelzimmer mit dem sehr mächtigen IWF-Chef Strauss-Kahn war nicht machtlos, obgleich das Machtgefälle extrem war. Sie ging den Weg der Justiz, obwohl es versucht wurde sie mit Geld zu korrumpieren. Zusammen mit andern gedemütigten Frauen, stürzte sie den Serientäter Strauss-Kahn. Seine Nachfolgerin Christine Lagarde, sieht sich als Feministin und hat durch speziell auf Frauen zugeschnittene IWF-Programme zur Verbesserung der ökonomischen Situation von Frauen beigetragen. Immerhin: ein kleiner Schritt.

Frauen kommen noch immer eher in Machtpositionen, wenn Männer versagen

Auch Angela Merkel kam an die Macht, nachdem Stoiber als Kanzlerkandidat verloren hatte. Ein Beispiel von Vielen. Quotierung greift ganz oben weniger und vererbte Macht an. Frauen gibt es in Königshäusern und kapitalistischen Unternehmen. Das macht diese Frauen aber noch lange nicht zu Streiterinnen für Frauenrechte und gegen Diskriminierungen und Benachteiligung. Auch die bekennende Feministin Hillary Clinton will eher die gläserne Decke von beruflichen Möglichkeiten für Frauen durchbrechen, als Benachteiligungen von Frauen am unteren Rand der Gesellschaft gegen neoliberale Kapitalinteressen durchsetzen.

Zu Beginn der 70er Jahre entwickelte sich in der nach-68-Phase in Westdeutschland die sogenannte Neue Frauenbewegung, zuerst über den Kampf gegen den §218: „Mein Bauch gehört mir“. Es gab viel Befreiendes, Tatsächliches und Gefühltes wie ein Buch einer niederländischen Feministin über Gewalt in privaten Beziehungen: „Die Scham ist vorbei“. Seitdem sind eine Reihe struktureller Veränderungen erreicht worden, was die Normen betrifft und gesetzliche Rahmenbedingungen. 1977 wurde in der BRD ein Gesetz verabschiedet, dass es Frauen erlaubt ohne Einwilligung ihres Ehemanns zu arbeiten. Erst seit 1997 ist Vergewaltigung in der Ehe strafbar. Das deutsche Sexualstrafrecht wurde mehrfach konkretisiert, aber bis heute trägt das Ehegattensplitting nicht zu Gleichberechtigung bei. Es ist immer noch ein langer Weg, auch seitdem laut Grundgesetz Frauen und Männer gleichberechtigt sind.

No Means No!

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Die #metoo Debatte ist eine Weiterentwicklung der „Brüderle“-Debatte, welche drei Jahre her ist. Gegen massive Gewalt a la Strauß-Kahn hilft nur der Weg über Polizei und Justiz, bei sprachlichen Entgleisungen a la Brüderle helfen nur öffentliche Debatten. „Name it and shame it.“ Im Privaten müssen immer wieder rote Linien abgesteckt werden und da hilft nur gegenseitige Unterstützung und Selbstwertgefühl, aber keine falsche Scham. #metoo ist passiv – mir auch und nicht ich auch. Scham ist ein großes tiefes Gefühl.

Warum empfinden wir Frauen Scham und nicht die schamlosen Männer, die die unwürdige Situation provozieren? Mein letztes #metoo Erlebnis war im letzten Herbst an einem Vormittag im kaum besetzten Bus im tiefen Westen von Rheinland-Pfalz, als ich zum nächstgelegen Bahnhof fuhr und ein Pubertärer sich anschickte in seiner Jogginghose zu fummeln. Seine Erektion war deutlich sichtbar. Und was war mein Gefühl? Scham und Herzklopfen. Wie idiotisch! Nachdem ich einige Handlungsoptionen durchgespielt hatte von: Eine runter hauen, ein Foto machen, mich wo anders hinsetzen, dem Busfahrer Bescheid sagen, setzte ich meinen bösesten Mutterblick auf und er merkte sein unangebrachtes Verhalten. Ich denke, ihm war sein sexuelles Handeln in der Öffentlichkeit nicht bewusst.

Die Scham ist vorbei

Politisch ließe sich die Geschichte leicht rechtslastig skandalisieren. Viel besser wäre es, wenn einem solche Erlebnisse erspart blieben. Nun erzähle ich die Geschichte am liebsten Männern, damit sie sich vielleicht etwas für das unmögliche Verhalten ihres Geschlechtsgenossen schämen. Meine Hoffnung ist, dass sie ihr eigens geschlechtsspezifisches Verhalten reflektieren und Grenzverletzungen zumindest wahrnehmen und die aktuelle #metoo Debatte nicht als ein diffamierenden und verharmlosenden sogenannten „Zickenkrieg“ von gestern abtun. Trotzdem ärgere ich mich über mein damaliges unangemessenes Schamgefühl. Denn die Scham ist vorbei.

Als alte Frau sage ich den jungen Frauen und Mädchen, lasst euch nicht die Butter vom Brot nehmen. Frauen sind heute nicht mehr, wie einst John Lennon besang: „Woman is the nigger of the world“. Aber lasst euch nicht mit fadenscheinigen Argumenten zurückpfeifen und in die dritte, vierte, fünfte Reihe platzieren. Dafür müsst ihr kämpfen, als angepasstes „Everybodies darling“ kommt ihr nicht weit. Unser Spruch aus den 70er passt auch heute noch: „Brave Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin“.

Andrea Kolling, Anfang 2018

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