myveryownfeministbookclub – ein Interview

Zu sehen ist eine Reihe feministischer Bücher

(c) Theresa Schlesinger

Theresa Schlesinger, Dramaturgin am Theater Bremen, hat den feministischen Buch Klub „myveryownfeministbookclub“ gegründet. Inspiriert durch die Produktion von WÜST, tauscht sie sich dort virtuell mit anderen Frauen über feministische Bücher aus. Spannend oder? Finden wir auch. Unsere Autorin Pia Reiter unterhält sich mit ihr über Feminismus, Theater und was das alles mit Intersektionalität zu tun hat.

 

Pia Reiter (frauenseiten): So. Theresa Schlesinger sitzt gerade vor mir, Dramaturgin am Theater Bremen und seit ein paar Wochen Führerin eines feministischen book clubs. Hallo!

Theresa Schlesinger: Hi. (lacht.)

frauenseiten: Kannst du für unsere Leser*innen zu Beginn vielleicht kurz beschreiben worum es sich handelt?

Theresa: Ok. Also myveryownfeministbookclub ist im Prinzip ein virtueller Buchklub auf der Website des Theater Bremen und in dem virtuellen Raum den ich gegründet habe. Den habe ich Ende März zu Beginn des Lockdowns gegründet, weil ich mich weiterhin über feministische Literatur austauschen wollte. Ich kam gerade aus einer Produktion, WÜST oder die Marquise von O…. – Faster Pussycat! Kill! Kill!“  , die eben auch auf der Dekonstruktion weiblicher Rollen-/Gender-Klischees basiert. Dafür hatten wir viel gelesen, ich hatte also einen Haufen Bücher und dachte mir „ich teile den jetzt“. Wir besprechen jeden Monat ein Buch, das ich vorher ankündige. Momentan suche ich das aus, aber wir besprechen in der Runde was wir lesen wollen und dazu sende ich wöchentlich oder alle zwei Wochen E-Mails aus – über einen Verteiler der auch geschützt es, also privat – mit Zusatzmaterial. Dann treffen wir uns einmal im Monat im virtuellen Raum und besprechen die Lektüre, die wir gelesen haben. Bis jetzt gab es zwei Treffen, das erste war noch sehr offen und das zweite war dann zu Virginia Woolf „Ein eigenes Zimmer“ und jetzt gerade lesen wir aus „Schwarzer Feminismus“ von Natasha A. Kelly zwei Texte.

„Ich bin wirklich dankbar für alle, die mich korrigieren.“


frauenseiten: Klingt auf jeden Fall total spannend. Du befasst dich ja momentan sehr stark mit Feminismus. Fällt dir vielleicht so ein Schlüsselmoment ein, der dich zum Feminismus gebracht hat? Und gibt es da eine Verbindung zum Theater?

Theresa: Vielleicht tatsächlich die Lektüre von Rebecca Solnit „Men Explain Things To Me“ und „Untenrum frei“ von Margarete Stokowski, die habe ich so mit Anfang 20 gelesen. Das hat bei mir einen Perspektivenwechsel ausgelöst, und meine Aufmerksamkeit darauf gerückt, was ich vorher schon wusste, aber womit ich mich noch nicht so richtig auseinandergesetzt habe. Dass es Ungerechtigkeiten und Diskriminierungen gibt, die auf einer Struktur basieren, die wir alle auf eine gewisse Weise auch mittragen. Solnit und Margarete Stokowski schreiben darüber, dass es das braucht, sich damit auseinanderzusetzen, es aufzuschreiben und auszusprechen. Das hat auch mit dem Theater zu tun. Weil wir im Theater natürlich auch Geschichten erzählen und Dinge reproduzieren, ist es mir auch insofern ein Anliegen eben nicht das zu bekräftigen, was diese diskriminierende Struktur eben ausmacht. Sondern Geschichten zu erfinden, neu oder anders zu schreiben, die vielleicht eine Perspektive drehen oder aufmachen, die wir bis jetzt noch nicht kennen. Die dann eben auch Frauen in den Mittelpunkt rückt, die sonst keine Bühne bekommen würden. Damit wir sehen: Die existieren auch und die haben eigene Geschichten zu erzählen. Und dem möchte ich auch eine Plattform geben. Und das hat dann ganz viel mit meiner Arbeit als Dramaturgin zu tun.

frauenseiten: Vor ein paar Tagen hast du ja eine Art Zwischenbericht veröffentlicht. Was mir da im Gedächtnis geblieben ist, ist erst mal die Beschreibung von Feminismus als Aufdröseln von Selbstverständlichkeiten und auch der Fokus, den du auf Intersektionalität gelegt hast. Kannst du darauf noch mal etwas eingehen?

Zu sehen ist das Buch „Men explain things to me“, das von Theresa Schlesinger vor das Gesicht gehalten wird

Rebecca Solnit’s „Men Explain Things To Me“(c) Theresa Schlesinger

Theresa: Ja, auf jeden Fall. Das ist etwas, wo ich selber noch viel zu lernen habe und was mich eben durch die Lektüre, aber auch durch die Begegnung mit unterschiedlichen Menschen in meiner Arbeit und im Privaten beschäftigt. Was mir einfach immer mehr auffällt und was uns, glaube ich, auch immer mehr auffallen sollte ist, dass es unterschiedliche Arten von Diskriminierungen gibt. Klar, Feminismus beschäftigt sich natürlich mit der Diskriminierung von Frauen. Gleichzeitig ist es aber so, dass wir das als Frauen unterschiedlich erleben. Ich erlebe es natürlich anders als zum Beispiel eine Schwarze Frau. Das ist eine andere Art von Diskriminierung, da überschneidet sich was. Intersektionalität beschreibt genau das, die Überschneidung von Diskriminierungsformen. Was mir wichtig ist, ist dass es bei Feminismus nicht darum gehen kann nur die eigene Position zu verändern. Bell Hooks beschreibt das auch als white feminism, der kapitalistisch angeordnet ist. Hier geht es darum, sich als weiße Frau zu profilieren, aber gleichzeitig die Struktur zu erhalten. Das kann natürlich nicht sein. Stattdessen muss betrachtet werden, dass es beispielsweise Rassismus oder Klassismus gibt und wie sich die Diskriminierungsformen überschneiden. Es geht also darum sich zu fragen, wie kann ich als Feministin dafür sorgen, dass wir wirklich eine Chancengleichheit hinbekommen und dass ich nicht weiter diskriminiere. Ich muss also meine eigene Perspektive hinterfragen: Check your privileges! Und das ist auch nicht leicht.

frauenseiten: Das erfordert auch Mut, oder? Man kann ja auch immer falsch liegen.

Theresa: Und das ist auch total einfach zu sagen, mir fällt aber immer schwer zu sagen, ob ich das auch tatsächlich lebe. Und wie gebe ich dem Raum? Practice what you preach.

„Frauen* haben eigene Geschichten zu erzählen.“


frauenseiten: Aber genau das wird dann wohl auch erst im Austausch entschlüsselt… Und das ist auch eine gute Überleitung zur nächsten Frage! (lacht.) Wie zentral ist für dich Austausch oder Streit, vielleicht auch das Lesen selbst für deinen Feminismus?

Zu sehen ist das Buch „Ein eigenes Zimmer“, türkis eingefärbt

„Ein eigenes Zimmer“ wurde als erstes besprochen (c) Theater Bremen

Theresa: Total zentral, vielleicht auch das Wichtigste. Das war auch der Ausgangspunkt für den Buch Klub, weil er ja in einer Situation entstanden ist, als es keinen direkten Austausch gab. Sonst habe ich den Austausch mit Freund*innen oder in meiner Arbeit im Rahmen von Produktionen, wo man eben etwas liest, sich dann darüber austauscht und sich auch gegenseitig berichtigt. Ich bin wirklich dankbar für alle, die mich korrigieren. Ich weiß, dass das auch eine Arbeit ist zu sagen „hey das ist jetzt nicht cool wie du das formulierst“, oder „das ist einfach nicht okay“, oder „da musst du mal schauen, sollte diese Position nicht von jemandem anderen erfüllt werden?“ Deswegen ist das auf jeden Fall der Kernpunkt meines eigenen Feminismus oder des Feminismus, den ich versuche zu vertreten. Und der Austausch im Buch Klub ist wirklich das aller Schönste. Ich finde es wirklich super herzerwärmend wie man merkt, dass man auch über die Distanz virtuell so etwas teilt und auch über einen langen Zeitraum das Gleiche liest. Zu sehen welche Fragen die anderen dann haben oder zu sehen wie sich das dann auch verbindet mit den eigenen Gedanken.

frauenseiten: Jetzt hast du ja schon lauter Schlüsselbegriffe oder zentrale Fragen aufgeworfen, wie beispielsweise Intersektionalität oder den Austausch. Am 3. Juli besprecht ihr, da hast du ja schon drauf hingewiesen, das Buch „Schwarzer Feminismus“ von Natasha A. Kelly. Ohne zu spoilern, kannst du für unsere Leser*innen einen Ausblick für die nächsten Wochen geben? Hast du einen Masterplan?

Theresa: Noch gar nicht so sehr. Danach ist bei uns ja erst mal Spielzeit-Pause. Es gab auch ganz viele Empfehlungen, die ich entweder per Mail oder persönlich bekommen habe und würde jetzt über die Ferien erst mal eine Liste ansetzen mit all diesen Büchern und vielleicht noch eigenen Empfehlungen. Vielleicht auch als eine Art Ferienlektüre, es gibt einfach so viel, was man noch lesen könnte! Die Entscheidung für das Thema Schwarzer Feminismus kam auch durch den letzten Termin. Ich hätte sonst vielleicht etwas von Carolin Emcke oder eben Margarete Stokowski gelesen, wir hatten ja vorher eher historisch angefangen mit Virginia Woolf. Und gleichzeitig kam auch ein starkes Bedürfnis, sich noch mal mehr mit Schwarzem Feminismus auseinander zu setzen, natürlich auch bedingt durch die jüngsten Ereignisse. Ich könnte mir auch gut vorstellen noch etwas von Toni Morrison zu lesen, das wäre dann eher ein Roman. Bis jetzt haben wir uns eher aus wissenschaftlicher und historischer Perspektive mit der feministischen Frage befasst. Ich könnte mir vorstellen, dass es auch gut wäre, jetzt noch mal in eine Erzählung hinein zu gehen. Aber ich versuche wirklich aufzunehmen, wie die Stimmung in der Gruppe ist, um auch zu gucken, worauf alle Lust haben und was für uns wichtig ist noch zu besprechen. Ich hatte den Eindruck, dass das Thema Schwarzer Feminismus für jetzt gerade wichtig war zu besprechen. Aber es gibt eine ganz lange Liste von Dingen, die wir in den nächsten Wochen noch besprechen könnten. Sheila Heti, Paula Irmschler, Olivia Wenzel beispielsweise.

„Der Austausch auf jeden Fall der Kernpunkt meines Feminismus.“


frauenseiten: Ich hatte mir vorgestellt hatte, dass man als Dramaturgin vielleicht einen Punkt hat, auf den man dann Erzählstrangmäßig und dramaturgisch hinauswill. Aber vielleicht ist gerade diese organische, kollektive Mitentwicklung total zentral, oder?

Zu sehen ist das Buch „Schwarzer Feminismus“, pink eingefärbt

Das Buch wird am 3.7 besprochen (c) Theater Bremen

Theresa: Am Anfang hatte ich das auch. Als ich den ersten Beitrag geschrieben habe, hatte ich einen genauen Plan. Da hätten wir jetzt Margaret Atwood, wahrscheinlich tatsächlich Bell Hooks und dann wären wir wahrscheinlich zu Donna Haraway übergegangen. Aber ich hatte dann, nachdem wir das erste Treffen hatten und ich die Zusammensetzung gesehen hatte, das Bedürfnis das etwas aufzubrechen. Wir sind ja dann noch mal zurückgegangen, also wir haben wir dann Virginia Woolf besprochen. Das hatte ich schon gelesen und einen Artikel dazu auf der Website vom Theater Bremen geschrieben – das ist dann mein persönlicher Blick darauf – und das haben wir dann noch mal in der Gruppe besprochen. Auch dass wir uns einmal im Monat treffen, war Wunsch der Gruppe und nicht von mir geplant. Ich hatte eben gefragt „wie oft wollt ihr euch treffen, wie lange braucht ihr für das Buch?“ und dann haben wir gemeinsam im Einverständnis entschieden, dass alle vier Wochen ein Buch besprochen wird.

frauenseiten: Ja voll spannend! Also, ich bin ja schon in dem E-Mail Verteiler und ich wünsch dir noch ganz viel Erfolg, Weiterentwicklung und vor allem Spaß!

Theresa: Vielen Dank!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.